
Der Mensch kann sich auf zweifache Weise von Gott entfernen. Er kann sich über Gott erheben. Das nennt die Heilige Schrift Hochmut. Er kann aber auch verachten, was Gott geschaffen hat. Auch das führt ihn von der Wahrheit weg. Denn Gott hat den Menschen nicht geschaffen, damit er sich selbst verachte. Er hat ihn nach Seinem Bild erschaffen.
Die Heilige Schrift warnt eindringlich vor dem Hochmut. Weniger wird darüber gesprochen, dass auch die Selbstverachtung keine Tugend ist. Der Hochmütige nimmt sich mehr, als Gott ihm gegeben hat. Der Mensch, der sich selbst verachtet, nimmt sich weniger. Beide verlassen die Wahrheit.

Die Ordnung der Demut
Fragen wir nicht zuerst: Was ist Demut? Solange Gott unbekannt bleibt, bleibt auch der Mensch sich selbst verborgen. Wie sollte das Bild verstanden werden, wenn der Künstler unbekannt ist? Wie sollte das Geschöpf sich selbst erkennen, wenn es den Schöpfer vergessen hat? Darum beginnt die Heilige Schrift nicht beim Menschen. Sie beginnt bei Gott. Fragen wir also zuerst: Wer ist Gott?
Erst nachdem Gott gesprochen hat, spricht der Mensch. Und erst nachdem Gott geschaffen hat, erkennt der Mensch, dass er Geschöpf ist. Dies ist die erste Ordnung der Wahrheit. Der Mensch empfängt sein Dasein. Das Dasein des Menschen wird auch von Gott beurteilt: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn“ (Gen 1,27). Halten wir hier inne. Es ist nicht das Urteil eines Propheten. Nicht das eines Apostels. Es ist das Urteil Gottes.
Glaubt man nun diesem Urteil oder geht man lieber seinem eigenen Herzen nach? Das Herz des Menschen urteilt jedoch unbeständig. Heute erhebt es ihn bis an den Himmel, morgen wirft es ihn in den Staub. Heute spricht es: Ich bin besser als die anderen. Morgen spricht es: Ich bin nichts wert. Der eine widerspricht Gott durch seine Anmaßung, der andere durch seine Verachtung. Der eine will mehr sein, als Gott ihm gegeben hat. Der andere will weniger sein, als Gott ihn geschaffen hat. Beide verlassen das Maß. Beide verlassen die Wahrheit.
Die Wahrheit nämlich fragt nicht, was der Mensch von sich hält. Sie fragt, was Gott über den Menschen gesprochen hat. Deshalb ist es bei Hochmut so einfach zu sagen, er sei der Anfang aller Sünde. Warum? Weil der Mensch nicht mehr empfangen, sondern besitzen will. Er will Ursprung sein und nicht Geschöpf. Er will Richter sein und nicht der Gerichtete. Darum verliert er die Wahrheit und fällt durch dieses Verhalten in Ungnade.
Doch derselbe Mensch kann auf eine andere Weise gegen die Wahrheit sündigen. Er kann das Werk Gottes gering achten. Er kann das Ebenbild verwerfen und meinen, dies sei Demut. Aber wie sollte Gott gefallen, was gegen Sein eigenes Wort gerichtet ist? Hat Gott den Menschen erschaffen, damit dieser Sein Werk verachte? Oder hat Er ihn erschaffen, damit er Seinen Schöpfer preise?
Der Psalmist widerspricht der Verachtung seiner selbst ausdrücklich, indem er auf die Stellung des Menschen in Gottes Schöpfung aufmerksam macht: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit. Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße“ (Ps 8,5-7).
Gott selbst krönt uns als Geschöpfe. Nicht wir! Die Krone ist aber kein Anlass zum Stolz. Aber ebenso wenig darf sie geleugnet werden. Denn wer leugnet, was Gott gibt, ist der Wahrheit nicht gehorsam. Er hält sein eigenes Urteil für glaubwürdiger als das Urteil Gottes.
Darum liegt die Demut nicht zwischen Hochmut und Selbstverachtung, als wäre sie nur das rechte Maß zweier Irrtümer. Nein. Die Demut steht auf einem anderen Grund. Sie beginnt dort, wo der Mensch aufhört, sich selbst zum Maßstab zu machen, und sich unter das Wort Gottes stellt und spricht: Dein Urteil ist wahrer als meines.
So redet auch der Apostel Paulus: „Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben. Mehr als sie alle habe ich mich abgemüht – nicht ich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir“ (1 Kor 15,10) Er beginnt bei Gott. Erst deshalb kann er wahr über sich selbst sprechen. Paulus erkennt seine Berufung, ohne sich zu rühmen, und er erkennt seine Grenzen, ohne sich zu verachten. Denn alles, was er ist, hat seinen Ursprung in Gott.
Deshalb kann die Demut keine Verkleinerung des Menschen sein. Sie ist seine Rückkehr zur Wahrheit. Der Mensch hört auf, gegen das Urteil Gottes zu streiten. Man verlangt nicht länger, größer zu sein, als Gott einen geschaffen hat. Man verlangt aber auch nicht, kleiner zu sein. Es genügt ja, Geschöpf Mensch zu sein. Das ist die Freiheit der Demut: nicht mehr aus dem wechselhaften Urteil des eigenen Herzens zu leben, sondern aus dem unwandelbaren Wort dessen, der den Menschen geschaffen, gewollt und nach Seinem Bild geformt hat.

Die Demut Christi
Wenn die Demut den Menschen in der Wahrheit erhält, dann muss sie zuerst in Christus betrachtet werden. Denn was wir nur unvollkommen besitzen, besitzt Christus in Vollkommenheit. Irrt also jemand über die Demut Christi, so wird er notwendig auch über die Demut des Menschen irren.
Christus nennt sich selbst demütig: „Lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ (Mt 11,29). Wäre Demut nichts anderes als Selbstverkleinerung, hätte Christus vieles nicht sagen dürfen, was er gesagt hat. Er hätte sich nicht den guten Hirten nennen dürfen (Joh 10,11). Er hätte nicht sagen dürfen: „Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8,12) und Er hätte niemals sprechen dürfen: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). Denn jeder Mensch, der so von sich reden würde, wäre vom Hochmut ergriffen.
Christus spricht dennoch so. Seine Worte sprechen die Wahrheit. Der Sohn verbirgt die Wahrheit nicht unter einem falschen Schein der Bescheidenheit. Er nennt sich, was Er ist, weil der Vater Ihn so offenbart hat: „Jesus erwiderte ihnen: Auch wenn ich über mich selbst Zeugnis ablege, ist mein Zeugnis wahr. Denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe. Ihr aber wisst nicht, woher ich komme und wohin ich gehe. Ihr urteilt, wie Menschen urteilen, ich urteile über niemanden. Wenn ich aber urteile, ist mein Urteil wahrhaftig; denn ich bin nicht allein, sondern ich und der Vater, der mich gesandt hat, sind zusammen“ (Joh 8,14-16). Darum widerspricht die Demut niemals der Wahrheit. Sie widerspricht allein dem Stolz.
Die wahre Demut soll an einem Beispiel demonstriert werden. Während seines Verhörs tritt ein Diener vor und schlägt den Herrn ins Gesicht. „Antwortest du so dem Hohepriester?“ (Joh 18,22), fragt er. Der Schlag trifft den Herrn sicherlich schmerzhaft. Seine Antwort trifft dafür das Gewissen: „Wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach; wenn es aber recht war, warum schlägst du mich?“ (Joh 18,23). Christus fragt nach der Wahrheit. Er sagt nicht: „Warum wagst du es, mich zu schlagen?“ Er fragt: „Habe ich unrecht gesprochen?“ Kann der Diener zeigen, dass Christus die Unwahrheit gesagt hat, wäre der Tadel durchaus gerecht. Kann er es nicht, bleibt der Schlag Unrecht.
Das Beispiel soll zeigen, dass Demut nicht Schweigen um jeden Preis bedeutet. Hätte Christus geschwiegen, wäre das Unrecht verborgen geblieben. Das kann aber wahre Demut nicht und somit auch der wahre demütige Christus nicht: Das Unrecht muss sichtbar gemacht werden können, wenn Seine Botschaft wahr sein soll. Jesus schlägt nicht zurück und beschimpft Seinen Gegner nicht. Doch ebenso wenig nennt Er das Böse gut.
Auch im Tempel zeigt Jesus wahre Demut. Als Er sieht, dass das Haus Seines Vaters zum Ort des Handels geworden ist, kann Er nicht schweigend weitergehen: „Mein Haus soll ein Haus des Gebetes genannt werden. Ihr aber macht daraus eine Räuberhöhle“ (Mt 21,13). Manche meinen, Wut und Demut könnten nicht zusammengehören. Doch sie verwechseln den heiligen Eifer mit ungeordneter Leidenschaft, wie der Wut. Christus verteidigt hier nicht Seine eigenen Interessen. Er verteidigt die Ehre Seines Vaters. Gerade weil Er vollkommen demütig ist, kann Ihm das Heilige doch nicht gleichgültig werden. Die Liebe schweigt nicht dort, wo Gott entehrt wird.
Dasselbe geschieht, als Petrus den Herrn vom Weg des Kreuzes abbringen will. Menschlich verständlich, dass man nicht will, dass ein geliebter Freund leiden soll. „Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“ (Mt 16,23), sagt ihm Jesus entgegen. Seine Worte stammen nicht aus Zorn gegen den noch naiven Petrus, sondern aus Liebe zur Wahrheit. Petrus irrt sich hier. Aber Christus kann ihn nicht in seinem Irrtum lassen. Denn Liebe, die den Irrtum schweigend hinnimmt, hört auf, Liebe zu sein. Sie sucht nur noch den Frieden mit dem anderen.
So fügt sich das Leben Christi zu einem Ganzen. Er schweigt vor Herodes, weil Herodes nicht nach Wahrheit fragt, wenn es ihn überhaupt danach verlangt. Herodes hatte sich zwar sehr gefreut, Jesus zu sehen, weil er hoffte, ein Wunder von ihm zu erleben; auf Jesu Worte aber war er nicht aus. Deshalb antwortete ihm Jesus nichts. (Lk 23,8–9). Er spricht aber zu Pilatus, weil Pilatus nach der Wahrheit fragt:„Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme“ (Joh 18,37–38).
Christus Handeln entspringt niemals verletztem Stolz. Er sucht weder Bewunderung noch Rechtfertigung. Sein Blick ruht auf dem Vater: „Von mir selbst aus kann ich nichts tun; ich richte, wie ich es vom Vater höre, und mein Gericht ist gerecht, weil ich nicht meinen Willen suche, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat“ (Joh 5,30). Hier liegt der Ursprung seiner Demut und damit auch unserer. Nicht darin, dass der Sohn weniger von sich hielte, als wahr ist. Das wäre unmöglich. Die Wahrheit verleugnet sich nicht selbst. Der Sohn lebt ganz aus dem Vater. Von Ihm empfängt Er alles, auf Ihn verweist Er alles zurück. Eben deshalb schweigt Jesus dann, wenn Schweigen dem Willen des Vaters dient. Aber Er spricht, wenn die Wahrheit das Wort verlangt.
Nirgendwo zeigt sich Christi Demut deutlicher als am Kreuz. Nie verliert Er dort Seine Würde. Er lässt zu, dass man Ihn verspottet, geißelt, kreuzigt. Auf Hass antwortet Er nicht mit Hass – aber das Unrecht bestätigt Er auch nicht: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,34). Kein Augenblick, in dem Jesus verleugnet, wer Er ist oder wozu Er gekommen ist.
Es gibt also einen Unterschied zwischen Demut und Selbstverleugnung. Nehmen wir uns ein Beispiel an Jesu Demut, dann liegt sie einfach darin, auf alles zu verzichten, was dem Willen des Vaters widerspricht.
Ein Blick auf Christus genügt, um den Unterschied zu erkennen. Jesus macht Sich nicht kleiner, als Er ist. Die Wahrheit über Seine Person verschweigt Er niemals. Seine Demut zeigt sich im Gehorsam gegenüber dem Vater, nicht in der Aufgabe der eigenen Würde. Daran muss sich jede, auch die christliche Demut messen lassen.

Demut macht frei
Jede Form der Demut wird sich letztlich an einer einzigen Frage entscheiden: Wem glauben wir? Dem eigenen Urteil oder dem Urteil Gottes? Solange man sich selbst zum Maßstab macht, bleibt man zwischen Stolz und Verzweiflung, zwischen Hochmut und Verachtung gefangen. Erst das Vertrauen auf Gottes Wort befreit von beiden Gedanken. Denn die Wahrheit über den Menschen muss nicht erst geschaffen werden. Sie ist längst von dem gesprochen worden, der ihn erschaffen hat.


