Der heilige Augustinus – Als Gott sein Herz ergriff

Nur wenige Kirchenväter haben die westliche Theologie so tief geprägt wie der heilige Augustinus. Seine Schriften über die Gnade, die Freiheit und das Wesen der Kirche werden bis heute gelesen. Doch der Mann, der später zu einem der bedeutendsten Lehrer des Christentums wurde, brauchte lange, bis er selbst im Glauben der Kirche ankam.

Von Thagaste bis Mailand

Geboren wurde Aurelius Augustinus am 13. November 354 in Thagaste, einer kleinen Stadt in der römischen Provinz Numidien – heute liegt das Gebiet in Algerien. Seine Eltern lebten in geordneten, doch keineswegs reichen Verhältnissen. Sein Vater Patricius hing zunächst der römischen Religion an und ließ sich erst kurz vor seinem Tod taufen; im Ganzen, so Augustinus selbst, sei er jeglichem Glauben gegenüber gleichgültig gewesen. Anders die Mutter: Die heilige Monika war Christin, und ihr Glaube prägte das Haus – erreichte den Sohn zunächst aber nur von außen.

Schon als Kind erkrankte er schwer und verlangte plötzlich nach der Taufe. Monika traf bereits Vorbereitungen, doch mit seiner Genesung wurde die Taufe wieder aufgeschoben – damals nichts Ungewöhnliches, denn viele fürchteten, nach dem Sakrament erneut schwer zu sündigen, und verlegten den Empfang lieber auf später. Im Rückblick sah Augustinus diese Gewohnheit kritisch: Schon als Kind hatte er gelernt, die Heilung aufzuschieben, solange die Krankheit gerade nicht wehtat (Confessiones I,11).

In der Schule fiel seine Begabung rasch auf. Er lernte schnell, hasste jedoch den Zwang und die Schläge seiner Lehrer. Latein nahm er mühelos auf, mit dem Griechischen dagegen tat er sich schwer. Geschichten liebte er über alles: Die Irrfahrten des Aeneas bewegten ihn mehr als seine eigenen Irrwege, und später wunderte er sich selbst, wie leidenschaftlich er über den Tod der Dido geweint hatte, während ihn sein eigenes Leben fern von Gott kaum beunruhigte. Große Hoffnungen setzten seine Eltern auf ihn. Nach der Schule in Thagaste besuchte er Madauros, musste sein Studium jedoch wegen Geldmangels unterbrechen und verbrachte etwa ein Jahr zu Hause – als sechzehnjähriger, mit viel freier Zeit und wenig Führung. In diese Zeit fällt der berühmte Birnendiebstahl: Zusammen mit anderen Jugendlichen stahl er Früchte, obwohl sie zu Hause bessere hatten; gegessen wurden die Birnen kaum, einen großen Teil warfen sie den Schweinen vor. Diese Tat beschäftigte ihn später. Er hatte nichts gebraucht und trotzdem gestohlen – der Reiz lag allein in der gemeinsamen Übertretung. Allein, so glaubte er, hätte er es wohl nicht getan. Aufregend war das Böse, weil die anderen dabei waren (Confessiones II,4–9).

Um 370 oder 371 konnte er sein Studium in Karthago fortsetzen, und die Großstadt öffnete ihm eine ganz neue Welt. Theater, öffentliche Wettkämpfe und die Aussicht auf gesellschaftlichen Aufstieg zogen ihn an; er studierte Rhetorik und wollte zu den Besten gehören. Worte waren sein Handwerk – damit konnte er Eindruck machen, Gegner schlagen und sich eine Zukunft aufbauen. Doch Karthago bedeutete für ihn nicht nur Bildung und Karriere: Hier ließ er sich immer tiefer von seinen sexuellen Begierden bestimmen: „Ich kam nach Karthago, und mich umbrandete von allen Seiten ein Höllenpfuhl schändlicher Leidenschaften” (Confessiones III,1,1). Beziehungen suchte er, und vor seinen Freunden wollte er als besonders erfahren gelten – über seine Jugend schreibt er sogar, dass er sich mitunter Ausschweifungen zuschrieb, die er gar nicht begangen hatte, nur um nicht harmloser zu erscheinen als die anderen.

Die Liebe suchte er, verwechselte sie aber immer wieder mit dem bloßen Begehren. In den Bekenntnissen spricht er von heimlichen Beziehungen und davon, sich bereitwillig in die „Fessel des Genusses” begeben zu haben. Was sich zunächst wie Freiheit anfühlte, brachte am Ende Eifersucht und Streit mit sich: „Ich wurde geliebt, gelangte zu sündhaftem Genusse, und mit Freuden ließ ich mich in jene unheilvollen Bande schlagen, so daß ich gegeißelt wurde mit den glühenden eisernen Rufen der Eifersucht, des Argwohns, der Furcht, des Zornes und des Haders“ (Confessiones III,1,1). Sein Leben war ungeordnet, das wusste er, und trotzdem wollte er nicht darauf verzichten. Auch die Theater Karthagos übten eine große Faszination auf ihn aus; dort genoss er starke Gefühle und ließ sich vom dargestellten Leid erschüttern, während das fremde Schicksal auf der Bühne ihn mehr rührte als die eigene Unruhe, die er mit immer neuen Erlebnissen zu überdecken versuchte. Vor seiner Abreise hatte ihn seine Mutter eindringlich vor Unzucht und Ehebruch gewarnt, doch ihre Mahnungen nahm er nicht ernst – sie erschienen ihm damals wie peinliche Worte einer Mutter, die von seinem Leben in der Großstadt nichts verstand (Confessiones II,3). Noch in Karthago begann er mit einer Frau zusammenzuleben, wahrscheinlich eine Konkubine, deren Namen er nirgends genannt hat. Die Beziehung dauerte ungefähr fünfzehn Jahre, und um 372 kam ihr gemeinsamer Sohn Adeodatus – „von Gott gegeben” – zur Welt. Obwohl Augustinus damals noch sehr jung war, blieb er bei der Mutter seines Kindes und war Adeodatus eng verbunden; der Junge erwies sich früh als außergewöhnlich begabt.

Bewegung in sein Denken brachte ausgerechnet ein Buch: Im Jahr 373 las er Ciceros Hortensius, eine heute verlorene Schrift über die Liebe zur Weisheit. Gelernt hatte er bis dahin vor allem, wie man gut spricht; Cicero aber stellte ihm eine härtere Frage – wofür es sich überhaupt zu leben lohnt. Die Wirkung dieser Lektüre beschreibt Augustinus ungewöhnlich deutlich: Seine bisherigen Hoffnungen erschienen ihm plötzlich wertlos, und er wollte fortan Weisheit, nicht bloß eine erfolgreiche Laufbahn. Nur eines störte ihn: Der Name Christi fehlte. Durch seine Mutter Monika hatte er diesen Namen so früh in sich aufgenommen, dass keine Lehre sein Herz ganz gewinnen konnte, wenn Christus darin keinen Platz hatte (Confessiones III,4). Also griff er zur Heiligen Schrift – und legte sie enttäuscht wieder weg. Nach Ciceros kunstvoller Sprache erschien ihm die Bibel zu plump, zu einfach; stolz auf seine Bildung, behandelte er die Schrift wie einen Redetext, den man eben bewertet. Dass er selbst vielleicht noch zu klein war, um ihre Größe zu erfassen, kam ihm damals nicht in den Sinn.

Kurz darauf schloss er sich den Manichäern an, die ihm versprachen alles vernünftig zu erklären. Besonders ihre Lehre vom Bösen faszinierte ihn: Seit Ewigkeit kämpften demnach zwei Mächte gegeneinander, Licht und Finsternis,, das Gute und das Böse, wobei das Böse eine eigene Wirklichkeit war, die sich im Menschen festsetzen konnte. Das klang zunächst überzeugend – und angenehm war es obendrein, denn die Ursache seiner ungeordneten Wünsche musste Augustinus nun nicht länger bei sich selbst suchen. Später gab er offen zu, dass er lieber eine fremde böse Macht verantwortlich machte, als die Schuld im eigenen Willen anzuerkennen.

Fast neun Jahre blieb er mit den Manichäern verbunden – keine kurze jugendliche Phase also, sondern eine Zeit, in der er ihre Lehre verteidigte und sogar Freunde mit hineinzog. Gleichzeitig häuften sich seine Fragen: Die Manichäer machten Aussagen über Mensch und Natur, die er mit den Erkenntnissen damaliger Gelehrter verglich, und es passte immer weniger zusammen. Seine letzte Hoffnung ruhte auf Faustus von Mileve, einem manichäischen Bischof mit dem Ruf eines großen Lehrers, auf den er lange wartete. Endlich sollte jemand alles erklären können. Dann kam es zum Treffen. Faustus sprach schön, kannte einige literarische Werke und wirkte durchaus sympathisch, doch auf die entscheidenden Fragen wusste er keine Antwort. Ernüchternd war das für Augustinus, ausgerechnet für ihn, der beruflich mit Sprache arbeitete und nun erkannte, wie leicht ein guter Vortrag den fehlenden Inhalt verdecken kann. Ein schlechter Mensch war Faustus nicht. Der große Lehrer aber, den Augustinus erwartet hatte, war er ebenso wenig (Confessiones V,6–7).

Im Jahr 383 verließ Augustinus Karthago und ging nach Rom, um dort als Rhetor zu unterrichten. Aus praktischen Gründen. Die Zustände an seiner Schule in Karthago, wo Studenten den Unterricht störten und lärmend in fremde Lehrveranstaltungen eindrangen, hatten ihn zunehmend zermürbt. In Rom, so hatte er gehört, sollten die jungen Männer disziplinierter sein und sich stärker an die Ordnung des Unterrichts halten; auch beruflich erhoffte er sich dort bessere Möglichkeiten. Sogar seine Mutter, die gegen seine Übersiedlung war und ihm bis zum Meer folgte, täuschte er: Während Monika in einer Kapelle nahe dem Hafen betete, fuhr er heimlich ab. Später gestand er, sie bewusst belogen zu haben. Weinend blieb die Mutter zurück, während ihr Sohn überzeugt war, in Rom ein geordneteres und erfolgreicheres Leben beginnen zu können (Confessiones V,8,14–15).

Ruhiger waren die Studenten dort tatsächlich – dafür verschwanden sie gern kurz vor der Bezahlung und meldeten sich einfach bei einem anderen Lehrer an. Lange hielt es Augustinus in Rom nicht aus: Schon 384 erhielt er eine bedeutende Stelle als öffentlicher Rhetoriklehrer in Mailand. Mit ungefähr dreißig Jahren war er damit dort angekommen, wo ein ehrgeiziger Mann seiner Zeit hinwollte – seine Stellung hätte ihm sogar den Weg in ein politisches Amt eröffnen können.

In Mailand begegnete Augustinus dem heiligen Ambrosius. Zunächst rein aus beruflichem Interesse, denn er wollte wissen, ob der berühmte Prediger seinem Ruf gerecht wurde, und achtete entsprechend auf Wortwahl und Aufbau. Doch während er die Kunst des Redners prüfte, erreichte ihn langsam auch der Inhalt. Ambrosius zeigte ihm, wie die Heilige Schrift eigentlich gelesen werden musste, und manche Stellen, die Augustinus bisher für grob oder widersprüchlich gehalten hatte, erschlossen sich ihm nun in ihrer geistigen Bedeutung. In einem ganz anderen Licht erschien ihm plötzlich der Glaube seiner Mutter: nicht vernunftlos, wie er geglaubt hatte, sondern von ihm nur vorschnell beurteilt und beiseitegelegt. Auch philosophisch lösten sich wichtige Knoten – neuplatonische Schriften halfen ihm, Gott nicht mehr wie einen feinen, überall verteilten Körper zu denken. Und das Böse? Dafür brauchte es keine zweite göttliche Macht. Ein eigenes Sein neben Gott besitzt es nicht; es ist der Mangel am Guten, der entsteht, wenn sich der Wille von seiner rechten Ordnung entfernt. Damit wurde es persönlich, sehr persönlich sogar. Solange er das Böse als fremde Macht betrachten konnte, hatte Augustinus sich selbst entlastet; nun erkannte er den eigenen Willen als Ursprung seiner Entscheidungen. Er wusste, was gut war, und tat es trotzdem nicht. In dieser Zeit wurde seine Gefährtin nach Afrika zurückgeschickt, weil Augustinus eine gesellschaftlich vorteilhafte Ehe eingehen sollte; die versprochene Braut war noch zu jung, sodass bis zur Hochzeit zwei Jahre gewartet werden musste. Tief traf ihn die Trennung – die Mutter seines Sohnes hatte er sehr geliebt –, und dennoch begann er bald eine neue Beziehung. Sein Herz, schreibt er, war verwundet und blutete.

An Argumenten für den christlichen Glauben fehlte es ihm inzwischen längst nicht mehr. Sein Problem saß tiefer. Ein anderes Leben wollte er, ja, aber bitte nicht sofort. Seine eigene Formulierung trifft diese Halbherzigkeit bis heute genau: „Verleihe mir Keuschheit und Enthaltsamkeit, aber noch nicht bald” (Confessiones VIII,7). Fast komisch, wenn man es so liest: Er bat um Veränderung und fürchtete zugleich, Gott könnte seine Bitte erhören. So sehr hatte er sich an sein bisheriges Leben gewöhnt, dass aus freien Entscheidungen längst feste Gewohnheiten geworden waren – und diese hielten nun seinen Willen fest.

Im Sommer 386 besuchte ihn Ponticianus, ein hoher kaiserlicher Beamter aus Afrika, und erzählte vom Mönchsvater Antonius und von zwei kaiserlichen Beamten, die während eines Spaziergangs auf dessen Lebensbeschreibung gestoßen waren. Einer der beiden las darin und entschied noch am selben Tag, seine Laufbahn am Kaiserhof aufzugeben und sein Leben Gott zu weihen; sein Begleiter schloss sich ihm an. Diese Geschichte traf Augustinus an einem wunden Punkt. Seit Jahren suchte er nach der Wahrheit, hatte gelesen und mit den klügsten Männern seiner Umgebung diskutiert; inzwischen wusste er, dass der christliche Glaube vernünftig war, und auch sein eigenes Leben erkannte er längst als ungeordnet. Trotzdem brachte er die entscheidende Umkehr nicht über sich. Nach einer einzigen Lektüre hatten die beiden Beamten getan, wozu Augustinus trotz all seiner Erkenntnisse noch immer nicht bereit war. Andere Menschen konnte er mit seinen Reden überzeugen, gegen die Macht seiner eigenen Gewohnheiten aber kam er nicht an. Das beschämte ihn zutiefst und brachte den inneren Konflikt endlich zum Ausbruch.

Völlig aufgewühlt ging er nach diesem Gespräch mit seinem Freund Alypius in den Garten des Hauses. Dort brach endlich der Konflikt hervor, den er so lange mit immer neuen Überlegungen hinausgezögert hatte: Er wusste, dass er sein Leben ändern musste, und fürchtete zugleich, seine bisherigen Gewohnheiten aufzugeben. Er entfernte sich ein Stück von Alypius und warf sich weinend unter einen Feigenbaum. Immer wieder fragte er sich, wie lange er Gott noch mit einem „später” antworten wollte. Erkannt und nachgedacht hatte er genug – nur die Kraft für eine endgültige Entscheidung fehlte ihm noch immer.

Da hörte er aus einem benachbarten Haus eine Kinderstimme, die immer wieder sang: „Nimm und lies, nimm und lies.” Kein Kinderspiel mit diesen Worten war ihm bekannt, und so verstand er sie als Aufforderung, die Heilige Schrift aufzuschlagen und die erste Stelle zu lesen, auf die sein Blick fallen würde. Zurück bei Alypius fand er den Codex mit den Briefen des Apostels Paulus, den Ponticianus zuvor bemerkt hatte. Er nahm ihn, öffnete ihn und las:

„Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht! Vielmehr zieht den Herrn Jesus Christus an und sorgt nicht so für euren Leib, dass die Begierden erwachen” (Röm 13,13–14).

Wie ein Schlag trafen ihn die Worte. Die Wahrheit des christlichen Glaubens hatte er längst erkannt; nun zeigte ihm der Text, welche Entscheidung daraus folgen musste. Nicht länger sollte er über seine Umkehr nachdenken oder sie auf einen günstigeren Zeitpunkt verschieben. Er sollte sein altes Leben ablegen und Christus folgen: Jetzt sofort!

Weiter las er nicht. In diesem Augenblick war die Entscheidung gefallen: „Bei dem Schlusse dieses Satzes strömte das Licht der Sicherheit in mein Herz ein, und alle Zweifel der Finsternis verschwanden” (Confessiones VIII,12,29). Mit seiner Mutter Monika, seinem Sohn Adeodatus und einigen Freunden zog er sich anschließend nach Cassiciacum zurück. In der Osternacht vom 24. auf den 25. April 387 empfing er in Mailand die Taufe durch Ambrosius, zusammen mit seinem Sohn und seinem Freund Alypius. Auf dem Weg zurück nach Nordafrika starb Monika noch im selben Jahr in Ostia. Kurz vor ihrem Tod sagte sie, nichts halte sie mehr in dieser Welt – ihr einziger großer Wunsch sei erfüllt, denn sie hatte ihren Sohn als katholischen Christen gesehen. Wo man ihren Leib bestattete, war ihr nicht wichtig; Augustinus und seine Angehörigen sollten ihrer nur am Altar des Herrn gedenken (Confessiones IX,10–11).

388 erreichte Augustinus wieder Nordafrika, verkaufte seinen Besitz und begann mit Freunden in Thagaste ein gemeinsames Leben. Beten wollte er nun und die Heilige Schrift studieren – der junge Mann, der einst von einer glänzenden Karriere geträumt hatte. Ein stilles Leben, zurückgezogen in einer kleinen Gemeinschaft. So hatte er es sich gedacht.

Von der Bekehrung zum Dienst

Lange blieb es nicht still. Um 390 starb Adeodatus, gerade einmal siebzehn Jahre alt, und Augustinus verlor damit nach seiner Mutter einen weiteren Menschen, der ihm besonders nahestand. Über die letzten Lebensmonate seines Sohnes wissen wir wenig; in den Bekenntnissen erinnert er sich jedenfalls mit sichtbarem Stolz an dessen außergewöhnlichen Verstand.

391 reiste Augustinus nach Hippo Regius. Dort lebte ein kaiserlicher Beamter, der von seiner Bekehrung, seiner Bildung und dem gemeinschaftlichen Leben in Thagaste gehört hatte und erklärte, er wolle seine weltliche Laufbahn aufgeben und Gott dienen, wenn Augustinus ihn persönlich unterrichte. Diese Ankündigung nahm Augustinus ernst und machte sich auf den Weg. Mehrmals sprach er in Hippo mit dem Mann, der jeden Tag von Neuem versprach, sein Vorhaben bald umzusetzen – und sein Versprechen doch nie einhielt.

Während seines Aufenthalts besuchte er einen Gottesdienst – als Laie hatte er inzwischen begonnen, Kirchen ohne Bischof zu meiden, aus Angst, gegen seinen Willen für ein kirchliches Amt ausgewählt zu werden. Hippo aber hatte mit Valerius bereits einen Bischof, und so rechnete Augustinus mit nichts. Doch ausgerechnet an diesem Tag sprach Valerius vor der versammelten Gemeinde über die wachsenden Aufgaben in Hippo. Einen Priester brauchte er, der ihn unterstützen und den Gläubigen das Wort Gottes in lateinischer Sprache verkünden konnte, denn Valerius selbst stammte aus dem griechischen Sprachraum und beherrschte die lateinische Predigt nicht so sicher. Dem Ruf nach kannten die Katholiken von Hippo Augustinus längst: Seine Bekehrung und seine Gelehrsamkeit hatten ihn in ganz Nordafrika bekannt gemacht, und auch von seinem einfachen Leben mit den Brüdern in Thagaste hatten sie gehört. Als Valerius nun einen geeigneten Priester suchte, fiel der Blick der Gemeinde deshalb auf den bekannten Besucher. Unter lautem Drängen ergriffen die Gläubigen Augustinus und führten ihn zum Bischof; Possidius, sein Biograph, berichtet, die ganze Gemeinde habe seine Weihe verlangt. Augustinus weinte. Einige Anwesende deuteten seine Tränen völlig falsch: Sie glaubten, das Priesteramt sei ihm zu niedrig, und versuchten ihn damit zu trösten, dass ihm später noch das Bischofsamt folgen könne. Dabei wollte er überhaupt kein Amt.

Nicht enttäuschter Ehrgeiz trieb ihm die Tränen in die Augen, sondern die Angst vor der Verantwortung, die nun auf ihn zukam. Als Lehrer der Rhetorik hatte er vor einem Publikum gesprochen, um zu überzeugen und beruflich voranzukommen; ein Priester aber sprach zu Menschen, deren Glaube und ewiges Heil seiner Sorge anvertraut wurden. Auf diese Aufgabe fühlte er sich nicht vorbereitet. Trotzdem setzte die Gemeinde ihren Wunsch durch, und Bischof Valerius weihte ihn zum Priester. Kurz nach seiner Weihe schrieb Augustinus Valerius einen ungewöhnlich offenen Brief: Er habe die Anforderungen des Amtes unterschätzt und brauche Zeit, um die Heilige Schrift gründlich zu studieren. Die Sorge nahm Valerius ernst: Er gab ihm Zeit zum Studium und überließ ihm einen Garten bei der Kirche, wo bald ein Kloster entstand. Der alte Wunsch nach Gemeinschaft war damit nicht verschwunden, hatte aber eine neue Richtung bekommen – aus dem Rückzug zur eigenen Sammlung wurde ein gemeinsames Leben im Dienst der Kirche. Um 395 wurde Augustinus zum Mitbischof geweiht, nach dem Tod des Valerius übernahm er die Leitung der Gemeinde von Hippo, und bis 430 blieb er ihr Bischof.

Fast vierzig ruhige Gelehrtenjahre wurden daraus nicht. Mit dem Bischofsamt übernahm er die unterschiedlichsten Aufgaben: Er verwaltete kirchlichen Besitz, kümmerte sich um Arme und Gefangene, führte einen umfangreichen Briefwechsel und empfing die verschiedensten Menschen, die seine Hilfe suchten. In der episcopalis audientia, der bischöflichen Gerichtsbarkeit, verhandelte er Streitigkeiten um Eigentum, Schulden und Erbschaften – manche Verfahren dauerten viele Stunden und raubten ihm die Zeit, die er viel lieber dem Studium der Heiligen Schrift gewidmet hätte. Zugleich predigte er mehrmals in der Woche, zeitweise an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen und gelegentlich sogar zweimal am selben Tag. Dazu kamen ausgedehnte Amtsreisen zu Konzilien, Bischofsversammlungen und öffentlichen Religionsgesprächen mit Gegnern, bei denen er auf dem Pferd täglich bis zu sechzig Kilometer zurücklegte – bis ins hohe Alter! Allein der Weg von Hippo nach Karthago betrug ungefähr zweihundert Kilometer.

Und trotz all dieser Belastungen schrieb er unablässig. Schon Possidius war die Zahl seiner Bücher, Briefe und Predigten zu groß, um ihren Inhalt vollständig darzustellen. Vielen Schreibern diktierte er, überarbeitete die Niederschriften und ergänzte manche Werke über Jahre hinweg; entstanden sind seine Bücher dabei nie abgeschieden von den Auseinandersetzungen seiner Zeit, sondern aus Predigten, Streitgesprächen, Anfragen anderer Bischöfe und den Problemen seiner Gemeinde. An De Trinitate zum Beispiel arbeitete er ungefähr zwei Jahrzehnte. Darin untersuchte er das Geheimnis des dreifaltigen Gottes, die Frage, welche Spuren der Dreifaltigkeit sich unter anderem in Gedächtnis, Erkenntnis und Wille finden lassen. Für De civitate Dei brauchte er etwa dreizehn bis vierzehn Jahre; das Werk entstand nach der Plünderung Roms im Jahr 410 und wuchs zu einer umfassenden Deutung der Geschichte heran. Bestimmt werden die beiden Bürgerschaften durch ihre Liebe: die Gottesstadt durch die Liebe zu Gott, die irdische Stadt durch eine Liebe, die sich gegen Gottes Ordnung verschließt. Auch seine Bekenntnisse (Confessiones), die Schriften über die Gnade, die Auslegungen der Psalmen und seine Predigten zum Johannesevangelium prägen die christliche Theologie bis heute. Kurz vor seinem Tod nahm er sich in den Retractationes noch einmal seine früheren Bücher vor, erklärte ihre Entstehung und verbesserte Aussagen, die ihm im Rückblick ungenau erschienen. Nicht in einem ruhigen Gelehrtenzimmer entstand dieses gewaltige Werk – geschrieben hat er es zwischen Gerichtsverhandlungen, Reisen, Predigten und den Konflikten seiner Kirche.

Besonders viel Kraft kostete ihn der Streit mit den Donatisten, eine Kirchenspaltung, die bis in die Zeit der letzten Christenverfolgungen zurückreichte. In vielen Orten standen sich eine katholische und eine donatistische Gemeinde gegenüber, und Augustinus hielt diese Trennung für eine schwere Verwundung der Kirche. Dabei blieb der Streit nicht auf theologische Argumente beschränkt: Mit Teilen der donatistischen Bewegung waren die sogenannten Circumcellionen verbunden, militante Gruppen, die katholische Geistliche und Gemeinden überfielen. In einem Brief aus den Jahren 411 oder 412 berichtete Augustinus von donatistischen Klerikern und Circumcellionen aus dem Gebiet von Hippo, die ihre Beteiligung an schweren Verbrechen gestanden hatten: Den katholischen Priester Restitutus hatten sie ermordet, einen weiteren Priester namens Innocentius zusammengeschlagen, ihm ein Auge herausgerissen und einen Finger abgeschnitten. In einem weiteren Brief klagte der katholische Klerus von Hippo über Angriffe mit Knüppeln und Schwertern; manche Täter versuchten sogar, ihre Opfer mit einem Gemisch aus Kalk und einer ätzenden Flüssigkeit zu blenden. Auch donatistische Gottesdienste und Versammlungen konnten von bewaffneten Gruppen begleitet sein, Häuser katholischer Geistlicher wurden überfallen und geplündert, und Priester, die von der donatistischen Gemeinschaft zur katholischen Kirche übertraten, mussten mit Vergeltung rechnen. Selbst Possidius entkam als Bischof nur knapp einem gewaltsamen Angriff. Zunächst setzte Augustinus vor allem auf Predigten, Briefe und öffentliche Gespräche: Immer wieder forderte er donatistische Bischöfe zur Auseinandersetzung auf und versuchte, ihre Lehre anhand der Heiligen Schrift und der Geschichte der nordafrikanischen Kirche zu widerlegen. Lange hoffte er, die Einheit allein durch Überzeugung wiederherstellen zu können. Erst als Gewalt und die Spaltung ganzer Ortschaften anhielten, befürwortete er schließlich auch staatlichen Druck gegen die aggressive donatistische Bewegung.

Zu seinem bischöflichen Alltag gehörten auch die Auseinandersetzungen mit den Manichäern und mit Pelagius. Gegen die Manichäer wandte er sich mit besonderer Entschiedenheit, kannte er ihre Lehre doch aus dem eigenen Leben – er hatte ja selbst zu ihnen gehört. Gegen ihren Glauben an zwei gegensätzliche Urmächte verteidigte er nun die Güte der gesamten Schöpfung: Alles, was ist, verdankt sein Sein Gott und ist insofern gut. Eine eigene Schöpfung besitzt das Böse nicht, es ist auch keine göttliche Gegenmacht – es entsteht einfach dort, wo ein geschaffenes Gut seine rechte Ordnung verliert.

Im Streit mit Pelagius verteidigte er die Notwendigkeit der Gnade. Pelagius betonte die Fähigkeit des freien Willens so stark, dass der Mensch aus eigener Kraft Gottes Gebote erfüllen und zur sittlichen Vollkommenheit gelangen könne; die Gnade wurde dabei weitgehend zu einer äußeren, nicht wirklich notwendigen Hilfe, und der entscheidende Schritt zum Seelenheil lag beim Menschen selbst. Eine Lehre der Selbsterlösung erkannte Augustinus darin. Das göttliche Gebot zeigt zwar das Gute, heilt jedoch noch nicht den Willen, der sich an die Sünde gewöhnt hat – Christus ist deshalb weit mehr als ein Lehrer und ein Vorbild. Er erlöst den Menschen und schenkt jene Gnade, die dem guten Willen vorausgeht, ihn heilt und zum Handeln überhaupt erst befähigt. Auch hier schrieb Augustinus aus eigener Erfahrung: Das Gute hatte er lange erkannt und war ihm trotzdem ausgewichen, seine Bildung und sein freier Wille hatten die Macht der Gewohnheit nicht gebrochen. Jahrelang hatte er mit „noch nicht jetzt” geantwortet. Erst Gottes Gnade führte ihn in die Freiheit.

Die tägliche Verantwortung veränderte seinen Blick auf das Bischofsamt: Eine Auszeichnung, an der er sich hätte erfreuen können, sah er darin nicht. Mit jedem, der ihm anvertraut war, wuchs auch die Rechenschaft, die er einmal vor Gott ablegen musste – der Titel verlieh ihm zwar Autorität, stellte ihn aber zugleich unter ein strengeres Gericht. Vor seiner Gemeinde sprach er offen über diese Spannung: „Wo mich erschreckt, was ich für euch bin, da tröstet mich, was ich mit euch bin. Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ. Jenes ist der Name des Amtes, dieses der Gnade; jenes bedeutet Gefahr, dieses Heil” (Sermo 340).

Mit den Gläubigen war er Christ, stand mit ihnen vor Gott, angewiesen auf dieselbe Gnade. Für sie war er Bischof – und das bedeutete Verantwortung. Rechenschaft musste er eines Tages nicht nur über das eigene Leben ablegen, auch die Menschen von Hippo waren ihm anvertraut. In Sermo 339 greift er dafür auf das Bild des Wächters aus Ezechiel (genauer Ez 33) zurück: Der Wächter steht auf der Mauer und sieht eine Gefahr früher als die Bewohner der Stadt; ruft er bei Gefahr nicht, trägt er Mitschuld an dem, was folgt. Für Augustinus war das eine erschreckend konkrete Beschreibung seines Amtes, ja überhaupt des Amtes an sich. Schweigen durfte ein Bischof nicht, nur weil ein klares Wort Ärger brachte – er musste den Glauben verkünden und vor einem Weg warnen, der von Gott fortführte, auch dann, wenn die Menschen lieber etwas anderes hörten.

Wie man einem Publikum gefällt, wusste er dabei nur zu genau – jahrelang hatte er als Rhetor davon gelebt und kannte den richtigen Ton, die kunstvolle Formulierung, die den Saal mit Beifall belohnt. Ausgerechnet das, was früher sein Erfolg gewesen war, konnte ihm als Bischof zum Verhängnis werden: Die Gefahr beginne dort, wo er darauf achte, wie die Gemeinde ihn lobe. Dann konnte sich unmerklich etwas verschieben, und der Prediger sagte nicht mehr, was die Gläubigen hören mussten, sondern was sie gern hörten. Ein bemerkenswerter Gedanke – Augustinus misstraute dem eigenen Herzen, das den Erfolg der Predigt allzu schnell für sich beanspruchte.

Noch härter urteilte er über Männer, die den Titel des Bischofs suchten und der damit verbundenen Arbeit ausweichen wollten: „Nomen quaerit, non rem”, sagte er – ein solcher Mann sucht den Namen, nicht die Sache (Sermo 340A). Bischof heißen möchte er, den Dienst des Bischofs aber nicht tragen. Und worin besteht dieser Dienst? Worte wie minister und servus verwendete Augustinus dafür, Diener und Knecht, mit Christus selbst als Maßstab, der sich erniedrigt und den Menschen gedient hatte. Seine Stellung durfte ein Bischof, der Christus nachfolgte, deshalb nie als persönlichen Besitz behandeln. Das hieß nicht, dass Augustinus die Autorität kleinredete – führen und lehren musste der Bischof, und ebenso zurechtweisen. Doch gerade dabei drohte eine weitere Gefahr: Ein notwendiger Tadel konnte leicht aus verletztem Stolz entstehen. Das wusste er aus eigener Erfahrung; in einem Brief gestand er, im Alltag immer wieder unsicher zu sein, wann und auf welche Weise eine Zurechtweisung richtig sei (Epistula 95,3). Deshalb band er die Autorität an die Liebe – nicht an eine weiche Liebe, die jeden Konflikt vermeidet, sondern an eine Liebe, die das Heil des anderen wirklich will und dabei auch das eigene Herz prüft. Wahre Nächstenliebe eben.

In dieser Haltung sollte auch sein Kloster in Hippo die Kleriker formen. Die Mitglieder verzichteten auf persönlichen Besitz, lebten aus einer gemeinsamen Kasse, aßen zusammen und beteten miteinander – Vorbild war ihnen die Jerusalemer Urgemeinde: „Die Menge derer, die gläubig geworden waren, war ein Herz und eine Seele” (Apg 4,32). Eine Freiheit, die bis in das eigene Wollen reichte, war das Ziel: Der Kleriker sollte nicht ständig um das Eigene kreisen, seine Kraft gehörte der Gemeinschaft und der Gemeinde. Natürlich verlief das Zusammenleben nicht konfliktfrei – wo unterschiedliche Menschen eng beieinander leben, entstehen nun einmal Reibungen. Deshalb verlangte seine Regel, Streit rasch zu beenden, denn aus Ärger kann Hass werden, wenn man ihn pflegt und immer wieder hervorholt: „Euer Oberer soll sich nicht deshalb glücklich schätzen, weil er kraft seines Amtes gebieten (vgl. Lk 22,25-26), sondern weil er in Liebe dienen kann (vgl. Gal 5,13)” (Regula 7,46). Ganz praktisch zeigt sich darin das Amtsideal des Augustinus: Autorität besitzt der Vorsteher zwar, seine Freude aber darf nicht daraus stammen, andere beherrschen zu können – freuen soll er sich vielmehr darüber, ihnen durch seine Verantwortung zu dienen.

Dass kein Bischof diese Last allein tragen kann, wusste Augustinus genau – deshalb bat er die Menschen in Hippo ausdrücklich um ihr Gebet. Keine nette Formel am Ende einer Predigt, sondern ernst gemeint: „Betet wirklich für mich.” Die Gemeinde brauchte ihren Bischof, und der Bischof brauchte seine Gemeinde: Er verkündete das Wort und trug die Verantwortung für ihre Leitung, die Gläubigen wiederum trugen ihn durch ihre Fürbitte. Für die Ausbildung künftiger Priester bleibt dieser Gedanke bis heute entscheidend. Wissen vermitteln und den geistlichen Alltag ordnen kann ein Seminar; geweiht aber wird ein Priester für die Gläubigen. Verantwortung tragen muss er lernen, ohne sich an der eigenen Stellung festzuhalten – und er braucht Gläubige, die für ihn beten. Vor der Weihe. Danach erst recht.

Leben im Zeichen der Gnade

Im Jahr 430 belagerten die Vandalen Hippo. Bei seiner Gemeinde blieb Augustinus und nahm geflohene Bischöfe in seinem Haus auf. Im dritten Monat der Belagerung erkrankte er, und am 28. August starb er im Alter von 75 Jahren, während vor den Mauern der Stadt weiterhin die feindlichen Truppen standen.

Anders, als man es bei einem großen Kirchenvater erwarten könnte, verlief sein Leben. Früh fand er seinen Weg nicht – in den Bekenntnissen legte er offen, wie leicht ein kluger Mensch sich selbst täuschen kann. Die Sünde kannte er aus dem eigenen Leben. Die Gnade ebenso.

In einer Auseinandersetzung sagte er einmal zu seinen Gegnern, seine Bücher würden noch nach hundert Jahren gelesen werden. Recht behalten hat er damit: Sein Denken hat die großen Fragen des Glaubens gründlich durchdrungen, und mehr als anderthalb Jahrtausende später werden seine Werke noch immer gelesen. Seine Gedanken über Gnade und Freiheit, über die Kirche und die Dreifaltigkeit haben die westliche Theologie dauerhaft geprägt.

Wirklich! Es lohnt sich, Augustinus selbst zu lesen. Kein unberührbarer Heiliger begegnet uns in seinen Büchern, kein komplizierter Gelehrter, sondern ein Christ, der erfahren hatte, wie weit ein Mensch sich von Gott entfernen kann – und wie mächtig die Gnade ist, die ihn immer wieder zurückruft.

Geradlinig war sein Leben nicht – dafür aber glaubwürdig. Aus dem jungen Mann, der Gott immer wieder „noch nicht jetzt” antwortete, wurde ein Bischof, der sich von der Wahrheit in die Pflicht nehmen ließ. Nicht nur mit seinem Verstand. Mit seinem ganzen Herzen.

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