
„Das kann man den Menschen heute nicht mehr zumuten.“ Schon mal sowas gehört? In kirchlichen Debatten kommt ein solcher Satz erstaunlich oft. Bei Themen wie der Sexualmoral, beim Zölibat, beim Gehorsam oder bei der sonntäglichen Messe. Irgendwo steht eine Forderung des Glaubens im Raum, und ziemlich schnell beginnt die Suche danach, wie man sie erklären, abschwächen oder wenigstens weniger streng klingen lassen könnte.
Natürlich muss die Kirche erklären, was sie lehrt. Und natürlich kann man Menschen mit Forderungen auch überfordern. Nur hat sich da etwas verschoben. Es geht längst nicht immer darum, auf welche Weise das Christentum etwas verlangt. Immer häufiger scheint schon die Tatsache verdächtig, dass es überhaupt etwas verlangt.
Christus hat aber einen Anspruch: Er ruft zur Umkehr und verlangt Vergebung. Er spricht über Treue, Besitz und den Umgang mit den eigenen Begierden. Und dann noch das: „Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Mt 16,24)
Das ist anspruchsvoll? Es soll auch anspruchsvoll sein.

Ein Glaube, der in mein Leben hineinredet
Das Problem beginnt schon bei unserer Vorstellung davon, wozu Religion eigentlich da ist. Glaube soll Halt geben, Trost schenken und Gemeinschaft schaffen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Nur ist das Christentum eben nicht dafür gegründet worden, dass ich mich mit meinem bisherigen Leben ein bisschen besser fühle. Christus ruft Menschen und verändert damit ihr Leben.
Das sieht man schon bei der Berufung der ersten Jünger. Petrus und Andreas stehen mitten in ihrer Arbeit, als Christus zu ihnen sagt: „Kommt her, mir nach!“ (Mt 4,19). Sie lassen ihre Netze liegen und folgen Ihm. Christus tritt in einen bestehenden Alltag hinein und beansprucht plötzlich etwas, das vorher ganz selbstverständlich ihnen gehörte: ihre Zeit und ihre Zukunft.
Noch deutlicher wird es beim reichen jungen Mann. Er fragt Christus selbst, was ihm noch fehlt. Die Antwort fällt alles andere als bequem aus: „Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib es den Armen und du wirst einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“ (Mk 10,21). Der Mann geht traurig weg. Und Christus läuft ihm nicht hinterher, um die Bedingungen nachzuverhandeln.
Das irritiert, wenn man daran gewöhnt ist, jede Forderung zuerst auf ihre Zumutbarkeit zu prüfen. Christus scheint dem Menschen dagegen tatsächlich etwas zuzutrauen. Nachfolge darf etwas kosten.
Solange christliche Nächstenliebe aber bedeutet, nett zu denen zu sein, die ich ohnehin mag, braucht es dafür wenig Christentum. Vergebung wird erst schwierig, wenn jemand mir wirklich wehgetan hat. Treue bekommt ihr Gewicht nicht am Hochzeitstag, wenn beide glücklich vor dem Altar stehen. Sie wird Jahre später interessant, wenn das gemeinsame Leben mühsam geworden ist. Und Fasten ist nun einmal kein Fasten, wenn ich nur auf das verzichte, worauf ich sowieso keine Lust habe.
Der Anspruch gehört deshalb nicht zufällig zum christlichen Glauben. Er entsteht aus der Nachfolge selbst. Christus darf mich an Stellen führen, die ich mir nicht ausgesucht hätte. Das ist vermutlich der Teil, mit dem wir uns schwertun. Denn sehr angenehm wäre ein Glaube, bei dem Gott mich liebt, tröstet und begleitet, aber bitte nichts von mir verlangt, was meine Pläne ernsthaft durcheinanderbringt. Nur würde Gott dann eine merkwürdige Rolle spielen. Er dürfte mir Kraft für meinen Weg geben, aber die Richtung dieses Weges dürfte ausschließlich ich bestimmen.
Das Evangelium kennt diese Rollenverteilung nicht: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten“ (Joh 14,15). Liebe und Gebot stehen bei Christus im selben Satz. Offenbar sah Er darin keinen Widerspruch.
Wir tun das heute oft. Liebe soll bestätigen, Gebot aber begrenzt. Liebe fühlt sich gut an, Forderungen dabei stören jedoch. Dabei wissen wir aus unserem normalen Leben, dass Liebe durchaus Ansprüche kennt. Ein Vater, dem völlig egal ist, was aus seinem Kind wird, liebt nicht besonders großzügig. Ein guter Freund wird mich bremsen, wenn ich mich verrenne. Gerade weil ihm nicht egal ist, was aus mir wird. Warum sollte Gottes Liebe ausgerechnet darin bestehen, mir niemals zu widersprechen? Christus will unser Freund sein. Ein echter.

Ein anspruchsloses Christentum?
Man kann die Forderungen des Christentums natürlich zurücknehmen. Das macht vieles zunächst leichter. Über Sünde muss weniger gesprochen werden. Moralische Grenzen werden weiter, Fasten verliert an Gewicht, Gehorsam klingt ohnehin nach gestern. Niemand stößt sich gern an etwas.
Nur passiert dabei etwas mit dem Glauben selbst. Nehmen wir die Vergebung. Christus sagt nicht, wir sollten vergeben, wenn der andere sich ausreichend sympathisch entschuldigt hat. Petrus fragt Ihn sogar, wie oft er seinem Bruder vergeben müsse. Siebenmal? Das wäre schon ordentlich. Christus antwortet: „Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal“ (Mt 18,22).
Das kann richtig wehtun. Denn möglicherweise möchte ich meinem Bruder gerade überhaupt nicht vergeben. Vielleicht habe ich sogar gute Gründe für meinen Zorn. Der christliche Anspruch nimmt die Verletzung nicht weg. Er lässt mir aber nicht die bequeme Möglichkeit, meinen Zorn einfach deshalb für richtig zu erklären, weil er verständlich ist.
Bei der Sexualmoral wird es noch persönlicher. Da reicht es eben nicht zu sagen: Ich empfinde das so, also muss es richtig sein. Das Christentum wagt tatsächlich die Behauptung, dass auch Sexualität eine Ordnung besitzt und nicht jeder Wunsch dadurch gut wird, dass er stark empfunden wird. Und Gehorsam? Der trifft vermutlich am unmittelbarsten. Denn da muss ich akzeptieren, dass mein eigener Wille nicht automatisch das letzte Wort hat.
Das alles kann missbraucht werden. Natürlich. Falscher Gehorsam kann Menschen zerstören, religiöse Forderungen können lieblos durchgesetzt werden, und auch kirchliche Autorität kann versagen. Daraus folgt aber nicht, dass ein Christentum ohne Anspruch die bessere Lösung wäre.
Denn wenn der Glaube mir nur noch dort etwas sagen darf, wo ich ohnehin zustimme, kann er mich irgendwann auch nicht mehr korrigieren. Dann wird aber auch Umkehr schwierig. Wozu sollte ich umkehren, wenn mein eigener Lebensentwurf bereits der Maßstab dafür ist, was der Glaube von mir verlangen darf? Umkehr setzt ja voraus, dass ich mich tatsächlich irren kann. Dass nicht jede meiner Entscheidungen gut war. Dass ich an einer Stelle meines Lebens vielleicht nicht eine neue Begründung brauche, sondern eine Änderung.
Das passiert im Evangelium immer wieder. Zachäus hat Menschen um ihr Geld gebracht. Nach der Begegnung mit Christus sagt er: „Wenn ich von jemandem zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück“ (Lk 19,8). Petrus und Andreas stehen bei ihren Netzen, als Christus sie ruft. „Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm nach“ (Mt 4,20). Bei Paulus ist es noch drastischer. Er verfolgt Christen und ist überzeugt, damit das Richtige zu tun. Nach seiner Begegnung mit Christus vor Damaskus muss er erkennen, dass ausgerechnet seine feste Überzeugung falsch war. Aus dem Verfolger wird schließlich der Mann, der selbst Christus verkündet (Apg 9,1–22).
Das ist Umkehr. Und genau deshalb braucht das Christentum einen Anspruch, der auch einmal gegen mich stehen kann. Zachäus muss etwas zurückgeben. Petrus muss etwas zurücklassen. Paulus muss eingestehen, dass er sich geirrt hat. Keiner von ihnen hätte sich verändert, wenn Christus nur das bestätigt hätte, was sie vorher taten.
Nimmt man dem Christentum diesen Anspruch, verliert man deshalb weit mehr als ein paar unbequeme Regeln. Dann verliert auch die Umkehr ihren Sinn. Denn wovon soll ich umkehren, wenn der Glaube mein Leben grundsätzlich nicht mehr beurteilen darf? Warum sollte ich etwas lassen, zurückgeben oder ändern, wenn mein eigener Wille am Ende entscheidet, was Gott von mir verlangen darf?
Dann bleibt zwar ein Christentum, das begleitet, tröstet und bestätigt. Jedoch nur als ein Glaube, der mich niemals herausfordert und mich auch nirgendwohin führt. Und den braucht man tatsächlich nicht.

Und Gott?
Was erwarten wir eigentlich vom Christentum? Dass es uns in schweren Zeiten trägt? Natürlich. Dass es Hoffnung gibt, Schuld vergibt und Menschen auffängt? Unbedingt. Aber weshalb sollte ausgerechnet dort Schluss sein? Beim Glauben scheint inzwischen schon ein Nein erklärungsbedürftig zu sein.
Das ist eine merkwürdige Erwartung an eine Religion, die behauptet, dass Gott wirklich existiert. Denn dann geht es eben nicht nur darum, was ich vom Glauben bekomme. Dann steht auch die andere Frage im Raum: Was schulde ich Gott? Was darf Er von mir erwarten? Diese Frage ist fast aus unserem religiösen Denken verschwunden.
Dabei verändert sie den Blick auf den Glauben erheblich. Ich gehe dann nicht nur zur Messe, wenn sie mir persönlich etwas gibt, und ich bete nicht ausschließlich dann, wenn ich Trost brauche. Ein Gebot muss seinen Wert auch nicht erst dadurch beweisen, dass es mein Leben angenehmer macht – Gott ist schließlich nicht dafür da, damit mein Leben möglichst reibungslos funktioniert.
Im Christentum ist das Verhältnis größer: Gott schenkt dem Menschen alles, bis hin zu sich selbst, und darauf gibt der Mensch eine Antwort. Eine Antwort aber, die nur gilt, solange sie nichts kostet, wäre ziemlich wenig.
Vielleicht sollten wir deshalb nicht ständig fragen, wie viel Christentum man den Menschen heute noch zumuten kann. Die ältere Frage wäre manchmal die bessere: Was bin ich Gott schuldig? Wenn Gott wirklich Gott ist, kann die Antwort darauf ja schwerlich lauten: nur das, was mir gerade passt.


