Schule des Willens – Ist Fastenbrechen Sünde?

Christus mahnt uns: „Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler!“ (Mt 6,16).
Fasten steht nicht als leeres Ritual vor uns. Es ist eine Prüfung der Seele, ein Spiegel der Ausrichtung des Willens.

Das Herz des Menschen offenbart sich in der Enthaltsamkeit: zeigt es Gehorsam und Ausrichtung auf Gott, oder flieht es in Bequemlichkeit und Begierde? Was passiert dann, wenn man das Fasten bricht? Ist damit automatisch Schuld vor Gott begründet? Oder mildert die innere Einstellung die Tat?

Moralische Prüfung

Sünde verlangt drei Elemente: Erkenntnis, Zustimmung und Freiheit. Diese klassische Bestimmung findet sich ausgearbeitet bei Thomas von Aquin in der Summa Theologiae (I-II, q. 71, a. 6). Ohne diese drei Elemente liegt keine volle Sünde vor. Genau hier muss das Fastenbrechen geprüft werden.
Eine Tat allein offenbart keine Schuld; entscheidend ist der innere Zustand. Körperliche Schwäche, Erschöpfung oder der natürliche Druck der Begierde vermögen den Willen zu brechen, ohne dass die Gnade verlassen wird.

In der Spannung zwischen Begehren und Vernunft zeigt sich die wahre Prüfung: der Wille ringt, der Geist ordnet, aber die Natur widersetzt sich. Selbst ein Fallen in Versuchung kann die Reinheit des Willens bewahren, wenn Reue und Neuorientierung folgen. Die bewusste Hingabe an Lust, Gleichgültigkeit oder Hochmut jedoch verschiebt den inneren Maßstab und tritt in die Ebene der Sünde.

Die geistliche Übung des Fastens offenbart, wie stark der Wille über die Neigung herrscht. Eine Handlung mag äußerlich gebrochen erscheinen, innerlich jedoch kann der Mensch der Ordnung treu bleiben, solange der Wille gerichtet ist. Die Sünde liegt nicht in der Entbehrung, sondern im Aufgeben der Ordnung, im Erheben des Begehrens über die Pflicht gegenüber Gott.

Das Fasten wird so zur Arena, in der Tugend oder Versagen sichtbar werden: Geduld, Selbstbeherrschung, die Fähigkeit, der Natur Grenzen zu setzen. Eine Niederlage der körperlichen Kräfte kann Reinheit des Geistes nicht zerstören; der bewusste Bruch aus innerer Verachtung zerstört sie.

Fasten Ordnung und Gebot

Das Fastengebot verpflichtet nicht jeden Menschen in jeder Situation. Die Kirche bindet nur jene, die nach Alter, Gesundheit und Lebenssituation dazu fähig sind. Daraus ergibt sich eine einfache Ordnung: Eine Sünde kann nur dort entstehen, wo überhaupt eine Verpflichtung besteht. Fehlt diese Verpflichtung, etwa aufgrund von Krankheit oder ernsthaften Gründen, liegt auch beim Unterlassen des Fastens keine Übertretung vor.

Bei denen, die verpflichtet sind bzw. sich selbst verpflichten, entscheidet sich die moralische Bewertung an zwei Bedingungen: Der Mensch muss wissen, dass er beim Fasten gebunden ist, und er muss sich bewusst gegen diese Bindung entscheiden. Erst wenn beides zusammenkommt, liegt eine Sünde vor.

Ein konkreter Fall zeigt das deutlich. Wenn jemand weiß, dass er fasten muss, dazu auch fähig ist, und dennoch aus Bequemlichkeit oder fehlender Bereitschaft bewusst isst, richtet sich sein Wille gegen das Gebot. In diesem Fall entsteht Schuld, da nicht nur eine äußere Vorschrift übergangen wird, sondern die verpflichtende Ordnung selbst zurückgewiesen wird.

Anders liegt der Fall, wenn die äußere Handlung nicht aus einer solchen Entscheidung hervorgeht. Jemand beginnt zu fasten, merkt aber im Laufe des Tages, dass die Kräfte deutlich nachlassen. Er isst etwas, um nicht zu kollabieren oder seine Pflicht im Alltag nicht zu vernachlässigen. In diesem Fall liegt keine Sünde vor, weil kein Wille gegen das Gebot vorhanden ist. Das Gebot wird weiterhin anerkannt, nur die Ausführung ist aufgrund realer Grenzen nicht vollständig möglich.

Auch bei Unachtsamkeit oder Gewohnheit ist zu prüfen, ob wirklich eine klare Entscheidung gegen das Gebot vorliegt. Ohne diese bewusste Entscheidung erreicht die Handlung nicht dieselbe moralische Qualität wie eine absichtliche Übertretung.

Damit wird der entscheidende Maßstab sichtbar. Nicht das Brechen als solches begründet die Sünde, sondern die bewusste Entscheidung gegen ein verpflichtendes Gebot. Genau hier liegt der Punkt, an dem sich bestimmt, ob eine Handlung schuldhaft ist oder nicht.

Prüfung des Willens

Fasten trennt nicht zwischen denen, die nicht verzichten, und denen, die verzichten. Es trennt zwischen denen, die gehorchen, und denen, die sich entziehen. Die Frage ist nicht, ob man einen schwachen Moment hatte.

Ein Mensch kann den ganzen Tag verzichten und dennoch das Fasten verfehlen, wenn er innerlich gegen die Ordnung des Herzens steht, die Fasten ermöglicht. Ein anderer kann das Fasten unterbrechen und dennoch im Gehorsam bleiben, wenn er nicht anders kann und das Gebot des Fastens an sich nicht zurückweist. Die äußere Tat täuscht leicht; der Wille legt dann offen, was wirklich geschieht.

Damit fällt jede Ausrede weg, die sich hinter dem Äußeren versteckt. Nicht der Körper rechtfertigt oder belastet den Menschen, sondern der Wille. Und genau dort entsteht Sünde.

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