Kirche verliert ihre Männer – Zwischen Rückzug und neuer Suche

Die Shell Jugendstudie 2024 zeichnet ein deutliches Bild. Unter katholischen Jugendlichen bezeichneten 2002 noch 51 Prozent den Glauben an Gott als wichtig, inzwischen sind es nur noch 38 Prozent. Fast die Hälfte aller 12- bis 25-Jährigen betet überhaupt nie. Auch das Vertrauen in die Kirchen fällt gering aus und erreicht lediglich 2,4 von fünf möglichen Punkten. In dieser ohnehin schwächer werdenden religiösen Bindung fällt besonders auf, dass junge Männer in weiten Teilen des deutschen kirchlichen Lebens nur noch schwach vertreten sind.

Ein zwangsläufiger Weg in die vollständige religiöse Gleichgültigkeit lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Die verfügbaren Daten aus anderen westlichen Ländern zeigen teilweise eine andere Entwicklung. In den Vereinigten Staaten hat Gallup zuletzt eine Entwicklung gemessen, die dem deutschen Befund zumindest teilweise entgegensteht. 42 Prozent der Männer zwischen 18 und 29 Jahren bezeichneten Religion 2024 und 2025 als sehr wichtig für ihr Leben. Zwei Jahre zuvor waren es 28 Prozent. Auch der monatliche Gottesdienstbesuch stieg in dieser Gruppe von etwa einem Drittel auf 40 Prozent. Gallup spricht ausdrücklich von einer Entwicklung, die sich von den übrigen Altersgruppen unterscheidet.

Andere große Erhebungen mahnen allerdings zur Vorsicht. Pew Research kommt für die Vereinigten Staaten zu dem Ergebnis, dass junge Erwachsene insgesamt weiterhin deutlich schwächer religiös gebunden sind als frühere Generationen im gleichen Alter. Von einer gesicherten Trendwende kann deshalb keine Rede sein.

Der Befund reicht dennoch aus, um eine verbreitete Annahme infrage zu stellen: Der Rückzug junger Männer aus dem religiösen Leben scheint kein unumkehrbarer Prozess zu sein. Umso drängender wird der Blick auf Deutschland: Warum erreicht die Kirche bei uns junge Männer immer weniger?

Christliches Mannsein

Die deutsche Situation verdient einen genaueren Blick, weil der Rückzug junger Männer aus dem kirchlichen Leben keineswegs mit einem allgemeinen Verlust an Orientierungssuche zusammenfällt. Die Shell Jugendstudie 2024 zeigt vielmehr, dass 67 Prozent der jungen Männer „Männlichkeit“ für ihr eigenes Selbstverständnis wichtig finden. Bei jungen Frauen liegt der entsprechende Wert für Weiblichkeit bei 20 Prozent. Auch Wettbewerb besitzt für junge Männer eine größere Bedeutung. Die Frage nach der eigenen männlichen Identität ist also vorhanden, während der christliche Glaube gleichzeitig für dieselbe Generation an Bedeutung verliert.

Die Zahlen zeigen damit einen bemerkenswerten Gegensatz. Während die Frage nach dem eigenen Mannsein für junge Männer durchaus Bedeutung besitzt, spielt die Kirche bei der Suche nach einer Antwort offenbar nur eine geringe Rolle. Dabei kennt das Christentum ein konkretes Verständnis männlicher Lebensaufgaben. Der Mann begegnet darin als Sohn, Bruder, Ehemann und Vater, ebenso als Mönch oder Priester. Diese unterschiedlichen Lebenswege verbindet die Übernahme von Verantwortung: für die eigene Lebensführung, für andere Menschen und schließlich vor Gott. Männliche Reife zeigt sich aus christlicher Sicht deshalb auch darin, die eigenen Kräfte auf eine Aufgabe ausrichten zu können.

Paulus greift im ersten Korintherbrief auf das Bild des Athleten zurück: „Jeder Wettkämpfer lebt aber völlig enthaltsam; jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen“ (1 Kor 9,25). Das Bild ist bemerkenswert, weil Paulus den Wettkampf weder verurteilt noch einfach religiös übermalt. Er nimmt ernst, was einen Athleten auszeichnet: Ein Ziel bestimmt sein Handeln. Der Wettkämpfer trainiert, verzichtet und beherrscht sich, weil er weiß, wofür er es tut. Paulus gibt dieser Haltung eine christliche Richtung. Der „unvergängliche Siegeskranz“ steht für ein Ziel, das über den eigenen Erfolg hinausweist. Dazu gehört für Paulus auch die Herrschaft über sich selbst: „Vielmehr züchtige und unterwerfe ich meinen Leib“ (1 Kor 9,27). Seine Sprache wirkt heute ungewöhnlich hart. Dahinter steht jedoch eine Vorstellung von Reife, in der Freiheit und Selbstbeherrschung zusammengehören. Ein großes Ziel verlangt die Fähigkeit, den eigenen Willen darauf auszurichten.

Wenn Männlichkeit für 67 Prozent eine wichtige Rolle im Selbstverständnis junger Männer spielt, suchen sie offenbar weiterhin nach einer Vorstellung davon, was ihr Mannsein bedeutet. Die Kirche könnte in dieser Suche eine eigene Antwort anbieten. Sie müsste dafür weder ein neues Männerbild entwerfen noch zeitgenössische Vorstellungen von Männlichkeit übernehmen. Ihre Tradition verbindet männliche Reife seit jeher mit Verantwortung und der Frage, wofür ein Mann seine Fähigkeiten einsetzt. Ein Mann übernimmt Verantwortung für Menschen, die ihm anvertraut sind, hält Verpflichtungen auch dann ein, wenn sie etwas kosten, und lernt, seine eigenen Wünsche einer übernommenen Aufgabe unterzuordnen. Das Bild des Wettkämpfers bei Paulus bringt einen Teil davon auf den Punkt: Verzicht erhält seinen Sinn durch das Ziel.

Männliche Vorbilder spielen deshalb schon in jungen Jahren eine wichtige Rolle. Ein Junge erlebt zunächst an anderen Männern, welchen Platz der Glaube in ihrem Leben einnimmt. Wenn der Vater mit seinen Kindern betet, mit ihnen die Messe besucht und seinen Glauben selbstverständlich lebt, erfährt der Sohn Christsein auch durch ein männliches Vorbild. Dasselbe gilt für Männer in der Gemeinde und besonders für Priester. An ihnen kann ein Junge sehen, dass Glaube, Verantwortung und Mannsein selbstverständlich zusammengehören.

Daran fehlt es hier vielerorts. Wenn Jungen im Gottesdienst überwiegend ältere Menschen sehen, männliche Bezugspersonen religiös wenig in Erscheinung treten und der Priester einer der wenigen sichtbar gläubigen Männer bleibt, wenn überhaupt, bekommt das Christentum für sie leicht den Charakter einer Welt, in der sie sich selbst kaum wiederfinden. Das Problem liegt dann tiefer als bei der Frage, ob ein kirchliches Jugendangebot attraktiv und altersgerecht genug gestaltet ist. Es fehlt an gelebten Formen, an denen ein Junge erkennen kann, wie christliches Mannsein überhaupt aussehen kann. Noch schwieriger wird es, wenn Männlichkeit selbst hauptsächlich unter problematischen Vorzeichen zur Sprache kommt und in eine pauschale Skepsis gegenüber männlichen Eigenschaften übergeht. Ein Junge braucht jedoch keine Botschaft, die sein Mannsein zunächst unter Verdacht stellt. Er braucht eine Vorstellung davon, wie daraus etwas Gutes und Verantwortliches werden kann.

Geistige Vaterschaft

Für Priesterberufungen hat diese Entwicklung unmittelbare Folgen. Ein Junge, der sein Mannsein im kirchlichen Leben kaum wiederfindet oder sogar den Eindruck gewinnt, männliche Eigenschaften müssten vor allem korrigiert werden, wird im Priestertum schwer einen möglichen Weg für sein eigenes Leben erkennen. Denn schon lange bevor die konkrete Frage nach einer Berufung entsteht, bildet sich seine Vorstellung davon, was es bedeutet, als Mann zu leben und wofür er seine Fähigkeiten einsetzen will.

Priestertum setzt am Mannsein an. Der Priester hört mit seiner Weihe nicht auf, Mann zu sein, und seine Männlichkeit ist keine beiläufige Eigenschaft seines Amtes. Auch der Verzicht auf Ehe und eigene Kinder hebt die väterliche Dimension seines Mannseins nicht auf. Paulus beschreibt seinen apostolischen Dienst mit einem ausdrücklich väterlichen Bild: „Hättet ihr nämlich auch unzählige Erzieher in Christus, so doch nicht viele Väter. Denn in Christus Jesus habe ich euch durch das Evangelium gezeugt“ (1 Kor 4,15). Diese geistliche Vaterschaft bezeichnet mehr als Fürsorge oder Glaubensweitergabe, denn beides leisten selbstverständlich auch Frauen. Oft sogar besser. Beim Priester ist sie mit seinem sakramentalen Amt verbunden. Er handelt in der Feier der Sakramente in persona Christi capitis, in der Person Christi des Hauptes, und steht der Kirche in dieser von Christus empfangenen Sendung gegenüber. Seine geistliche Vaterschaft erwächst deshalb nicht allein daraus, Verantwortung für die ihm anvertrauten Menschen zu übernehmen, die Gläubigen im Glauben zu stärken und jenen Christus nahezubringen, die Ihn noch nicht kennen. Sie gründet ebenso darin, wen der Priester in seinem sakramentalen Dienst repräsentiert: Christus selbst, der Mensch geworden ist und als Mann gelebt hat. Das Mannsein Christi gehört damit zur konkreten Wirklichkeit Seiner Menschwerdung und ist keine austauschbare Eigenschaft Seiner Person. Dasselbe gilt für die Zwölf, die Er in besonderer Weise berief und denen Er den apostolischen Dienst anvertraute: Es waren zwölf Männer. Die männliche Gestalt setzt sich im sakramentalen Priestertum fort und gehört damit nicht bloß zu den historischen Begleitumständen seines Ursprungs.

Priesterberufung braucht deshalb einen Boden, auf dem ein junger Mann einen solchen Lebensweg überhaupt als sinnvoll erkennen kann. Wenn Jungen kaum erfahren, dass ihr Mannsein im christlichen Glauben einen Wert und eine Aufgabe besitzt, wird auch die Vorstellung fremd, das Mannsein vollständig in den Dienst Christi zu stellen.

Umso auffälliger ist die Richtung der deutschen Diskussion. Seit Jahren erhält die Forderung nach Frauenordination große Aufmerksamkeit. Damit wird intensiv darüber gesprochen, den Zugang zu einem Amt zu verändern, während eine viel frühere Frage vergleichsweise wenig Beachtung findet: Weshalb verschwinden jene jungen Männer, aus denen nach katholischem Verständnis Priesterberufungen hervorgehen können, überhaupt aus dem kirchlichen Leben? Die Frauenordination beantwortet diese Frage nicht. Sie erklärt weder den Rückgang männlicher Religiosität noch bringt sie die fehlenden jungen Männer zurück. Auffällig ist vielmehr, dass das Mannsein des Priesters in dieser Debatte hauptsächlich als Begrenzung erscheint: Es wird darüber gesprochen, weshalb nur Männer Priester werden können, während die positive Bedeutung des männlichen Priestertums und seiner geistlichen Vaterschaft weit seltener zur Sprache kommt. Damit gerät ausgerechnet jene Seite des Amtes aus dem Blick, durch die ein junger Mann darin einen möglichen männlichen Lebensweg erkennen könnte.

Hinzu kommt die Art, wie über Priester selbst gesprochen wird. Priestermangel, Überlastung, größere pastorale Räume und die Verteilung bisher priesterlicher Aufgaben bestimmen einen großen Teil der Diskussion. Ein junger Mann hört damit sehr genau, was dieser Beruf kostet. Weitaus undeutlicher wird ihm vermittelt, weshalb sich dieses Opfer lohnt. Paulus konnte vom Wettkämpfer sprechen, der verzichtet, weil er sein Ziel kennt. Auch eine Berufung zum Priestertum wird nur verständlich, wenn ihr Ziel größer erscheint als das, worauf ein Mann dafür verzichtet.

Die amerikanischen Zahlen zeigen zumindest, dass junge Männer in einer modernen westlichen Gesellschaft für Religion nicht zwangsläufig verloren sind. Wenn religiöse Bedeutung und Gottesdienstbesuch unter jungen amerikanischen Männern wieder steigen können, kann der deutsche Befund nicht ausschließlich mit Säkularisierung erklärt werden. Die Frage nach der kirchlichen Ansprache bleibt bestehen.

Männer kann man nicht ersetzen

Eine Kirche, die Priester braucht, braucht zuerst Männer, die ihren Glauben als Männer leben können. Hier liegt ein wesentlicher Grund der Berufungskrise. Erst aus einem Glauben, in dem das eigene Mannsein seinen Wert, seine Richtung und seine Aufgabe erhält, können einzelne Männer hervorgehen, die bereit sind, ihr Leben ganz in den Dienst Christi zu stellen und geistige Vaterschaft zu übernehmen.

Dazu muss die Kirche jungen Männern allerdings auch etwas zutrauen. Das Evangelium begegnet ihnen nicht mit dem Verdacht, ihr Mannsein müsse zunächst abgeschwächt, relativiert oder überwunden werden. Christus ruft Männer, fordert sie und überträgt ihnen Verantwortung.

Eine Kirche ohne Männer verliert deshalb weit mehr als mögliche Priester. Sie verliert Väter, Vorbilder und jene männliche Gestalt des Glaubens, an der Jungen erkennen können, dass auch ihr eigenes Mannsein einen Platz in der Nachfolge Christi hat. Diese Lücke können Frauen nicht schließen, denn weiblicher Glaube kann männlichen Glauben ebenso wenig ersetzen, wie eine Mutter den Vater oder ein Vater die Mutter ersetzen kann. Die Kirche braucht beides. Ihr gegenwärtiges Männerproblem wird sie deshalb auch nur lösen können, wenn sie wieder beginnt, Männer als Männer anzusprechen.

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