Die heiligen Apostel Petrus und Paulus – Zwischen Eifer und Gottes Ruf

Am Hochfest der heiligen Apostel Petrus und Paulus hält die Kirche inne und erinnert sich an zwei Männer, die wie kaum andere für ihre sichtbaren Anfänge stehen. Petrus bekam den Auftrag, die Brüder im Glauben zu stärken und die Herde Christi zu weiden. Paulus trug das Evangelium bis an die Ränder der damals bekannten Welt. Beide wurden zu den Säulen der Kirche.

Dabei gerät leicht in Vergessenheit, wie ihre Berufung begann. Petrus war kein makelloser Held. Paulus kein geborener Apostel. Der eine hat seinen Herrn verleugnet – als es darauf ankam. Der andere hat die Kirche Christi verfolgt, mit allem Eifer, den er hatte. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – hat Christus ausgerechnet ihnen einen einzigartigen Auftrag gegeben.

Petrus – Der Fels

Als Jesus Simon traf, den Sohn des Johannes, war dieser ein einfacher Fischer. Kein Schriftgelehrter, kein Priester, überhaupt kein Mann von Ansehen. Jemand, der sein Leben mit Netzen und dem See verbracht hatte. Und genau zu ihm sagte Christus: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen” (Mt 16,18). Das ist keine kleine Aussage. Sie klingt fast unglaublich, wenn man sich vor Augen hält, wer da vor Jesus stand. Kein Lohn für besondere Leistungen und keine Auszeichnung für erwiesene Größe. Einfach ein Ruf Christi – und eine Verheißung, die weit über das hinausging, was er von sich selbst hätte denken können. Christus sah in Petrus nicht nur den Mann, der er in diesem Moment war. Er sah den Menschen, zu dem Seine Gnade ihn noch formen würde.

Petrus zeichnet sich durch seine große Liebe zu Christus aus. Er gehörte zu den Ersten, die Jesus als den Messias bekannten: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!” (Mt 16,16). Und Jesus antwortete ihm: „Nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel” (Mt 16,17). Schon hier zeigt sich: Selbst dieser Glaube war kein eigenes Verdienst des Petrus. Er war ein Geschenk. Und gleich danach wird sichtbar, wie nah Erkenntnis und Blindheit beieinander liegen können. Als Jesus von Seinem Leiden spricht, widerspricht Petrus Ihm. Ein leidender Messias passt nicht in sein Bild. Christus antwortet mit ungewöhnlicher Schärfe: „Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen” (Mt 16,23). Petrus glaubt an Christus – aber er versteht noch nicht, wohin Sein Weg führt.

Diese Impulsivität zieht sich durch sein Leben. Er steigt voller Vertrauen aus dem Boot und geht tatsächlich auf dem Wasser – bis er den Sturm bemerkt, die Angst ihn packt und er schließlich sinkt (Mt 14,28–31). Im Garten Getsemani greift er zum Schwert, weil er seinen Herrn schützen will (Joh 18,10–11). Seine Liebe zu Jesus Christus ist echt. Aber sie ist noch seine Liebe – geformt von eigenen Vorstellungen, getragen von eigenem Eifer. Petrus handelt, bevor er gelernt hat, sich ganz vom Willen Gottes führen zu lassen.

Dann kommt die Nacht, die alles verändert. Kurz zuvor hatte er noch gesagt: „Und wenn ich mit dir sterben müsste – ich werde dich nie verleugnen” (Mt 26,35). Das hat Petrus so gemeint. Er zweifelte nicht an seiner Liebe. Er überschätzte nur seine eigene Kraft. Wenige Stunden später verleugnet er seinen Herrn dreimal – nicht unter Folter, nicht vor einem Gericht. Aus Angst vor den Fragen (Mt 26,69–75). Und genau dieses Scheitern wurde zum Wendepunkt: „Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an das Wort, das der Herr zu ihm gesagt hatte (…) Und er ging hinaus und weinte bitterlich” (Lk 22,61–62). Ein Blick ohne Vorwurf und ohne Verurteilung. Er führt Petrus einfach zur Wahrheit über sich selbst. Die Tränen, die folgen, sind mehr als Reue über eine einzelne Sünde. Sie sind das Zerbrechen eines Selbstbildes – das Erkennen, wie sehr Petrus bisher auf seine eigene Standhaftigkeit gebaut und deshalb versagt hatte.

Die Kirche wird also nicht auf einen Menschen gegründet, der niemals fällt. Sie wird einem Menschen anvertraut, der gelernt hat, dass er ohne Christus nicht bestehen kann. Darin liegt die eigentliche Tiefe seiner Berufung. Solange Petrus auf seine eigene Entschlossenheit vertraute, trug er den Auftrag Christi, ohne ihn wirklich zu verstehen. Erst als diese Gewissheit zerbrach, lernte er, wirklich auf seinen Herrn zu bauen.

Nach der Auferstehung begegnet Christus ihm wieder – am See von Tiberias, dort, wo alles begann. Dreimal fragt Er: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?” (Joh 21,15–17). Die dreifache Frage ist kein Zufall. Sie erinnert an die dreifache Verleugnung. Christus führt Petrus an den Ort seines tiefsten Versagens zurück, um ihn dort zu heilen. Und auf jedes Liebesbekenntnis folgt derselbe Auftrag: „Weide meine Lämmer! … Weide meine Schafe!” Christus sucht einen Menschen, der bereit ist, sich von Seiner Gnade erneuern zu lassen. Der Hirtenauftrag gründet nicht auf Vollkommenheit, sondern auf Liebe – und auf der Erfahrung von Barmherzigkeit. Wer selbst erfahren hat, wie es ist, zu fallen und aufgehoben zu werden, der kann anderen glaubwürdig davon sprechen.

Petrus blieb, wer er war. Aber eines hatte sich grundlegend verändert: Er vertraute nicht mehr sich selbst. Der Fischer wurde zum Hirten der Kirche – weil Christus ihn verwandelt hatte. Die Gnade, die seinen Stolz in Demut verwandelte, machte ihn zum Felsen der Kirche. Einen auf dem man sie bauen kann.

Paulus – Auserwähltes Werkzeug

Während Petrus Jesus bereits während Seines öffentlichen Wirkens folgte, begegnete Paulus dem auferstandenen Herrn erst Jahre später. Sein Ausgangspunkt war völlig anders. Er war Pharisäer, Schüler des angesehenen Gamaliel und eifriger Verteidiger des jüdischen Gesetzes (Apg 22,3). Aus diesem Grund hielt er die junge Kirche für eine Gefahr. Sein Eifer war aufrichtig, aber fehlgeleitet. Paulus verfolgte die Christen, weil er überzeugt war, dadurch Gott zu dienen. Darin liegt die Tragik seines Lebens. Von sich selbst sagt Paulus rückblickend: „Wie maßlos ich die Kirche Gottes verfolgte und zu vernichten suchte“ (Gal 1,13). Im ersten Timotheusbrief bezeichnet er sich als „Lästerer, Verfolger und Frevler“ (1 Tim 1,13). Später nennt er sich sogar „Missgeburt“ (1 Kor 15,8). Er verschweigt seine Vergangenheit nicht. Im Gegenteil: Er erinnert immer wieder an sie, weil sie sichtbar macht, dass seine Berufung nicht auf eigener Würdigkeit beruht, sondern allein auf der Gnade Gottes.

Nach menschlichen Maßstäben hätte seine Vergangenheit jede Berufung unmöglich gemacht. Wer würde einem Mann vertrauen, der Christen aufsuchte und gefangen nehmen ließ? Christus aber urteilt anders. Auf dem Weg nach Damaskus – auf dem Höhepunkt seines religiösen Eifers – greift Er selbst in das Leben des Paulus ein: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ (Apg 9,4). Nicht: Was tust du? Nicht: Hör auf damit. Sondern: Warum? Eine Frage, die Paulus in sich hineintreiben muss, um über den Grund seines Handelns nachzudenken. Er ist überzeugt, Gott zu dienen. Nun muss er erkennen, dass sein Eifer ihn gerade gegen den Sohn Gottes geführt hat. Seine bisherige Gewissheit bricht in einem einzigen Augenblick der Begegnung mit Christus zusammen. Was er für Gottes Willen hielt, erweist sich in Wirklichkeit als Widerstand gegen Gott selbst.

In diesem Augenblick verliert Paulus den Boden unter den Füßen (Apg 9,8–9). Die Blindheit wird zum Zeichen seines inneren Zustandes. Der kluge Mann, der meinte, klar zu sehen, erkennt plötzlich, dass er eigentlich blind gewesen ist. Erst als ihm das äußere Augenlicht genommen wird, beginnt er geistig zu sehen. Durch Hananias erhält er nicht nur sein Augenlicht zurück, sondern auch die Taufe und den Auftrag, den Christus für ihn bestimmt hat (Apg 9,17–18). Aus dem Verfolger wird ein Apostel. Nicht weil Paulus sich selbst verändert hätte. Christus hat ihn verwandelt: „Denn dieser Mann ist mir ein auserwähltes Werkzeug: Er soll meinen Namen vor Völker und Könige und die Söhne Israels tragen“ (Apg 9,15).

Die Begegnung vor Damaskus verändert das Leben des Paulus von Grund auf. Sein Denken über Gott, das Gesetz und den Menschen erhält eine neue Richtung. Sein ganzes Leben stellt er in den Dienst Christi. Später fasst er seine Verwandlung in einem einzigen Satz zusammen: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Der alte Paulus wird nicht einfach verbessert. Er stirbt. Und an seiner Stelle entsteht etwas Neues – durch die Gnade Christi, der er begegnet ist. Er wurde bekehrt. Seine Worte bringen auch den Kern absolut jeder christlichen Berufung zum Ausdruck. Gott verbessert den alten Menschen nicht einfach. Er erneuert ihn durch Seine Gnade und macht ihn fähig, ein neues Leben in Christus zu führen.

Und doch – auch das neue christliche Leben des Paulus bleibt nicht von Schwere und Schwäche verschont. Er berichtet von einem „Stachel“ im „Fleisch” (2 Kor 12,7), irgendetwas, das ihn quält, das er loswerden will. Dreimal bittet er den Herrn, ihn davon zu befreien. Die Antwort Christi: „Meine Gnade genügt dir; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollendet” (2 Kor 12,9). Gott nimmt ihm die Last nicht ab. Er zeigt ihm aber, dass Seine Gnade größer ist als die Last. Das ist eine andere Art von Antwort – unbequemer, aber tiefer. Passend für den gebildeten Paulus. Denn aus dieser Erkenntnis wächst einer der merkwürdigsten Sätze, die Paulus je geschrieben hat: „Denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark” (2 Kor 12,10). Das ist kein Widerspruch. Diese Aussage gehört zum Herzstück des Evangeliums. Christliche Stärke bedeutet nicht, keine Schwächen mehr zu haben. Sie bedeutet, dass Christus gerade dort wirkt, wo der Mensch an seine Grenzen stößt. Paulus hat es am eigenen Leib erfahren.

Der heilige Tertullian bewunderte die Macht der Gnade, die Paulus verwandelt hat: „Doch wie Paulus, der Apostel, einst ein Verfolger war, der zuerst das Blut der Kirche vergoss, später jedoch das Schwert gegen die Feder eintauschte und den Dolch zum Pflug machte – zunächst ein reißender Wolf aus dem Stamm Benjamin, dann selbst Nahrung spendend wie Jakob –, wie er also zugunsten des Martyriums spricht, das auch er selbst später erwählen sollte!” (Scorpiace 13). Der Anfang jeder Berufung liegt im Handeln Gottes.

Gott beruft

Vergleicht man Petrus und Paulus, könnten ihre Lebenswege unterschiedlicher kaum sein. Der eine ist Fischer aus Galiläa, der andere ein gelehrter Pharisäer. Der eine begleitet Christus von Beginn Seines öffentlichen Wirkens an, der andere begegnet Ihm erst nach der Auferstehung. Und doch verbindet beide dieselbe Erfahrung. Beide wollten Gott dienen. Petrus war überzeugt, Christus niemals zu verlassen. Paulus war überzeugt, Gott mit seinem Eifer zu verherrlichen. Keinem von beiden konnte man mangelnde Hingabe vorwerfen. Und doch mussten beide erfahren, dass sie sich irrten. Petrus zerbrach an seiner Selbstgewissheit. Paulus an seiner falschen Gewissheit. Erst als Christus sie an den Punkt führte, an dem sie sich selbst nicht mehr vertrauen konnten, begann ihre eigentliche Berufung.

In der Kirche wird heute viel über Ämter, Zuständigkeiten und Mitverantwortung gesprochen. Viele möchten Verantwortung übernehmen, Leitungsaufgaben ausüben, am Altar dienen oder die Lehre der Kirche verändern. Hinter vielen dieser Forderungen stehen ehrlicher Eifer und die Überzeugung, Christus und Seiner Kirche damit zu dienen. Doch die heiligen Petrus und Paulus mahnen zur Vorsicht. Auch sie waren überzeugt, das Richtige zu tun.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie groß der Wunsch nach einer bestimmten Aufgabe ist. Sie lautet auch nicht, wie überzeugend die eigenen Argumente erscheinen. Die eigentliche Frage ist viel grundlegender: Hat Gott dazu gerufen?

Denn wer von Gott berufen wird, drängt sich nicht selbst in den Dienst der Kirche. Er lässt sich zuerst von Gott formen. Petrus musste lernen, dass seine Liebe allein nicht genügte. Paulus musste erkennen, dass selbst religiöser Eifer gegen Christus gerichtet sein kann. Hinzu kommt die Tatsache, dass weder Petrus noch Paulus ihren Auftrag sich selbst ausgesucht haben. Beide wurden von Christus aus ihrem bisherigen Leben herausgerufen. Beide mussten Wege gehen, die sie sich selbst niemals ausgesucht hätten. Beide mussten lernen, den eigenen Vorstellungen zu misstrauen und dem Ruf Christi mehr zu vertrauen als dem eigenen Urteil.

Das ist die eigentliche Prüfung jeder Berufung. Nicht: Welche Aufgabe möchte ich übernehmen? Nicht: Welche Veränderungen halte ich für notwendig? Sondern: Bin ich bereit, dass Gott zuerst mich verändert? Denn die Geschichte der beiden Apostelfürsten zeigt: Gott baut Seine Kirche nicht auf Menschen, die ihre eigenen Vorstellungen verwirklichen wollen. Er baut sie auf Menschen, die bereit sind, ihre Vorstellungen loszulassen und Seinem Willen zu folgen.

Petrus und Paulus wurden nicht Apostel, als sie glaubten, stark zu sein. Sie wurden es, nachdem ihre eigene Stärke zerbrochen war. Sie hörten auf, sich selbst und die eigenen Überzeugungen zum Maßstab zu machen.

Diese Reihenfolge sollte niemand vergessen, der in der Kirche echte Verantwortung übernehmen möchte.

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