Die Schätze der Kirche – Der heilige Laurentius und der wahre Reichtum

„Die Kirche ist reich.“ Man hört das ständig, meistens als Vorwurf: prachtvolle Kirchenbauten, teure Kunstwerke, dicke Rücklagen auf der Bank. Das hat man vor Augen. Was dabei fast nie zur Sprache kommt: Was Reichtum für die Kirche eigentlich bedeutet. Oder: Was ist eigentlich ihr Schatz?

Die Debatte ist übrigens uralt. Im Jahr 258 wollte der römische Stadtpräfekt genau das wissen – er verlangte, die Schätze der Kirche zu sehen. Natürlich, um sie zu konfiszieren. Aus seiner Sicht eine vernünftige Forderung: Man wusste in Rom ganz genau, dass reiche Christen der Kirche Geld gestiftet und liturgisches Gerät aus Gold und Silber geschenkt hatten. Verwaltet wurden diese Güter vom Diakon Laurentius. Der Präfekt ließ ihn zu sich rufen und gab ihm drei Tage Zeit, die Schätze der Kirche zusammenzutragen und dann herauszurücken.

Das tat Laurentius auch und kam nach drei Tagen wieder – aber weder mit Silber noch mit Gold.

Der wahre Schatz

Als Papst Sixtus II. in einer Katakombe an der Via Appia beim Gottesdienst festgenommen wurde, wusste Laurentius sicher, dass er als Nächster an der Reihe war. Man sagt, er sei dem Papst auf dem Weg zur Hinrichtung gefolgt und habe ihn gefragt, warum er ohne seinen Diakon in den Tod gehe – wohin der Priester gehe, solle auch der Diener gehen dürfen. Sixtus soll ihm geantwortet haben, in drei Tagen werde Laurentius ihm schon folgen. Es war das Jahr 258, mitten in der Verfolgung unter Kaiser Valerian, der gezielt die Führungsschicht der Kirche treffen wollte: Bischöfe, Priester, Diakone – und das Geld der Kirche.

Als Erzdiakon von Rom verwaltete Laurentius genau dieses Vermögen: die Kollekten der Gemeinde, die liturgischen Gefäße aus Silber und Gold, das Vermögen, das reiche Christen testamentarisch hinterlassen hatten. Der römische Stadtpräfekt, der genau darüber Bescheid wusste, ließ Laurentius zu sich holen. Seine Forderung war unmissverständlich: die Schätze der Kirche, und zwar sofort. Vermutlich rechnete er mit Widerstand, vielleicht mit Verhandlungen. Stattdessen bekam er eine Zusage. Laurentius bat um drei Tage Aufschub, um alles zusammenzutragen.

Der Präfekt gewährte die Frist. Nur nutzte Laurentius die drei Tage nicht, um Vermögen der Kirche zu sammeln, sondern um es zu verteilen. Er ging durch Rom, verkaufte, verschenkte, brachte den Erlös zu Witwen, zu Kranken, zu Bettlern, zu den Ärmsten, die in den Registern der Stadt gar nicht erst auftauchten. Als der dritte Tag kam, war von den Schätzen der Kirche im Sinne des Präfekten nichts mehr übrig.

Denn Laurentius kam nicht mit leeren Händen. Hinter ihm drängte sich eine Menschenmenge, wie man sie im Amtszimmer eines Stadtpräfekten nicht erwartete: Blinde, Lahme, Aussätzige, alte Frauen ohne Angehörige, Kinder ohne Eltern. Der Präfekt, so berichtet die Überlieferung, war zunächst sprachlos vor Wut. Laurentius nutzte den Moment: „Siehe, das sind die Schätze der Kirche.“ Manche Quellen fügen hinzu, er habe gesagt, das Gold der Kirche liege sicher verwahrt im Himmel, und diese bedürftigen Menschen hier seien der Beweis dafür. Der Präfekt verstand die Antwort als eine öffentliche Demütigung, die er sich nicht gefallen lassen konnte. Laurentius wurde gefoltert, dann auf einen eisernen Rost gelegt und bei lebendigem Leib über glühenden Kohlen geröstet – öffentlich, als Warnung an jeden, der es ihm gleichtun wollte. Die vielleicht berühmteste Legende um seinen Tod erzählt, er habe mitten im Todeskampf zu seinen Peinigern gesagt: „Dreht mich um, diese Seite ist gar.“

Laurentius’ Grab wurde binnen weniger Jahrzehnte zu einem der meistbesuchten Pilgerorte Roms. Konstantin ließ dort im 4. Jahrhundert eine Basilika bauen, San Lorenzo fuori le Mura, bis heute eine der sieben Hauptkirchen der Stadt. Die früheste schriftliche Erwähnung stammt vom heiligen Ambrosius von Mailand, über hundert Jahre später. Für ihn war klar: Laurentius hat nicht kalkuliert. Er hat aus Liebe zu Christus und seiner Kirche gehandelt, aus dem Herzen, nicht aus dem Kopf. Bis zuletzt hat er den Schatz der Kirche treu verwaltet – nur eben nach einem Maßstab, den Rom nicht kannte. Und den bis heute viele nicht verstehen.

Gold auf Erden, Schätze im Himmel

Man könnte die Geschichte als hübsche Anekdote abtun, hätte sie nicht eine unbequeme Fortsetzung: Fast zweitausend Jahre später besitzt die Kirche noch immer Gold. Kathedralen mit vergoldeten Altären, Museen voller Meisterwerke, Grundbesitz, Finanzanlagen usw. Verständlich, dass man einwenden könnte, ob die Kirche ihre eigene Lektion vergessen hat.

Die ehrliche Antwort ist gar nicht so kompliziert, wie es der erste Impuls nahelegt. Die Kirche hat nie gelehrt, Besitz sei an sich böse. Sie hat auch nie gefordert, jede Gemeinde müsse sich bis auf die Grundmauern verarmen. Was sie gelehrt hat – und was Laurentius mit seinem Leben bezahlte – ist eine Rangordnung: Besitz ist Mittel, niemals aber Zweck. Eine Kathedrale wird nicht gebaut, damit die Kirche mächtig aussieht, sondern damit die Gläubigen an einem Ort, über Generationen hinweg, Gott begegnen können. Der Kelch wird aus Gold gefertigt, weil das, was er trägt, es verdient, mit dem Besten geehrt zu werden, was Menschenhände herstellen können, und nicht, weil Gold an sich etwa heilig wäre. Sobald dieser Zweck kippt – sobald Prunk sich selbst genügt, sobald Rücklagen gehortet statt eingesetzt werden, sobald ein Bistum mehr Energie in seine Fassade steckt als in seine Armen – hat die Kirche genau das verraten, wofür der heilige Laurentius gestorben ist. Die Kirche darf also Mittel besitzen, ja, sie braucht sie sogar. Die Frage ist, wofür der Besitz da ist und wem er am Ende dient.

Laurentius hatte dem Präfekten gezeigt, was die Kirche unter ihrem Schatz verstand: Menschen, deren Leben nach den Maßstäben der römischen Gesellschaft wenig bis hin zu nichts galt. Der Präfekt konnte es mit seinem Verständnis von Besitz deshalb gar nicht erfassen. Für den Diakon sah die Sache anders aus: Die Armen gehören – und sie gehören immer noch – zum Reichtum der Kirche.

Warum ausgerechnet Bettler und Kranke der „wahre Schatz“ sein sollen, leuchtet vielleicht nicht sofort ein. Armut macht schließlich niemanden heilig, ein Bettler steht Gott nicht automatisch näher als ein Bankier. Was die Armen zum Schatz macht, ist etwas anderes: Christus hat sich mit ihnen so eng verbunden, dass er sagt, wer einem Bedürftigen begegnet, begegnet ihm selbst: „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Gibt man dem Geringsten etwas, kommt es bei Christus an – und was bei Christus liegt, liegt im Himmel. Es ist ein Schatz, wo ihn weder Rost noch Diebe erreichen. Der heilige Laurentius kannte diesen Zusammenhang aus seinem Alltag als Diakon: Er zahlte Geld aus, das nicht ihm gehörte, und hinter jeder Münze stand jemand mit Namen und Gesicht. Als der Präfekt nach dem Vermögen der Kirche fragte, brachte Laurentius die Leute mit, die von diesem Geld lebten, und ließ den Präfekten selbst sehen, wessen Gesicht auf dem Spiel stand, wenn er nach dem Gold griff.

Fast achtzehn Jahrhunderte später bleibt die Frage nach dem Schatz der Kirche erstaunlich aktuell. Sie betrifft dabei jeden Getauften. Das, was Christus über die Geringen gesagt hat, richtet sich deshalb ebenso an uns Christen. Als Getaufte sind wir Teil der Kirche. Ihre Schätze sind auch die eigenen. Das lässt sich nicht outsourcen an den Papst, an den Bischof, an die Caritas, an „die Kirche“ als anonyme Institution irgendwo da draußen. Die Frage, die Laurentius dem Stadtpräfekten mit seiner Menschenmenge im Rücken stellte, lässt sich ebenso an den eigenen Alltag richten: Wenn ich drei Tage Zeit hätte, um herauszufinden, was mir wirklich kostbar ist – würde ich mein Bankkonto ansehen, meine Karriere, meine Wohnung oder sonst irgendeinen kostbaren Besitz? Oder würde ich Menschen sehen, in die ich tatsächlich investiert habe – Zeit, Geld, Aufmerksamkeit, ohne berechnende und sichtbare Gegenleistung? Christus hatte es so formuliert: „Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“ (Mt 6,21). Die eigene Diagnose, die schmerzhaft treffsicher sein kann. Denn im Alltag lässt sich ziemlich genau erkennen, was einem kostbar geworden ist. Wir verwenden Zeit darauf, kümmern uns darum und sind bereit, etwas dafür herzugeben, im Ernstfall sogar das eigene Leben.

Reich vor Gott

„Die Kirche ist reich.“ Nach Laurentius bekommt dieser Satz einen anderen Klang. Kirchlicher Besitz trägt eine Verantwortung in sich, gerade für diejenigen, denen seine Verwaltung anvertraut ist: Geld, Immobilien oder Stiftungen sollen dem Auftrag der Kirche dienen.

Natürlich braucht eine Gemeinde Rücklagen, Gebäude müssen erhalten und Mitarbeiter bezahlt werden. Auch die Schönheit einer Kirche hat ihren Wert, weil sie auf Gott verweist und kommenden Generationen einen Ort für Seine Begegnung hinterlässt. Problematisch wird Besitz dort, wo sich sein Zweck verschiebt und aus dem Mittel allmählich ein Selbstzweck wird. Dann werden Zahlen wichtiger als die Menschen, für die das Geld einmal gegeben wurde, oder kirchliches Vermögen dient Interessen, die mit seinem eigentlichen Auftrag wenig zu tun haben.

Bei einem Diakon wie Laurentius wiegt diese Verantwortung besonders schwer. Er wusste, dass das Geld in seinen Händen ihm nicht gehörte. Die Versuchung beginnt aber nicht erst bei persönlicher Bereicherung. Schon die Gewöhnung an Besitz kann den Blick verändern. Jedes Vermögen lässt sich hervorragend verwalten und dennoch seinem Zweck entfremden. Die Bücher können stimmen, während der eigentliche Schatz längst aus dem Blick geraten ist: „Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde, wo Motte und Wurm sie zerstören und wo Diebe einbrechen und sie stehlen, sondern sammelt euch Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Wurm sie zerstören und keine Diebe einbrechen und sie stehlen!“ (Mt 6,19–20). Einen solchen Schatz kann man nicht auf einem Konto zurücklegen. Er entsteht aus dem, was aus Liebe zu Gott gegeben wird und beim Nächsten ankommt.

Bitter ist es deshalb, wenn ausgerechnet diejenigen, denen die Güter der Kirche anvertraut sind, ihren eigentlichen Schatz aus den Augen verlieren. Noch bitterer ist es, wenn kirchlicher Besitz dem eigenen Vorteil, dem persönlichen Ansehen oder dem Erhalt von Strukturen dient, während die Bedürftigen, für die er gebraucht wird, vor der Tür stehen. Ein Schatz im Himmel lässt sich auf diese Weise jedenfalls nicht ansammeln.

Und damit sind wir selbst gefragt. Denn auch wir verwalten jeden Tag etwas, das uns anvertraut wurde: vor allem unsere Zeit. Wofür wir unseren Besitz einsetzen, zeigt, wo wir unseren Schatz sammeln – und damit auch, wo unser Herz zu finden ist.

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