
Der Sohn ist beim Vater. Er ist in Seine Herrlichkeit als Sieger zurückgekehrt. Von dort her herrscht Er bis ans Ende aller Tage. Und Seine reale Gegenwart bleibt der Welt nicht fern, sondern begleitet sie in jeder Stunde der Geschichte. So beschreibt die Himmelfahrt zunächst die Erhöhung Christi und Seine bleibende Herrschaft.
Doch in dieser kurzen Beschreibung liegt ein entscheidender Akzent, der leicht übersehen wird, wahrscheinlich weil er nicht bewusst ausgesprochen wird. Er ist aber wichtig und mitentscheidend: Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Was in die Herrlichkeit des Vaters eintritt, ist nicht nur Seine göttliche Natur. Auch die eine Person des Sohnes in der ungetrennten Einheit beider Naturen wird emporgehoben und auf den Thron Gottes gesetzt. Die menschliche Natur Christi ist in die Wirklichkeit des Vaters aufgenommen.
Nochmals: Die menschliche Natur ist in und durch Christus in die göttliche Herrlichkeit hineingenommen. Und was in Ihm geschieht, bleibt nicht bei Ihm stehen. Es greift auf die Wirklichkeit der Welt, ja des Menschen selbst über und verändert unsere Weise, wie menschliche Natur überhaupt verstanden und gelebt werden soll.

Der verherrlichte Mensch Christus
„Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14). Dieser theologisch schwierige Satz beschreibt eine dauerhafte Selbstbindung des Logos an die menschliche Natur. Etwas einfacher gesagt: Der Sohn Gottes hat die menschliche Natur selbst in Seine göttliche Person aufgenommen. Diese Annahme wird in der Himmelfahrt nicht rückgängig gemacht. Sie bleibt.
Das Konzil von Chalcedon (451) sichert diese Wirklichkeit dogmatisch ab. Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch, „unvermischt und ungetrennt“. Dieses durch negative Theologie ausgesprochene Dogma ist keine abstrakte Balance. Es ist eine präzise Grenzziehung. „Unvermischt“ bedeutet, dass die menschliche Natur nicht im Göttlichen aufgeht und darin verschwindet. „Ungetrennt“ bedeutet, dass sie nie wieder aus der Einheit mit der göttlichen Person herausgelöst wird. Die menschliche Natur bleibt vollständig menschlich, und sie bleibt vollständig geeint mit dem Sohn.
Damit ist ausgeschlossen, dass die menschliche Natur Christi etwas Vorläufiges, eine Art Durchgangsstadium Gottes oder bloß Instrumentelles ist. Sie ist nicht ein Mittel, das nach Vollendung des Werkes abgelegt wird, sondern bleibender Ausdruck der Selbstmitteilung Gottes in der Geschichte. Was Gott einmal angenommen hat, bleibt angenommen. Darin liegt Seine Treue.
Deshalb ist die Auferstehung Christi, ja die Auferstehung überhaupt, keine Auflösung des Leibes. Sie ist seine Verwandlung. Christus erscheint nicht als Erinnerung, nicht als Symbol, nicht als reine Geistgestalt. Er handelt, spricht, isst, zeigt Seine Wunden. „Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst. Fasst mich doch an und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht“ (Lk 24,39). „Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite“ (Joh 20,27). Der Tod hat also die menschliche Natur nicht zerstört, denn Christus hat sie durch den Tod hindurch in eine verwandelte Existenz geführt. Die Auferstehung ist also nicht das Ende des Menschlichen. Sie ist Verherrlichung der Materie in ihrer personalen Form. Keine Entmaterialisierung und keine Auflösung. Die menschliche Natur bleibt in ihrer Wahrheit bestehen, jedoch in einer neuen Existenzweise, die dem Tod nicht mehr unterworfen ist.
In diese vollendete Leiblichkeit hinein tritt die Himmelfahrt: „Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben“ (Apg 1,9). Paulus formuliert dieselbe Realität in anderer Sprache: Christus sitzt „im Himmel auf den Platz zu seiner Rechten“ (Eph 1,20). Beide Aussagen sind nur dann sinnvoll, wenn sie dieselbe menschliche Natur betreffen, die geboren wurde, gegessen hat, gelitten hat und gestorben ist. Die Himmelfahrt Christi ist daher die endgültige Einsetzung der menschlichen Natur in die göttliche Herrlichkeit. Der Mensch in Christus tritt nicht aus der Geschichte heraus. Er tritt in die innere Wirklichkeit Gottes ein. Damit wird die Grenze zwischen Gott und Mensch nicht aufgehoben, aber sie wird in einer Weise durchdrungen, die vorher nicht gegeben war: Die menschliche Natur bleibt menschlich und ist zugleich im Leben Gottes verankert. Leo der Große formuliert diesen Punkt sehr deutlich: „die menschliche Natur (nahm) hoch über allen Geschöpfen des Himmels ihren Platz ein, um nunmehr über den Chören der Engel und den erhabenen Erzengeln zu stehen und erst auf dem Sitze des ewigen Vaters das Endziel ihrer Erhebung zu finden und auf diesem Throne die Herrlichkeit dessen zu teilen, mit dessen Wesen sie durch den Sohn in Verbindung stand“ (Leo der Große, Sermo 73,4). Nicht irgendein Teil des Menschen wird erhöht, sondern die konkrete angenommene Natur. Genau diese Natur, die Hunger kennt, Schmerz kennt, Sterblichkeit kennt, sitzt in Christus zur Rechten des Vaters.
Wenn die menschliche Natur in Christus in die Herrlichkeit Gottes aufgenommen ist, dann bleibt sie vollständig real und zugleich über jede bloß irdische Bestimmung hinaus erhoben. Jede Reduktion des Menschen auf Funktion, Biologie, Soziologie oder Nützlichkeit steht damit im Widerspruch zu dem, was in Christus bereits Wirklichkeit geworden ist. Die Würde des Menschen ist deshalb keine nachträgliche ethische Zuschreibung. Sie ist eine ontologische Folge dessen, was in Christus geschehen ist: dieselbe Natur, die jeder Mensch trägt, ist im Sohn Gottes in die Herrlichkeit des Vaters eingegangen.

Der Mensch zwischen Erde und Herrlichkeit
Aus der Erhöhung der menschlichen Natur in Christus folgen mehrere Konsequenzen: Was der Mensch ist, wie sein Leib verstanden wird, worauf sein Leben hingeordnet ist und wie er sich selbst erkennt, hängt an Christi Wirklichkeit.
Die erste Konsequenz ist grundlegend. Wenn die menschliche Natur in Christus verherrlicht ist, kann der Mensch niemals wie Material behandelt werden. Er ist weder Körpermasse noch bloßer Funktionsträger gesellschaftlicher Prozesse noch ein biologischer Organismus ohne bleibende Bestimmung. In ihm ist jene Natur gegenwärtig, die der Sohn Gottes selbst angenommen und in die Herrlichkeit geführt hat. Deshalb gründet die Würde des Menschen nicht in Leistung, Bewusstsein oder Nützlichkeit, sondern in dieser angenommenen und verherrlichten Natur. Darum betrifft Abtreibung nicht nur eine ethische Entscheidung. Sie ist die Tötung eines Menschen in einer Natur, die Gott selbst angenommen hat. Gleiches gilt für die Euthanasie, die den leidenden Menschen als verfügbares Objekt behandelt, obwohl seine Würde aus der Verbindung mit der erhöhten menschlichen Natur Christi stammt. Auch Ausbeutung oder systematische Entwürdigung sind in diesem Licht nicht bloß soziale Missstände, sondern Widerspruch gegen die innere Wirklichkeit des Menschen. Die Würde bleibt unantastbar, weil sie in der verherrlichten Natur Christi gründet.
Aus dieser ersten Konsequenz folgt unmittelbar eine zweite. Der Leib ist kein nebensächliches Anhängsel des Menschen: „Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt?“ (1 Kor 6,19). Christus ist nicht als entkörperter Geist zum Vater zurückgekehrt. Er ist als verherrlichter Mensch, in dem die menschliche Natur bleibend besteht, erhöht worden. Gerade diese bleibende Leiblichkeit verhindert jede Abwertung des Körpers. Der Leib gehört zur Person selbst. Deshalb ist christliche Moral weder körperfeindlich noch auf reine Disziplin reduziert. Keuschheit ordnet den Leib, Fasten formt ihn, ohne ihn zu verachten, und die Auferstehung des Fleisches ist Ziel der Erlösung. Auch die ehrfürchtige Bestattung der Toten zeigt diese Sicht: Der Leib ist nicht wertloses Überbleibsel, denn er ist durch Christus auf Verherrlichung hingeordnet. Die Himmelfahrt widerspricht damit jeder Reduktion des Körpers auf bloße Funktion oder auf reine Materie und zeigt ihn als Teil der kommenden Herrlichkeit.
Aus der Wahrheit über den Leib folgt eine dritte Konsequenz. Die menschliche Berufung erschöpft sich nicht im Irdischen. Wenn die menschliche Natur bereits beim Vater verherrlicht ist, kann das Leben des Menschen nicht vollständig in Erfolg, Leistung oder Anerkennung aufgehen. Seine Herkunft und sein Ziel liegen viel tiefer. Denn der Mensch ist auf Gemeinschaft mit Gott hin geschaffen, und diese Ausrichtung trägt sein ganzes Dasein. Das irdische Leben bleibt deshalb auf Ewigkeit hin geöffnet. Sünde ist in diesem Zusammenhang nicht nur Regelbruch, sondern Widerspruch gegen die Richtung der eigenen menschlichen Natur. Heiligkeit bedeutet, in diese Ordnung zurückzukehren. Die Himmelfahrt setzt damit einen Maßstab, der nicht Macht, Einfluss oder Selbstverwirklichung in den Mittelpunkt stellt. Maßstab ist die Hinordnung auf das ständige Leben vor Gott.
Daraus ergibt sich eine vierte eigenständige Konsequenz. Kein philosophisches, politisches oder gar religiöses System behauptet, dass die menschliche Natur in die Herrlichkeit Gottes erhoben wurde. Eher ist der Gegenteil der Fall. Und gerade darin liegt die Eigenart des christlichen Menschenbildes: Gott nimmt die Natur des Menschen an, ganz ohne einen Teil auszulassen, und führt sie in Seine Gemeinschaft. Seit der Himmelfahrt ist die menschliche Natur nicht mehr ausschließlich auf die Erde begrenzt. In Christus lebt sie bereits im innersten Leben Gottes. Dadurch entsteht ein Menschenbild, das jede funktionale, ökonomische oder politische Reduktion übersteigt, weil es den Menschen von seiner letzten Bestimmung her versteht: Gott.
Aus dieser Gesamtbewegung folgt schließlich die fünfte Konsequenz. Der Mensch muss sich selbst neu verstehen. Er ist nicht nur Sünder, nicht nur Produkt äußerer Bedingungen und nicht nur Teil eines zufälligen Weltzusammenhangs. Durch Taufe und Gnade ist er auf jene Herrlichkeit hingeordnet, die in Christus bereits Wirklichkeit geworden ist. Damit verändert sich der Blick auf das eigene Dasein. Der Mensch ist zu groß für bloßen Materialismus, zu tief für Oberflächlichkeit und zu weit geöffnet für eine rein diesseitige überhöhte Selbstdeutung. Die erhöhte menschliche Natur Christi zeigt, worauf der Mensch selbst hingeordnet ist: auf die Teilnahme an der göttlichen Gemeinschaft.

Auf dem Weg zur Vollendung
Die menschliche Natur ist in Christus verherrlicht und in den Thron Gottes aufgenommen.
Und doch lebt der Mensch oft, als wäre er auf sich selbst zurückgeworfen. Dadurch wird der Blick auf andere schnell eng: Alte und kranke Menschen werden nur noch als Belastung wahrgenommen. Ein Ungeborenes wird als Problem betrachtet. Menschen ohne Leistung fallen leicht aus dem Blick. Auch im Umgang mit dem eigenen Leib und Leben verschiebt sich der Blick leicht in Richtung Nützlichkeit oder Selbstoptimierung.
Der Mensch ist nicht zuerst das, was er zeigt, leistet oder selbst bestimmt. Er ist die gleiche Natur, die Christus angenommen hat und die in Ihm nun vor dem Vater steht.
Auch wir sind durch die Taufe bereits in die Gemeinschaft mit Gott hineingenommen. Die Kirche nennt das die reale Teilhabe am göttlichen Leben. Was mit Christus begonnen hat, hat kein Ende: ein Leben mit Gott, das schon jetzt gegeben ist. „Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (Lk 17,21). Und zugleich bleibt unser Leben auf Vollendung hin unterwegs. Wir stehen zwischen Gabe und Weg. Schon hineingenommen in Gottes Leben, und doch noch unterwegs, dieses Leben ganz zu werden.
Jesus hat das in Seiner eigenen menschlichen Natur uns vorgelebt und uns damit gezeigt, dass dieser Weg unserer menschlichen Natur nicht fremd ist. Im Gegenteil: Sie ist auf diesen Weg gerichtet und findet in ihm ihre Erfüllung. So ist auch Heiligkeit nicht etwas, das grundsätzlich unerreichbar wäre oder nur Privilegierten vorbehalten bliebe. Alles, was dafür nötig ist, ist schon geschenkt: Die Gnade ist da, die Verbindung ist da, die Richtung ist da. Aber Heiligkeit will im konkreten Alltag gelebt werden. Es hängt nur an uns, der durch Christus verherrlichten menschlichen Natur zu folgen und in ihr zu bleiben.


