Flucht vor der Geschöpflichkeit – Die neue Sehnsucht nach dem perfekten Menschen

Früher fürchtete der Mensch die Naturgewalten. Auch vor den Göttern und vor Gott stand er mit Ehrfurcht. Ganz gleich: Der Mensch wusste, dass über ihm eine Wirklichkeit steht, die er nicht beherrscht. Nach und nach verschwand diese Haltung. Die Moderne erklärte die Welt für berechenbar. Der Mensch begann nun zu glauben, er könne alles verstehen, kontrollieren und schließlich auch beherrschen. Selbst Gott wurde für viele nur noch eine Idee vergangener Zeiten.

Aber ist die Furcht wirklich verschwunden? Oder hat sie nur ihr Gesicht verändert? Vielleicht fürchtet sich der moderne Mensch heute nicht mehr vor Gott, sondern vor etwas anderem: Vor seiner eigenen Grenze. Vor dem Alter. Vor der Schwäche. Vor dem ungeplanten Leben. Vor der Wirklichkeit, nicht alles selbst bestimmen zu können.

Gerade deshalb arbeitet die moderne Welt mit ungeheurer Kraft daran, den Menschen neu zu formen. Genetik greift in den Ursprung des Lebens ein und künstliche Intelligenz soll menschliche Fähigkeiten erweitern. Transhumanistische Denker sprechen sogar offen davon, den Menschen eines Tages zu überwinden. Hinter all dem steht eine Frage, die sehr tief reicht: Genügt es dem Menschen überhaupt noch, Geschöpf zu sein?

Gnosis der Moderne

Viele betrachten Gender-Ideologie, Transhumanismus oder künstliche Intelligenz als voneinander getrennte Entwicklungen. Tatsächlich entspringen sie oft derselben geistigen Haltung: Der Mensch akzeptiert seine Natur nicht mehr als Gabe Gottes. Er betrachtet sich zunehmend als Material zur Selbsterschaffung.

Diese Gedanken sind keine neue Erfindung. Der heilige Irenäus von Lyon bekämpfte bereits im 2. Jahrhundert leibfeindliche Gedanken. Damals breitete sich die Gnosis aus, eine Bewegung, die den menschlichen Leib verachtete und Erlösung als Befreiung von der geschaffenen Wirklichkeit verstand. Für die Gnostiker war die materielle Welt etwas Minderwertiges. Der wahre Mensch sollte sich über seinen Leib erheben. Irenäus erkannte darin einen Angriff auf die Schöpfung selbst. Wieso sollte der allmächtige und barmherzige Gott die Materie minderwertig schaffen? Deshalb verteidigte er mit aller Schärfe die Wirklichkeit des menschlichen Leibes und die Güte der Schöpfung. Er schreibt der Gnosis entgegen: „Denn Gottes Ruhm ist der lebendige Mensch“ (Adversus Haereses IV, 20,7). Gemeint ist der Mensch als Geschöpf Gottes. Weder optimiert noch von seinem Leib gelöst.

Heute kehrt dieselbe Versuchung der Gnosis in neuer Form zurück. Der moderne Mensch trennt Identität vom Leib. Geschlecht gilt plötzlich als frei konstruierbar. Kinder lernen bereits in Schulen westlicher Länder, ihr biologischer Körper sage überhaupt nichts Verbindliches über ihre Identität aus. Parallel dazu arbeiten Unternehmen wie Neuralink an der Verbindung von Gehirn und Maschine. Was schon an einer Fliege gelungen ist, indem man ihr neurologisches System digitalisiert hat, will man nun auch am Menschen schaffen. Transhumanistische Denker sprechen offen davon, das menschliche Bewusstsein eines Tages digital zu erweitern oder vom Leib zu lösen. Der Historiker Yuval Noah Harari sagte 2015 auf der Konferenz Digital Life Design: „Menschen sind jetzt hackbare Tiere.“ Man versteht sich als manipulierbares System. Darin lebt jedoch derselbe alte Traum der Gnosis weiter: Der Mensch will sich aus seiner Geschöpflichkeit befreien.

Besonders sichtbar wird diese Entwicklung im Umgang mit ungeborenem Leben. In Island werden Kinder mit Down-Syndrom heute nahezu vollständig vor der Geburt aussortiert. Moderne Pränataldiagnostik dient längst nicht mehr nur der Heilung. Immer öfter dient sie der Auswahl. Der perfekte Mensch soll geplant werden. Und das schwache Leben soll verschwinden. Das ist die Grausamkeit einer Gesellschaft, die nur Stärke bewundert und Schwäche verachtet. Eine Kultur beginnt innerlich zu verrohen, sobald der Wert des Menschen an Nützlichkeit gebunden wird.

Und dabei spricht der moderne Mensch auch noch ständig von Freiheit. Tatsächlich entwickelt sich aber eine neue Form der Knechtschaft. Denn wer sich selbst seine ganze Identität von Kopf bis Fuß erschaffen muss, steht unter permanentem Druck zur Selbstoptimierung. Der Leib wird zum dauerhaften Projekt. Das eigene Gesicht wird bearbeitet. Schönheit wird technisch produziert. Jugendliche wachsen heute mit Filtern, künstlichen Schönheitsidealen und digitaler Selbstinszenierung auf. Millionen Menschen verändern ihr Aussehen operativ, obwohl sie körperlich völlig gesund sind. Der Mensch verliert einfach langsam die Fähigkeit, sich als empfangene Wirklichkeit anzunehmen.

Die Kirche selbst steht nicht gegen Technik an sich, auch wenn Kritiker dies so behaupten. Im Gegenteil. Technik ist je nach Nutzen gut oder schlecht. Die Kirche steht gegen die Vergötzung des menschlichen Willens. Genau hier besitzt die katholische Tradition eine Tiefe, die moderne Ideologien überhaupt nicht verstehen. Der Mensch ist Geschöpf. Sein Leib besitzt Bedeutung. Seine Grenze besitzt Bedeutung. Seine Abhängigkeit von Gott ist keine Erniedrigung. Sie ist seine Wahrheit. Oder wie der heilige Athanasius schreibt: „Denn er wurde Mensch, damit wir vergöttlicht würden“ (De incarnatione Verbi, 54,3). Nicht der Mensch steigt aus eigener Kraft zum Göttlichen auf. Wie soll das auch gehen? Es ist Gott, der fähig ist herabzusteigen und die Kluft zwischen Schöpfer und Geschöpf zu überwinden. Deshalb nimmt Christus den menschlichen Leib an. Dadurch wird die Geschöpflichkeit verherrlicht und nicht abgeschafft.

Die Moderne träumt dagegen von Erlösung ohne Gott. Silicon-Valley-Milliardäre investieren Milliardenbeträge in Projekte zur radikalen Lebensverlängerung. Manche sprechen offen davon, den Tod eines Tages „zu besiegen“. Gleichzeitig nimmt die Angst vor Alter, Krankheit und Schwäche immer weiter zu. Der moderne Mensch besitzt immer mehr Kontrolle über die Welt und versteht gleichzeitig immer weniger, was der Mensch überhaupt ist.

Welt ohne Schwäche

Die christliche Sicht beginnt mit einer Wahrheit, die heute fast provozierend wirkt: Der Mensch gehört sich nicht selbst. Er hat sich nicht erschaffen. Er hat seinen Leib empfangen. Und nur deshalb besitzt er Würde, die ihm niemand geben, aber auch niemand nehmen kann.

Die Moderne empfindet diese Wahrheit zunehmend als Zumutung. Sie akzeptiert nur noch Freiheit ohne Bindung bzw. ohne Verantwortung. Doch eine Freiheit ohne Wirklichkeit zerstört am Ende den Menschen selbst. Wenn der Leib nichts Verbindliches mehr bedeutet, wird der Mensch instabil. Wenn Natur nur noch Material ist, wird auch der Mensch selbst irgendwann Material. Heute werden immer öfter Begriffe benutzt, die früher undenkbar gewesen wären: „reproduktive Auswahl“, „genetische Optimierung“, „qualitatives Leben“. Hinter diesen nüchternen Begriffen verbirgt sich oft eine erschreckende Härte gegen den schwachen Menschen.

Der heilige Basilius der Große schrieb bereits im 4. Jahrhundert, dass eine Gesellschaft daran erkennbar wird, wie sie mit den Schwächsten umgeht: „Das Brot, das du zurückhältst, gehört dem Hungrigen; der Mantel, den du in der Truhe aufbewahrst, gehört dem Nackten; die Schuhe, die bei dir verstauben, gehören dem Barfüßigen; das Geld, das du vergraben hast, gehört dem Bedürftigen. Du tust so vielen Menschen Unrecht, wie du hättest helfen können“ (Homilia in illud: Destruam horrea mea). Ist das nicht der heutige geistige Zustand der Moderne? Alte Menschen werden zunehmend als Kostenfaktor betrachtet. In Belgien und den Niederlanden wird aktive Sterbehilfe inzwischen selbst bei psychischem Leiden angewandt. Menschen beantragen den Tod, weil sie einsam sind, depressiv oder sich nutzlos fühlen. Und sie werden liquidiert. Eine Kultur, die Würde an Leistungsfähigkeit koppelt, endet fast zwangsläufig in solcher kalkulierenden Kälte.

Christus offenbart uns das genaue Gegenteil. Gott wird kein perfektionierter Übermensch. Er kommt als Kind in die Welt. Er lebt in Armut. Er wird müde, hungrig und verwundbar. Oder, um es mit dem Propheten Jesaja zu sagen: „Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm. Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht. Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jesaja 53,2–5). Das Christentum verehrt keinen optimierten Menschen. Das Christentum verehrt den gekreuzigten menschgewordenen Gott.

Aber das Kreuz ist nun einmal radikal gegen die moderne Ideologie der Selbstperfektionierung. Denn fast alles wirklich Menschliche entsteht aus einer Begrenzung. Der Mensch lernt Barmherzigkeit, weil er selbst schwach ist. Er lernt Treue, weil Beziehungen durch Krisen getragen werden müssen. Er lernt Opfer, weil Liebe Kraft kostet und manchmal auch Schmerzen mit sich bringt. Gerade die Begrenztheit des Menschen macht viele Tugenden überhaupt erst möglich. Eine Welt jedoch, in der nur noch Perfektion zählt, würde deshalb nicht menschlicher werden. Sie würde kälter werden. Denn wo Schwäche keinen Platz mehr hat, verschwindet irgendwann auch das Mitgefühl. Wo alles optimiert werden soll, verliert der Mensch langsam die Fähigkeit zu staunen, dankbar zu sein und das Leben als Gabe Gottes anzunehmen. Einfach eine kalte, herzlose Welt.

Der moderne Mensch versucht deshalb letztlich etwas Unmögliches: Er möchte die angenehmen Seiten des Menschseins behalten, aber immer weniger die Grenzen akzeptieren, die zum gleichen Menschsein dazugehören. Er möchte Liebe, aber ohne dauerhafte Bindung. Er möchte Gemeinschaft, aber ohne Verpflichtung. Er möchte Kinder, aber möglichst ohne Opfer. Er möchte alt werden, aber nicht altern. Er möchte selbst bestimmen, wann Leben beginnt und wann es enden soll. Darin zeigt sich die tiefe Unruhe der modernen Kultur. Trotz allen technischen Fortschritts werden Menschen einsamer. Dating-Apps vermehren Kontakte und gleichzeitig zerbrechen Beziehungen immer schneller. Soziale Netzwerke verbinden Millionen Menschen und trotzdem wächst das Gefühl innerer Isolation. Junge Menschen stehen unter ständigem Druck, den perfekten Körper, das perfekte Leben und die perfekte Identität zu präsentieren. Der Mensch kontrolliert immer mehr, findet aber immer weniger Frieden. Tatsächlich verliert man immer öfter die Fähigkeit, den Menschen überhaupt noch zu ertragen. Das ungeborene Kind wird aussortiert. Der alte Mensch wird zur Belastung. Der kranke Mensch wird teuer. Der verwirrte Mensch verliert seine Identität. Der schwache Mensch stört die Ideologie der permanenten Optimierung.

Die katholische Tradition antwortet auf diese Entwicklung nicht mit blindem Fortschrittsglauben, aber auch nicht mit Technikfeindlichkeit. Die Kirche hat Krankenhäuser gegründet, Wissenschaft gefördert und Universitäten aufgebaut. Aber sie erinnert daran, dass der Mensch nicht erlöst wird, indem er seine Geschöpflichkeit abschafft. Christus kommt nicht, um den Menschen von seinem Leib zu befreien. Er heilt Kranke (Mt 8,16), berührt Aussätzige (Mk 1,41), weint am Grab des Lazarus (Joh 11,35) und steht selbst leiblich von den Toten auf (Lk 24,39). Das Christentum betrachtet den menschlichen Leib deshalb nicht als Fehler, der überwunden werden muss, sondern als Teil der Schöpfung Gottes, die zur Herrlichkeit bestimmt ist. Deshalb verkündet die Kirche keine Flucht aus der Schöpfung. Sie verkündet ihre Erlösung.

Die kalte Zukunft

Vielleicht entsteht gerade vor unseren Augen die erste Zivilisation der Geschichte, die den Menschen nur noch liebt, solange er perfekt funktioniert. Eine Welt voller künstlicher Intelligenz, genetischer Auswahl und digitaler Kontrolle könnte technisch glänzender werden als jedes frühere Zeitalter davor. Geistig könnte sie gleichzeitig barbarischer werden als heidnische Reiche der Antike.

Denn eine Gesellschaft, die keinen unvollkommenen Menschen mehr erträgt, beginnt früher oder später damit, echte Menschen nur noch zu hassen.

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