Die Salbung des Herrn in Bethanien – Zeichen des kommenden Todes

Jesus zog in Jerusalem ein, und die Menschen legten ihre Kleider und die Zweige auf den Weg. „Hosanna dem Sohn Davids“ (Mt 21,9) riefen sie. Der Einzug Jesu in Jerusalem passiert gerade in jenem Moment, in dem die Erwartung der Menge auf einen irdischen Messias gerichtet ist, der Macht und Befreiung bringen werde.

Doch Jesus kommt nicht in einen Palast. Sechs Tage vor dem Paschafest geht er nach Bethanien, dem Ort, in dem Lazarus, den Er von den Toten auferweckt hatte, wohnte. Zu Ehren Jesu wurde dort ein Mahl gehalten. Martha diente, Lazarus war unter denen, die mit Jesus am Tisch saßen (Joh 12,1‑2). Und Maria, die Schwester von Martha und Lazarus, salbt den Leib Jesu, genauer Seine Füße. Diese Handlung erscheint auf den ersten Blick merkwürdig, wenn man sie aus der Perspektive der Palmsonntagsmenge liest, die in Jesus den König in irdischer Erwartung empfängt. Doch Marias Salbung gehört zur Offenbarung dessen, was Jesus in Seiner Person und Sendung wirklich ist. Denn an dieser Stelle wird das bevorstehende Leiden Christi sichtbar gemacht.

Der Leib Christi

Im Johannesevangelium heißt es ausdrücklich, dass Maria Nardenöl von sehr großem Wert nahm und damit die Füße Jesu salbte und Seine Füße mit ihrem Haar trocknete, sodass das ganze Haus vom Duft des Öls erfüllt wurde (Joh 12,3). Die neutrale Beschreibung dieser Handlung würde ohne weiteres auf eine Form des Ehrens oder der Verehrung hinauslaufen, wäre nicht gerade unmittelbar darauf die Antwort Jesu überliefert. Auf den Einwand des Judas, das Öl hätte verkauft und der Erlös den Armen gegeben werden können, antwortet Jesus präzise über den einen konkreten Sinn dieser Salbung: „Lass sie, damit sie es für den Tag meines Begräbnisses aufbewahrt!“ (Joh 12,7)

Das Wort Jesu legt den gesamten Sinn der Handlung Marias fest. Eine Salbung gehört im jüdischen Brauch auch zum Begräbnis eines Leichnams und wirkt damit in einen spezifischen Kontext hinein. Es wäre theologisch unhaltbar, den Ausdruck des Herrn anders zu verstehen als in seinem unmittelbaren, historischen Bezug auf Sein eigenes kommendes Begräbnis. Christus sagt nicht: „Das ist ein Zeichen für deinen Glauben“ oder „Das ist ein Ausdruck großer Liebe“, sondern Er ordnet die Tat einem bestimmten Ereignis zu: dem Begräbnis Seines Leibes.

Der Herr benennt klar, was Maria tut. Diese Einordnung ist nicht zufällig. Christus kündigt mehrfach Sein Leiden und Sterben an und betont dabei Seine freie Zustimmung (vgl. Mt 16,21; Joh 10,18; Mk 14,36). Die Salbung in Bethanien gehört zur Heilsgeschichte Christi insofern, als sie den Leib Jesu in seinem Leibsein dem bevorstehenden Tod zuordnet, der schon im Willen Christi gegenwärtig ist. Dabei geht es nicht um einen symbolischen Vorgang, der erst später aufgeklärt wird, sondern um eine historisch verankerte Handlung, die unmittelbar in Beziehung zu dem steht, was in den folgenden Tagen eintreten wird.

Maria und Judas

Die Frage, ob Maria in der Tiefe verstand, was sie tat, kann theologisch offenbleiben. Ihre Handlung ist dennoch kohärent, weil sie den Leib Jesu als Leib Seiner Person berührt. Durch die Berührung zeigt sich eine konkrete Antwort auf die Gegenwart des Sohnes Gottes: Sie ehrt Seinen Leib in der Ihm eigenen Würde. Dass Maria das kostbare Öl vollständig verwendet und nicht spart, zeigt eine Hingabe, die keine Abstufung kennt; ihre Handlung ist in jeder Geste vollständig der Person Christi untergeordnet. Sie vollzieht die Salbung als realen, gegenwärtigen Akt – nicht als symbolische Geste oder Vorgriff auf das Kreuz –, sondern als konkrete Pflege des Leibes, der aber bald dem Tod übergeben werden wird (Joh 12,3).

Im Gegensatz dazu tritt Judas auf. Sein Einwand erscheint auf den ersten Blick formal moralisch korrekt, weil Sorge um die Armen eine Pflicht des göttlichen Gesetzes ist. Johannes macht jedoch unmissverständlich deutlich, dass Judas nicht aus Nächstenliebe handelt, sondern aus Habgier und Besorgnis um die Vorratskasse (Joh 12,6). Sein Argument verkennt den heilsgeschichtlichen Augenblick: Hier steht der Sohn Gottes, Mensch geworden, unmittelbar vor Seinem Tod, und Er nimmt ihn bewusst an.

Jesus selbst ordnet die Handlung ein: „Die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer“ (Joh 12,8). Dieses Wort hebt nicht die Pflicht zur Barmherzigkeit auf. Jesus benennt die Einmaligkeit der Situation. Die Salbung ist ein heilsgeschichtlich konkreter Akt, der sich nicht wiederholen lässt, weil der Tod Christi einmalig ist. Maria handelt im Einklang mit der Einmaligkeit.

Judas bleibt bei einer rein zweckgerichteten Betrachtung. Er reduziert die Situation auf allgemeine Prinzipien der Fürsorge und berechnende Nutzenabwägung. Dadurch verkennt er aber den spezifischen heilsgeschichtlichen Augenblick. Maria dagegen begegnet dem Leib Christi in der Realität Seiner Person. Die Salbung ist kein bloßer Ausdruck von Liebe Marias zu Christus. Natürlich ist dies auch der Fall. Aber noch mehr: Ihr Handeln ist ein konkreter heilsgeschichtlicher Akt, der den Leib Christi auf Seinen Tod und Sein Begräbnis vorbereitet.

Prüfung der Gegenwart Christi

Die Menge in Jerusalem feierte einen König nach menschlichem Maß, legte Kleider und Zweige auf den Weg, rief „Hosanna“ und suchte Macht und Befreiung. In Bethanien aber kniet Maria nieder, salbt die Füße des Herrn, achtet Sein Fleisch in der Realität Seiner Person, ohne zu rechnen, ohne zu überlegen, ob Wert oder Nutzen, Lob oder Kritik kommen. Judas spricht von Armen und Geboten, doch sein Herz bleibt auf sich selbst gerichtet; er versteht nicht, dass hier der Sohn Gottes Sein Leiden vorbereitet und Sein Opfer vollzieht (Joh 12,6).

Christus fordert unsere volle Aufmerksamkeit auch heute; Er gebietet nicht nach menschlichen Gesetzen, nicht nach Berechnung, sondern durch Sein Kommen, Sein Dasein und Sein Opfer, das bereits im Jetzt gegenwärtig ist.

Wie oft handeln auch wir wie die Menge, wie Judas, erkennen nicht den Augenblick, in dem Christus uns fordert, und werten Besitz, Nutzen oder Bequemlichkeit höher als Seine Gegenwart. Die Salbung Marias macht heute bewusst, dass christliche Hingabe nach einer konkreten, nicht kalkulierten Liebe zu Christus verlangt, die Seinen Leib achtet und Sein Opfer vorwegnimmt. Und sie zeigt, dass wahre Barmherzigkeit in der Unmittelbarkeit der Antwort auf Gottes heilsgeschichtliche Gegenwart liegt und nicht in den eigenen Erwartungen.

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