Die Himmelfahrt Christi – Der erhöhte Sieger und die geöffneten Himmel

Die Himmelfahrt Christi ist kein Abschied. Die Schriften sprechen weder von Verlust noch von Entfernung oder von einem Rückzug Christi aus der Geschichte. Sie sprechen von Erhöhung: „Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben“ (Apg 1,9). Die Sprache bleibt auffallend nüchtern. Gerade darin liegt ihre Schärfe. Nicht die Gefühle der Jünger stehen im Mittelpunkt, sondern die Frage, was mit der Wirklichkeit selbst geschieht.

Der Epheserbrief setzt hier einen klaren Ausgangspunkt. Wenn Christus „hoch über jegliche Hoheit und Gewalt, Macht und Herrschaft und über jeden Namen, der nicht nur in dieser Weltzeit, sondern auch in der künftigen genannt wird“ gesetzt ist (Eph 1,21), dann wird Christi Herrschaft nicht mehr als bloß politische oder kosmische Größe verstanden. Sie ist nun die Grundstruktur der Weltordnung selbst. Die Erhöhung Christi betrifft damit die Hierarchie der gesamten Wirklichkeit. Alles, was Anspruch auf letzte Autorität erhebt – Tod, Herrschaft, Geschichte, geistige Mächte, politische Gewalt –, steht nicht mehr an letzter Stelle.

Die frühe Kirche versteht deshalb die Himmelfahrt nie isoliert. Sie gehört zu einer einzigen Bewegung: Inkarnation, Kreuz, Tod, Hinabstieg in das Reich des Todes, Auferstehung und Erhöhung bilden keine getrennten Episoden. Sie sind Richtungen desselben Weges. Christus steigt nicht zuerst herab und später hinauf wie in zwei voneinander getrennten Handlungen. Die Bewegung ist eine einzige Durchquerung der gesamten Wirklichkeit.

Doch was genau bedeutet es für die Welt selbst?

Der Durchgang Christi

Erlösung ist nicht punktuell. Sie kann nur total sein. Deshalb war es schon in der frühen Kirche entscheidend, welche Reichweite das Handeln Christi hat. Wie weit reicht Sein Durchgang tatsächlich in die Struktur der Wirklichkeit hinein?

Irenäus von Lyon formulierte ein Prinzip, das für die gesamte patristische Christologie entscheidend wird: Nur das, was Christus annimmt, wird auch geheilt (Irenäus von Lyon, Adversus Haereses, III,18,7). Dieser Gedanke ist keine spirituelle Formel und soll auch nicht moralisch verstanden werden. Sie ist eine ontologische Aussage über die Struktur des Heils selbst. Wenn Christus wahrer Mensch wird, dann nicht scheinbar und nicht teilweise. Er nimmt das Menschsein nicht abstrakt an, sondern ganz konkret: Geburt, Leiblichkeit, Wachstum, Müdigkeit, Leiden, Angst, Sterben. Nichts, absolut nichts davon steht außerhalb der Inkarnation. Genau deshalb kann auch nichts davon außerhalb der Erlösung bleiben. Hier liegt die innere Konsequenz der patristischen Logik: Der Tod darf nicht als Grenze verstanden werden, an der die Bewegung Christi endet. Wäre der Tod unbetreten geblieben, dann wäre gerade die tiefste Wunde der menschlichen Existenz unangetastet geblieben. Darum hält die frühe Kirche mit solcher Konsequenz am descensus ad inferos fest, am Hinabstieg Christi in das Reich des Todes. So beten wir auch im Apostolischen Glaubensbekenntnis: „hinabgestiegen in das Reich des Todes“. Damit ist kein poetisches Bild oder ein symbolischer Zustand gemeint. Christus selbst hat die äußerste letzte Grenze menschlicher Existenz betreten.

Die Bedeutung dieser Bewegung wird häufig unterschätzt oder ausgeblendet. Der Tod wird durch Jesus nicht umgangen, nicht übersprungen und auch nicht durch Abstand neutralisiert. Der Tod wird auch nicht von außen besiegt. Christus bleibt nicht vor seiner Schwelle stehen. Er geht hinein, ja r wird von Ihm ganz betreten. Der Tod verschlingt Christus wie jeden anderen Menschen. Nicht Flucht vor dem Tod bringt den Sieg hervor, sondern der Eintritt in seine Mitte. Und nur das Durchquerte kann auch verwandelt werden.

Damit wird auch die Himmelfahrt verständlich. Sie ist nicht das Gegenbild zur Erniedrigung Christi. Sie ist deren Vollendung. Der Weg, der bis in die tiefste Finsternis hinabstieg, wird nun bis über jede Macht und Gewalt erhöht. Dieselbe Bewegung, die den Tod betreten hat, durchschreitet nun die gesamte Ordnung der Mächte. Paulus beschreibt diese Wirklichkeit mit einer Sprache kosmischer Herrschaft (Eph 1,21). Christus steht über jeder Macht und Herrschaft, weil Er jede Grenze der geschaffenen Wirklichkeit bereits durchquert hat. Seine Erhöhung ist deshalb keine Belohnung nach dem Leiden, sondern die Offenlegung dessen, was der Durchgang durch Kreuz und Tod bereits bewirkt hat.

Hier liegt die eigentliche Konsequenz: Die Welt bleibt bestehen, aber sie bleibt nicht unverändert. Der Tod existiert weiterhin, politische Mächte existieren weiterhin, geistige Mächte existieren weiterhin usw. Kurz: Geschichte bleibt weiterhin voller Gewalt und Zerbrechlichkeit. Doch keine dieser Mächte besitzt noch letzte Absolutheit. Keine von ihnen kann die Veränderung, die durch Christus begonnen hat, aufhalten, übertreffen oder wiederholen.

Die Himmelfahrt zeigt das, weil Christus nicht an der Welt endet, da Er sie vollständig durchschritten hat. Er geht durch Tod und Macht hindurch und wird nicht aus der Wirklichkeit herausgelöst, dafür über sie erhöht. Gerade deshalb ist Er nicht „weg“: Wer durch die Welt hindurchgegangen ist und über sie gesetzt bleibt, kann nicht einfach abwesend sein.

Der wartende Kosmos

Wenn Christus die Wirklichkeit vollständig durchquert hat, stellt sich unmittelbar die nächste Frage: In welchem Zustand befindet sich die Welt nach Seinem Durchgang?

Augustinus beantwortet diese Frage durch den Begriff der Ordnung. Für ihn entscheidet nicht zuerst der Ort des Menschen, sondern die Richtung seiner Liebe. In der civitas Dei beschreibt er durchgehend zwei Wirklichkeiten, die dieselbe sichtbare Welt durchziehen: die civitas terrena (Bewohner der Welt) und die civitas Die (Bewohner der Wirklichkeit Gottes). Der Unterschied liegt in der inneren Ausrichtung. Es sind keine geografisch-physischen Grenzen gemeint. Die Welt bleibt dieselbe Welt. Städte, Reiche, Institutionen und Geschichte bleiben bestehen. Doch ihre innere Schwerkraft verändert sich. Die Erhöhung Christi bedeutet, dass die Welt ihre letzte eigene Mitte nicht mehr in sich selbst trägt. Hier liegt eine entscheidende Verschiebung. Die Himmelfahrt Christi bedeutet nicht, dass Christus „weg“ ist und dadurch ein Vakuum zurückgelassen wird. Sie bedeutet, dass keine geschaffene Macht mehr den letzten Horizont der Wirklichkeit bilden kann. Die Welt bleibt real, aber ihre Geschlossenheit ist zerbrochen.

Die byzantinische Liturgie spricht in den Hymnen der Himmelfahrt davon, dass Christus die Himmel öffnet. Diese Aussage meint keinen räumlichen Vorgang, als würde ein Ort sichtbar zugänglich gemacht. Der Himmel bezeichnet vielmehr die unzugängliche Wirklichkeit Gottes selbst. Wenn die Liturgie von Öffnung spricht, beschreibt sie eine neue Beziehung zwischen Gott und Welt, eine, die auch dem Menschen von sich aus, durch die Gnade zugänglich ist.

Gegen alle Erwartung aber bleibt die Spannung bestehen. Der Vater wird nicht Teil der Welt. Die Welt wird nicht göttlich. Gerade diese Differenz bleibt erhalten. Doch sie ist nicht mehr abgeschlossen wie eine versiegelte Grenze. Diese Spannung wird also nicht aufgehoben. Sie wird aber stabilisiert. Die byzantinische Ikone der Himmelfahrt verdichtet dieselbe Wirklichkeit in einer einzigen Figur: dem „Kosmos“. Unterhalb der Apostel erscheint eine alte Gestalt mit Schriftrollen in den Händen. Diese Figur steht für die gesamte geschaffene Welt. Entscheidend ist ihre Haltung: Der Kosmos ist nicht zerstört. Er ist auch nicht erlöst im Sinn eines abgeschlossenen Endzustands. Der Kosmos sitzt in Erwartung. Die Schriftrollen sind dabei von zentraler Bedeutung. Die Welt erscheint als lesbare Geschichte, aber nicht als vollendete Geschichte. Alles ist geordnet, aber noch nicht erfüllt.

Hier berührt die Ikone direkt die paulinische Aussage: Die gesamte Schöpfung „seufzt und wartet“ auf ihre Vollendung (Röm 8,22–23). Seufzen bedeutet nicht Hoffnungslosigkeit. Es beschreibt die Spannung einer Welt, die bereits geöffnet ist, ja bereits auf Gott ausgerichtet ist. Und dennoch wartet sie noch auf ihre Vollendung.

Genau deshalb bleibt die Welt weiterhin geschichtlich – mit all ihren Höhen und Tiefen.

Die geöffnete Wirklichkeit Gottes

Die Himmelfahrt Christi ist nicht der Abschluss Seines Weges. Nein. Seine Erhöhung ist die Offenlegung dessen, dass die Wirklichkeit selbst keinen geschlossenen Rand besitzt. Alles bleibt real, aber nichts bleibt letzter Maßstab seiner selbst.

Was sich in der Inkarnation zeigt, wird im Tod zugespitzt und im Hinabstieg bis an die äußerste Grenze geführt: Es gibt keinen Punkt der geschaffenen Existenz, der sich dem Durchgang Christi entzieht. Auch dort, wo das Ende der menschlichen Möglichkeiten erreicht scheint, bleibt Christus gegenwärtig als der, der diesen Ort bereits betreten hat.

Und daraus folgt nur eine Konsequenz: Er, der alles durchquert hat und damit der Endgültigkeit jeder Grenze entzogen ist, wird erhöht. Nicht in einer Weise, die Christus außerhalb der Welt stellt, sondern so, dass Er gerade dadurch über ihr steht, dass Er nichts von ihr unberührt gelassen hat – außer der Sünde. Wie könnte eine Welt sich dann noch als abgeschlossen verstehen, wenn Christus, unser Gott, der Sohn, sie in Sein ewiges Dasein hineingenommen hat? Darum liegt die entscheidende Frage nicht darin, wo Christus ist. Er ist überall dort, wo Er auch gewesen ist, bis in den Tod hinein. Die eigentliche Frage betrifft vielmehr die Welt selbst: Welche Bereiche leben noch so, als wäre ihre Geschlossenheit endgültig, obwohl sie bereits durch Christus durchbrochen wurde. Denn solche Bereiche stellen immer noch Christus Mächten entgegen, die schon längst Ihm gegenüber „zu Füßen gelegt“ sind (Eph 1,22).

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