Der lebendige Leib – Die Geburt der Kirche im Licht der Auferstehung

Der Ursprung der Kirche liegt nicht in einem Entschluss der Jünger, auch nicht in einer nachösterlichen Organisation der Getauften. Ihr Anfang steht im Leib Christi selbst, genauer in jenem Augenblick, in dem Seine Seite geöffnet wird: „Einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite und sogleich floss Blut und Wasser heraus“ (Joh 19,34).

Die Väter lesen diesen Vers im Licht des gesamten Heilsgeschehens. Der heilige Augustinus von Hippo deutet diese Stelle ausdrücklich als Ursprung der Kirche. Er erklärt, dass aus der Seite Christi die Sakramente hervorgehen, durch die die Kirche gebildet wird. Blut steht für die Eucharistie, Wasser für die Taufe (In Ioannis Evangelium Tractatus 120,2). Johannes Chrysostomos entfaltet denselben Gedanken: Wie Eva aus der Seite Adams hervorgeht, so entsteht die Kirche aus der Seite Christi (Homiliae in Ioannem 85,3).

Egal wie man es liest: Die Kirche entsteht nicht neben Christus, sie entsteht aus Ihm. Ihr Ursprung ist ein inneres Geschehen Seiner Leiblichkeit. Und die Sakramente sind die Weise, in der dieser Ursprung in der Zeit wirksam bleibt.

Die durchstoßene Mitte Christi

Die paulinische Aussage „Ihr aber seid der Leib Christi“ (1 Kor 12,27) hört man oft. Sie verlangt aber eine genaue Bestimmung. Denn Paulus spricht nie in Bildern ohne einen Wirklichkeitsgehalt vor Augen zu haben. Wenn er also vom Leib Christi spricht, meint er eine reale Eingliederung des Menschen in eine neue Seinsweise, die den ganzen Menschen betrifft.

Wie ist das zu verstehen? Der Apostel entfaltet diesen Gedanken in mehreren Schritten. Zuerst beschreibt er die Vielheit der Glieder (1 Kor 12,12–26). Jedes Glied hat eine eigene Aufgabe. Das Auge sieht, die Hand greift, der Fuß trägt den ganzen Leib usw. Diese Aufgaben sind nicht austauschbar. Ein Auge kann einfach nichts greifen und eine Hand wird niemals etwas sehen. Gerade diese Verschiedenheit gehört zur Struktur des Leibes. Sie hebt die Einheit nicht auf. Sie gehört zu ihr. Ein Leib entsteht ja überhaupt erst dadurch, dass verschiedene Glieder aufeinander bezogen sind. Einheit hat daher einen bestimmten Ursprung. Sie liegt nicht in einer Angleichung der Glieder, sondern in ihrer gemeinsamen Ausrichtung auf das Haupt. Vom Haupt her empfangen sie alle ihre Ordnung und ihr Leben.

Aus der Vielheit heraus führt Paulus den nächsten Schritt ein. Die Einheit entsteht nicht aus dem Zusammenwirken der Glieder selbst, sondern aus dem Geist: „Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, (…) und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt“ (1 Kor 12,13). Der Blick verschiebt sich von der sichtbaren Vielfalt auf den verborgenen Ursprung der Einheit. Die Eingliederung geschieht durch die Taufe, doch hat die Taufe ihre innere Wirklichkeit im Wirken des Heiligen Geistes. Der Geist ist also die tragende Ursache. Er formt aus einzelnen Gliedern einen einzigen Leib, indem Er sie innerlich miteinander verbindet.

Damit wird auch deutlich, dass die Kirche keinen rein soziologischen Ursprung hat, wie es in mancher Theologie immer noch behauptet wird. Nein. Sie entsteht nicht aus gemeinsamer Überzeugung oder historischer Entwicklung. Ihre Einheit ist primär pneumatologisch begründet, das heißt: Sie hat ihren Ursprung im Geist, der die Glieder Christi zusammenführt und in einer lebendigen Einheit zusammenhält. Von dieser inneren Begründung aus richtet Paulus den Blick weiter auf Christus selbst. Die Glieder bleiben nicht im Geist isoliert. Der Heilige Geist führt sie auf ein Zentrum hin: Christus als Haupt des Leibes.

Thomas von Aquin greift die paulinische Struktur auf und präzisiert sie systematisch. In der Summa Theologiae (genauer in III, q. 8, a. 1) beschreibt er Christus als Haupt der Kirche. Damit ist gemeint: Christus steht nicht nur am Anfang der Kirche. Er gibt dem Leib auch jetzt Leben. In III, q. 8, a. 6 beschreibt Thomas das noch genauer. Christus wirkt als caput influens, von dem aus Leben in den ganzen Leib fließt. So bleiben die Glieder nicht für sich, sie leben aus Ihm, durch Ihn und mit Ihm.

Damit wird der paulinische Gedanke vertieft: Die Einheit der Kirche ist nicht ein statischer Zustand, sondern ein dauernder Lebenszufluss aus Christus. Alles, was die Kirche ist, empfängt sie aus dieser bleibenden Verbindung mit ihrem Haupt. Oder um es wieder mit dem heiligen Augustinus zu sagen: Die Kirche ist Christus totus (Enarrationes in Psalmos 85,1). Christus und Kirche bilden keine zwei getrennten Wirklichkeiten. Beide bilden eine einzige lebendige Gestalt. Das Haupt lebt in den Gliedern weiter, die Glieder leben aus dem Haupt.

Die Seite Christi bleibt also der Ort, aus dem die Kirche hervorgeht. Das Hervorgehen ist kein abgeschlossenes Ereignis der Vergangenheit. In jeder Taufe und in jeder Eucharistie wird der Ursprung gegenwärtig wirksam, und der Leib Christi wird neu gesammelt. Deshalb ist die Kirche auch keine fest geschlossene Größe. Sie lebt aus einer offenen Mitte: dem durchbohrten und zugleich lebendigen Leib Christi, aus dem unaufhörlich Leben herausfließt.

Der auferstandene Leib

Nun ist der Leib Christi kein einfacher Leib. Denn Jesus ist durch den Tod gegangen und ist auferstanden. Die Auferstehung hebt die Leiblichkeit nicht auf: „Ich bin es selbst. Fasst mich doch an und begreift“ (Lk 24,39). Der Auferstandene ist nicht eine bloße Erinnerung der Jünger, auch keine reine Innerlichkeit. Sein Leib ist wirklich gegenwärtig, jedoch in verwandelter Gestalt.

Diese Verwandlung ist auch entscheidend für das Verständnis der Kirche. Wenn die Kirche Leib Christi ist, dann steht sie notwendig in Beziehung zum auferstandenen Leib. Sie gehört nicht nur zum irdischen Jesus, sie gehört zum lebendigen auferstandenen Christus. Damit entsteht eine Spannung, die durchgehalten werden muss. Die Kirche ist sichtbar in der Geschichte: Sie besteht aus konkreten Menschen, sie hat eine erkennbare Gestalt und handelt in Raum und Zeit. Gleichzeitig reicht ihre Wirklichkeit über ihre Sichtbarkeit hinaus, weil ihr Ursprung und ihr Leben im auferstandenen Christus liegen.

Diese Spannung beschreibt Paulus mit einem dichten Satz: „Immer tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar wird“ (2 Kor 4,10). Der Leib Christi in der Kirche steht nicht außerhalb des Kreuzes. Das Geschehen des Kreuzes bleibt gegenwärtig, jedoch nicht als Wiederholung, sondern in verwandelter Form. Das lässt sich genauer bestimmen. Der auferstandene Christus ist derselbe, der gekreuzigt wurde. Darum bleiben seine Wunden erkennbar. Sie gehören zur Identität des Auferstandenen. Gerade darin wird Er überhaupt erkannt: „Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite“ (Joh 20,27). Die Wunden bezeichnen also die bleibende Identität Christi: Er ist der, der Sein Leben hingegeben hat.

Für die Kirche hat das eine konkrete Bedeutung. Ihr Leben entsteht nicht aus einer neutralen Ausgangslage. Es entsteht aus der Hingabe Christi selbst. Seine Hingabe bleibt der Grund ihres Daseins und prägt ihre Gestalt. Darum zeigt sich die Gegenwart Christi in der Kirche gerade dort, wo Seine Hingabe wirksam wird: in der Eucharistie, die das Opfer Christi gegenwärtig setzt, und im konkreten Leben der Gläubigen, das von Seiner Hingabe geformt wird. Wenn die Tradition also von den bleibenden Wunden spricht, dann meint sie: Die Kirche lebt aus einem Ursprung, der das Kreuz einschließt. Es wird nicht überwunden im Sinn eines Zurücklassens, es bleibt gegenwärtig als die Form, in der Christus sein Leben gibt und seinen Leib sammelt. Einfach gesagt: So wie Christus seinen Leib am Kreuz ein für alle Mal hingegeben hat, so schenkt der auferstandene Christus diesen Seinen Leib der Welt immer neu, indem Er Ihn in der Kirche durch ihre (Mit-)Glieder gegenwärtig macht.

Und wie Mechthild von Magdeburg in Das fließende Licht der Gottheit beschreibt, werden in der Kirche als Leib Christi Seine Wunden nicht ausgelöscht, weil sie als Orte der Erkenntnis dienen, wo sich die Liebe Christi konkret zeigt. Die Verwundung bleibt erkennbar, und gerade darin wird das Leben sichtbar, das aus ihr hervorgeht. Konkret heißt das: In der Eucharistie wird derselbe hingegebene Leib Christi gegenwärtig. Im Leben der Kirche zeigt sich das Kreuz in dem, was sie an Leid, Hingabe und auch an Verzicht um des Glaubens willen (er-)trägt. Und in der Caritas wird sichtbar, wo Liebe sich selbst verschenkt; dort erscheint die Form des Kreuzes Christi im konkreten Handeln der Gläubigen.

Hier sei noch einmal der Begriff caput influens der scholastischen Theologie erwähnt: Der auferstandene Christus handelt in Seiner Kirche weiter. Seine Gegenwart ist nicht Erinnerung, sondern reale Wirksamkeit. Und deshalb ist die Kirche kein abgeschlossener Leib, der einmal entstanden ist und nun einfach fortbesteht. Sie steht in einer fortdauernden Bewegung. Dieses “Werden“ geschieht aus Christus selbst, der als Haupt Seinen Leib formt und erhält.

So oder so: Die Bewegung der Kirche durch Raum und Zeit ist österlich geprägt. Sie geht vom gekreuzigten und auferstandenen Christus aus. In ihr bleibt das Kreuz gegenwärtig, und zugleich wird das neue Leben wirksam. Die sichtbare Gestalt der Kirche trägt daher immer beide Dimensionen: die Spur der Verwundung und die Wirklichkeit der Auferstehung.

Die Wunden des lebendigen Leibes

Vielleicht liegt genau hier das eigentliche Ärgernis der Kirche. Man kann sie einfach nie ganz auf das reduzieren, was sie sichtbar vor Augen zeigt. Strenggenommen, historisch betrachtet, erscheint sie sogar schwach, verwundet, widersprüchlich und ständig bedroht. Und doch behauptet sie, Leib Christi zu sein.

Diese Behauptung wäre unerträglich, wenn Christus wirklich tot geblieben wäre. Dann wäre die Kirche nur eine Erinnerung an einen Abwesenden. Gerade das aber verneint Ostern. Der Auferstandene zieht sich nicht aus der Welt zurück. Er bleibt gegenwärtig, leiblich in einer neuen Weise. Darum ist die Kirche im tiefsten Sinn kein Denkmal Jesu. Sie ist der Ort, an dem Sein Leben weiterwirkt. Genau deshalb trägt sie auch die Spur Seiner Wunden. Nicht weil das Kreuz unvollendet geblieben wäre, sondern weil die Liebe, die sich dort hingegeben hat, niemals vergehen wird und sich immer wieder neu schenken will.

Und vielleicht wird die Kirche deshalb immer dort am meisten sie selbst, wo sie nicht aus eigener Stärke lebt. Dort, wo Menschen sich vom Leben Christi tragen lassen. Dort, wo Eucharistie gefeiert wird. Dort, wo Hingabe stärker wird als Selbsterhalt. Schließlich dort, wo die Liebe Gestalt annimmt.

Denn aus der geöffneten Seite Christi fließen bis heute Blut und Wasser durch die Geschichte der Welt: Blut, das Leben schenkt, und Wasser, das Menschen hineinzieht in den lebendigen Leib, der auch nach Ostern nicht aufgehört hat zu lieben. Darum bleibt uns nur, in diesem lebendigen Leib zu bleiben, aus der Hingabe Christi zu leben und uns von Seinem Leben so formen zu lassen, dass Es durch unser Dasein hindurch wieder in die Welt zurückfließt.

Spendenkonto

Priesterausbildungshilfe e. V.
IBAN: DE20 3705 0198 1930 3223 65
BIC: COLSDE33XXX

Letzte Beiträge: