Der heilige Paulinus von Trier – Für die Wahrheit in die Verbannung

Im 4. Jahrhundert waren die großen Christenverfolgungen vorüber, doch in der Kirche war keineswegs Ruhe eingekehrt. Im Innern entbrannte ein erbitterter Streit um die Frage, wer Jesus Christus wirklich ist: Gott? Mensch? Beides? In die Auseinandersetzung griff auch Kaiser Constantius II. ein und setzte jene Bischöfe unter Druck, die am Glauben des Konzils von Nicäa festhielten.

In dieser Lage musste Paulinus von Trier auf der Synode von Arles im Jahr 353 über die Verurteilung des heiligen Athanasius entscheiden. Eine falsche Entscheidung konnte den Glauben der Kirche beschädigen, eine richtige das eigene Amt kosten.

Der Streit

Über die frühen Lebensjahre des Paulinus ist leider wenig bekannt. Nach der Überlieferung stammte er aus Aquitanien und kam gemeinsam mit dem heiligen Maximin nach Trier. Als Maximin Mitte des 4. Jahrhunderts starb, folgte ihm Paulinus im Bischofsamt.

Er übernahm die Trierer Kirche in einer Zeit, in der ein heftiger theologischer Streit das gesamte Römische Reich erfasst hatte. Im Mittelpunkt stand die Lehre des Arius. Arius lehrte, der Sohn Gottes besitze einen Anfang und gehöre auf die Seite der Geschöpfe. Christus stand für ihn über der übrigen Schöpfung, war jedoch nicht in derselben Weise Gott wie der Vater. Seine Lehre fand zahlreiche Anhänger, auch unter den Bischöfen. Unter Kaiser Constantius II. gewann die arianische Partei schließlich so großen Einfluss am Kaiserhof, dass die theologische Auseinandersetzung zunehmend mit politischem Druck geführt wurde.

Mit seiner Lehre traf Arius den Kern des christlichen Bekenntnisses an seiner empfindlichsten Stelle. Wenn Christus ein Geschöpf wäre, hätte Gott Selbst unsere menschliche Natur nicht angenommen. Die Kirche würde in ihren Gebeten und Gottesdiensten einem Geschöpf göttliche Ehre erweisen. Auch die Erlösung bekäme einen anderen Sinn, denn am Kreuz hätte sich nicht Gott Selbst für uns hingegeben. Die Trennung zwischen Gott und Mensch wäre nicht überwunden, und wir blieben trotz des Kreuzes unerlöst.

Das Konzil von Nicäa hatte deshalb bereits im Jahr 325 bekannt, dass der Sohn mit dem Vater wesensgleich ist. Einer der entschiedensten Verteidiger des nizäischen Bekenntnisses war Athanasius von Alexandrien. Seine Gegner versuchten über Jahre hinweg, ihn aus seinem Amt zu entfernen. Während der Verbannung fand Athanasius Aufnahme in Trier. Paulinus’ Vorgänger Maximin stellte sich schützend vor ihn. Als Paulinus Bischof wurde, kannte seine Diözese den Streit daher aus nächster Nähe.

Im Jahr 353 erreichte der Konflikt Paulinus persönlich. Auf der Synode von Arles wurde den versammelten Bischöfen die Verurteilung des Athanasius zur Unterschrift vorgelegt. Die vom Kaiser unterstützten arianischen Bischöfe wollten zuvor weder über die Glaubensfrage beraten noch die Vorwürfe gegen Athanasius gründlich prüfen. Constantius II. hatte angeordnet, jeden Bischof zu verbannen, der seine Zustimmung verweigerte. Die meisten gaben dem Druck nach. Paulinus unterschrieb nicht.

„Nur wenige, denen der Glaube teuer und die Wahrheit wichtiger war, nahmen das ungerechte Urteil nicht an; unter ihnen Paulinus, der Bischof von Trier“, schrieb später der Kirchenhistoriker Sulpicius Severus (Chronica II, 37,7).

Paulinus wusste, dass der Kaiser seine Drohung wahr machen konnte. Mit einer Unterschrift hätte er sein Amt behalten und nach Trier zurückkehren können. Seine Weigerung würde ihn dagegen von seiner Diözese und den Gläubigen trennen, für die er Verantwortung trug. Dennoch blieb er bei seinem Urteil. Er schloss sich keiner Seite blind an und behandelte die vorgelegten Fälle nicht als ein gemeinsames Paket. Weder die angedrohte Verbannung noch die Zustimmung der übrigen Bischöfe brachte ihn dazu, ein Urteil zu unterschreiben, das er für unwahr und ungerecht hielt.

Constantius II. machte seine Drohung wahr. Der Heilige wurde abgesetzt und nach Phrygien in Kleinasien verbannt. Dort lebte Paulinus fünf Jahre unter Entbehrungen, weit entfernt von seiner Gemeinde. Im Jahr 358 starb er im Exil, ohne Trier noch einmal gesehen zu haben. Erst nach seinem Tod kehrte er zurück. Seine Gebeine wurden später nach Trier zurückgebracht und in der heutigen Kirche St. Paulin beigesetzt. Die Trierer Kirche verehrt ihn als Märtyrer, weil er die Verbannung und ihre tödlichen Folgen um den katholischen Glauben willen auf sich nahm.

Bildung, die vor Ideologie schützt

Paulinus konnte die Forderung des Kaisers zurückweisen, weil er verstand, worum es in dem Streit ging. Er kannte das Bekenntnis von Nicäa und wusste, welche Folgen die Lehre des Arius für den Glauben an Christus hatte. Deshalb ließ er sich auch nicht einreden, bei der Verurteilung des Athanasius gehe es lediglich um eine Personalfrage. Wahrscheinlich kannte Paulinus Athanasius sogar persönlich. Athanasius hatte ja während seiner Verbannung mehrere Jahre unter dem Schutz des Bischofs gestanden. Nach der Überlieferung gehörte Paulinus damals bereits zum Trierer Klerus. Sicher belegen lässt sich eine Begegnung der beiden nicht. Es spricht jedoch vieles dafür, dass Paulinus den berühmten Bischof aus Alexandrien erlebt und seine Verteidigung des nizäischen Glaubens gehört hatte.

Athanasius selbst wusste aus eigener Erfahrung, wie schnell eine theologische Auseinandersetzung entstellt werden konnte. Seine Gegner widerlegten ihn nicht, sondern versuchten, ihn durch Anklagen, Synoden und Verbannungen zum Schweigen zu bringen. Gegen Ende seines Lebens schrieb er darüber: „Wenn es nun für einen der Bischöfe gänzlich ungehörig war, seine Meinung bloß aus Furcht vor diesen Dingen zu ändern, so war es noch viel weniger angemessen – und entsprach nicht der Haltung von Männern, die auf ihren Glauben vertrauen –, Unwillige zu zwingen und zu drängen. Auf diese Weise verfährt der Teufel (…) Denn die Wahrheit wird nicht mit Schwertern, Wurfspießen oder durch Soldaten verkündet, sondern durch Überzeugung und Zuspruch“ (Historia Arianorum 33).

Paulinus erlebte in Arles das Gleiche. Die Bischöfe sollten nicht gemeinsam prüfen, ob die Vorwürfe gegen Athanasius stimmten. Sie sollten ein vorbereitetes Urteil unterschreiben. Der Kaiser ersetzte das theologische Argument durch die Drohung mit der Verbannung. Paulinus erkannte diesen Unterschied und zog daraus die Konsequenz.

Eine solche Klarheit braucht auch jeder Priester. Im Studium muss er die Heilige Schrift, die kirchliche Überlieferung und die Entstehung der Glaubenslehre gründlich kennenlernen. Dabei genügt es nicht, einzelne Lehrsätze auswendig zu wissen. Er muss verstehen, weshalb die Kirche etwas bekennt und welche anderen Aussagen damit verbunden sind. Nur dann bemerkt er, wenn vertraute kirchliche Worte gebraucht werden, ihr eigentlicher Inhalt aber verloren geht. Dazu gehört auch der sorgfältige Umgang mit Quellen. Einzelne Sätze lassen sich leicht aus ihrem Zusammenhang lösen und für nahezu jedes gewünschte Ergebnis verwenden. Eine gute Ausbildung lehrt deshalb, Texte vollständig zu lesen, ihre Entstehungszeit zu berücksichtigen und unterschiedliche Aussagen miteinander in Beziehung zu setzen. So wird sichtbar, ob eine Behauptung wirklich aus dem Glauben der Kirche hervorgeht oder ob der Glaube nachträglich für ein bereits feststehendes Ziel in Anspruch genommen wird. Diese Arbeit dient nicht allein der persönlichen Sicherheit des Priesters. Seine Predigt und sein Rat prägen den Glauben anderer. Viele Gläubige haben weder die Zeit noch die Möglichkeit, die Beschlüsse alter Konzilien oder die Schriften der Kirchenväter selbst zu studieren. Sie müssen darauf vertrauen können, dass ihr Priester die Lehre der Kirche gewissenhaft darstellt und schwierige Fragen verständlich erklärt.

Auch die Unterschrift des Paulinus betraf daher nicht nur ihn selbst. Als Bischof sprach er mit kirchlicher Autorität. Hätte er Athanasius wider besseres Wissen verurteilt, hätte er damit den Eindruck erweckt, dessen Einsatz für das Bekenntnis von Nicäa sei falsch oder bedeutungslos gewesen. Um sein Amt zu behalten, hätte er ausgerechnet jene Wahrheit preisgegeben, die er im Amt verkünden sollte.

Das Studium allein macht einen Priester allerdings noch nicht standhaft. Paulinus wusste nicht nur, was richtig war. Er war auch bereit, danach zu handeln. Theologische Bildung muss deshalb das Gewissen erreichen und im Gebet vertieft werden. Der zukünftige Priester soll lernen, seine Entscheidungen vor Christus zu verantworten. Sonst bleibt sein Wissen äußerlich und trägt ihn nicht, sobald ihm aus seiner Überzeugung Nachteile entstehen. Paulinus verlor sein Amt, seine Heimat und schließlich sein Leben. Auch aus der Verbannung blieb er dem Glauben verpflichtet. Daran zeigt sich, wozu eine gute Priesterausbildung dienen soll: Sie bereitet einen Priester darauf vor, die Wahrheit zu erkennen, sie verständlich weiterzugeben und ihr auch dann treu zu bleiben, wenn sie das Leben kostet.

Der Sieg der Wahrheit

Die Synode von Arles zeigt, wie leicht ein kirchliches Verfahren seinen eigentlichen Zweck verlieren kann. Äußerlich kamen Bischöfe zusammen, aber sie sollten nicht offen beraten. Ein Urteil lag bereits vor, der Kaiser bestimmte die Richtung, und die angedrohte Verbannung beschaffte die nötigen Unterschriften. Der äußere Anschein kirchlicher Ordnung konnte nicht verdecken, dass hier Macht an die Stelle der Wahrheit getreten war.

Der Fall des heiligen Paulinus bleibt deshalb unbequem. Nicht jede kirchliche Mehrheit hat recht. Nicht jedes geordnete Verfahren führt zu einem gerechten Urteil. Auch Bischöfe können dem Druck ihrer Zeit nachgeben und eine Entscheidung mittragen, die dem christlichen Glauben schadet. Gehorsam gegenüber dem Amt entbindet niemanden von der Treue zu Christus. Sobald eine kirchliche Autorität Zustimmung erzwingt, ohne Einwände ernsthaft zu prüfen, verrät sie den Zweck ihrer eigenen Autorität.

Priester dürfen daher nicht zu Funktionären ausgebildet werden, die vorgegebene Ergebnisse sprachlich absichern und anschließend als kirchliche Einsicht verkünden. Die Kirche braucht Priester, die den Unterschied zwischen Glauben und Ideologie erkennen. Welchen Preis die Unterscheidung fordern kann, zeigt der Heilige selbst.

Damals schien der Kaiser gewonnen zu haben. Paulinus war abgesetzt und verbannt, Athanasius verurteilt, und die Mehrheit der Bischöfe hatte unterschrieben. Doch das Konzil von Konstantinopel bestätigte im Jahr 381 den Glauben von Nicäa. Athanasius wird heute als Kirchenlehrer verehrt und Paulinus als Heiliger. Das Urteil von Arles blieb ein Unrecht.

Auch eine große Mehrheit kann die Wahrheit nicht verändern. Man kann sie bekämpfen, ihre Verteidiger aus dem Weg räumen und sich durch viele Unterschriften bestätigt fühlen. Am Ende wird sie sich dennoch durchsetzen. Und warum? Ganz einfach: Die christliche Wahrheit geht von Christus aus, der Selbst die Wahrheit ist. Ihn kann man nur annehmen oder verwerfen.

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