
Rund um das Priestertum wird oft leidenschaftlich diskutiert. Manche betonen das allgemeine Priestertum aller Getauften und fragen, warum die Kirche dann überhaupt noch geweihte Priester braucht. Andere stellen fast ausschließlich das sakramentale Priestertum in den Mittelpunkt und verlieren dabei nicht selten aus dem Blick, dass jeder Christ – wenn auch auf andere Weise – Anteil am Priestertum Christi hat.
Bevor jedoch gefragt werden kann, warum die Kirche ein allgemeines und ein sakramentales Priestertum kennt, muss eine grundlegendere Frage beantwortet werden, die in diesen Diskussionen meist unbeachtet bleibt: Warum gibt es überhaupt Priester? Egal wie bezeichnet.
Diese Frage ist keineswegs nebensächlich. Und sie verlangt nach nicht standardmäßigen Antworten: Natürlich muss jemand die Sakramente spenden – doch das erklärt noch nicht, warum Christus überhaupt Sein Heil durch ein sakramentales Priestertum weitergeben wollte.

Das allgemeine Priestertum
Der Mensch unterscheidet sich von allen anderen Geschöpfen dadurch, dass er über sein eigenes Leben nachdenkt. Ein Tier sucht Nahrung und Schutz. Eine Pflanze wächst dem Licht entgegen. Der Mensch dagegen fragt: Warum bin ich überhaupt hier? Und früher oder später stellt sich fast jeder noch eine zweite Frage: Wem gehört mein Leben eigentlich?
Niemand hat sich selbst erschaffen. Niemand hat sich seinen ersten Atemzug gegeben. Niemand konnte entscheiden, wann, wo oder als wen er geboren wird. Auch vieles von dem, worauf wir stolz sind, haben wir zunächst empfangen: unsere Begabungen, unsere Gesundheit, unsere Familie oder die Menschen, die uns lieben. Je länger man darüber nachdenkt, desto deutlicher wird: Das Leben beginnt nicht mit einer eigenen Leistung. Es beginnt mit einem Geschenk.
Auf ein Geschenk wird man antworten müssen. Das kennen wir aus unserem Alltag. Ein Kind bekommt von seinen Eltern ein Fahrrad zum Geburtstag. Man verlangt von ihm keine Gegenleistung. Dennoch wird es irgendwann und irgendwie „Danke“ sagen. Der Beschenkte spürt oft den Wunsch, etwas zurückzugeben.
Wenn wir nun aber vom Geschenk des Lebens sprechen, also dem Geschenk, das überhaupt erst alles Weitere möglich macht, verdient die Antwort darauf vielleicht sogar mehr als nur ein nettes Dankeschön. An diesem Punkt beginnt die Bibel, vom Opfer zu sprechen.
Es ist deshalb kein Zufall, dass die ersten Opfer der Heiligen Schrift lange vor dem alttestamentlichen Priestertum erscheinen. Kain und Abel bringen Gott die Erstlinge ihrer Arbeit dar (Gen 4,3–5). Noah errichtet nach der Sintflut einen Altar (Gen 8,20). Abraham ist bereit, sogar seinen einzigen Sohn hinzugeben, man stelle sich das mal vor (Gen 22). Aber: Keiner dieser Männer gehört einem priesterlichen Stand an. Keiner erfüllt einen vorgeschriebenen Tempeldienst.
Trotzdem opfern sie. Warum? Wofür? Weil sie erkannt haben, dass alles, was sie besitzen, letztlich von Gott kommt. Das Opfer ist ihre Antwort auf dieses Geschenk. Es ist ein sichtbares Zeichen ihrer Dankbarkeit, ihrer Ehrfurcht und ihres Vertrauens. Hier liegt ein entscheidender Unterschied, der oft übersehen wird. Viele meinen, Gott verlange Opfer, weil Er selbst etwas davon hätte – als brauche Er Beweise unserer Liebe, Zeichen unserer Treue oder Genugtuung für unsere Schuld. Doch genau diese Vorstellung weist die Heilige Schrift zurück. Im Psalm 50 spricht Gott: „Hätte ich Hunger, ich brauchte es dir nicht zu sagen, denn mein ist der Erdkreis und seine ganze Fülle“ (Ps 50,12). Deutlicher kann Gott es kaum sagen. Er braucht keine Nahrung. Er braucht kein Wasser. Aber Er braucht auch keinen Weihrauch. Kurz: Gott braucht nichts von niemandem. Alles gehört Ihm bereits auf ewig.
Das Opfer erfüllt also kein Bedürfnis Gottes. Es erfüllt unser Bedürfnis! Denn der Mensch vergisst leicht, dass sein Leben ein Geschenk ist. Er gewöhnt sich an das, was er besitzt. Er beginnt zu glauben, alles selbst geschaffen zu haben. Das Opfer erinnert ihn daran, dass man eben nicht der Ursprung seines Lebens ist. Jedes Opfer ist deshalb ein Bekenntnis: Herr, alles kommt von Dir. Aber es schützt auch vor einer falschen Annahme man sei selbst der Mittelpunkt.
Tiere, die Ernte oder der Weihrauch waren sichtbare Gaben. Durch sie sollte der Mensch ausdrücken, dass er Gott vertraut, Ihm dankt und sein Leben unter Seinen Willen stellt. Für die Anfänge der Menschheit war diese sichtbare Form des Opfers naheliegend und verständlich. Doch schon im Alten Testament wird immer deutlicher, dass es Gott nicht zuerst auf die Größe der Gabe ankommt. Entscheidend ist, wie der Mensch sie darbringt. Etwas wertvolles kann auf dem Altar liegen, während das Herz des Menschen weit von Gott entfernt bleibt. Dann ist zwar äußerlich ein Opfer vollzogen worden, doch die eigentliche Hingabe fehlt. Auch das kennen wir aus unserem Alltag. Ein Geschenk kann noch so wertvoll sein – wenn die Reaktion des Beschenkten nur gespielt oder aus Pflicht erfolgt, verliert es seinen eigentlichen Sinn.
Damit verändert sich der Opfergedanke: „Denn an Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern“ (Hos 6,6). Die Frage lautet nicht mehr nur: Was bringst du Gott? Immer wichtiger wird die Frage: Wie bringst du es Ihm dar? Gibst du nur etwas von deinem Besitz oder vertraust du Ihm auch dich selbst an? So kann auch ein Werk der Liebe, ein Verzicht oder eine treu erfüllte Pflicht ein Opfer werden, wenn es den Menschen mit Gott verbindet. Entscheidend ist nicht allein die äußere Handlung. Entscheidend ist das Ziel: Der Mensch soll Gott anhangen und immer mehr Ihm gehören.
An diesem Opferverständnis setzt das Neue Testament an. „Ich ermahne euch also, Brüder und Schwestern, kraft der Barmherzigkeit Gottes, eure Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen – als euren geistigen Gottesdienst“ (Röm 12,1), fordert Paulus die Christen in Rom. Er spricht nicht zu geweihten Priestern. Er spricht zur ganzen Gemeinde. Jeder Christ soll sein Leben Gott darbringen. Nicht nur ein paar Ausgewählte. Wir sollen unser Leben Gott zur Verfügung stellen. Unser Leib, unsere Arbeit, unsere Fähigkeiten und unsere Zeit sollen nicht nur für uns selbst da sein. Das ganze Leben kann zu einer Antwort auf Gottes Liebe werden.
Das ist völlig neu. Im Alten Bund wurde meist etwas vom Menschen genommen und auf dem Altar dargebracht. Im Neuen Bund soll der Mensch selbst zu einem „lebendigen Opfer“ werden. Er bleibt am Leben, doch sein Leben erhält eine neue Richtung. Er lebt nicht mehr nur für sich. Diese Veränderung ist durch Christus möglich. Der Hebräerbrief nennt Ihn den großen Hohepriester (Hebr 4,14). Er bringt Gott kein Tier und keine fremde Gabe dar. Er bringt Sich selbst freiwillig dar. Am Kreuz sind Priester und Opfergabe vollkommen eins. Christus ist Derjenige, Der opfert, und zugleich Derjenige, Der geopfert wird.
Deshalb ist Sein Opfer einmalig und vollkommen. Es muss nicht wiederholt oder ergänzt werden: „Ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht“ hat (Hebr 10,12). Sein Opfer ist vollkommen, weil Seine Hingabe vollkommen ist. Mehr geht einfach menschlich nicht!
Damit beginnt auch das allgemeine Priestertum der Getauften. Kein Christ besitzt ein eigenes Priestertum neben Christus. Jeder Anteil am Priestertum entsteht aus der Verbindung mit Ihm. Diese wird uns allen in der Taufe geschenkt: „Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit auch wir, so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln“ (Röm 6,4). Der Getaufte wird nicht nur äußerlich einer Gemeinschaft zugeordnet. Er wird in den Tod und die Auferstehung Christi hineingenommen.
Darum kann Petrus alle Christen „eine heilige Priesterschaft“ nennen, die „durch Jesus Christus geistige Opfer“ darbringt, „die Gott gefallen!“ (1 Petr 2,5). Wenige Verse später nennt er sie eine „königliche Priesterschaft“ (1 Petr 2,9). Petrus spricht hier von den Gläubigen als Getauften. Ihre priesterliche Würde entsteht nicht aus einer kirchlichen Aufgabe, einem Studium oder persönlicher Leistung. Sie entsteht aus ihrer Verbindung mit Christus.
Was man daraus aber nicht schließen kann, ist, dass jeder Getaufte liturgisch dasselbe tun kann wie ein geweihter Priester. Petrus spricht ausdrücklich von „geistigen Opfern“ (1 Petr 2,5). Der Getaufte bringt nicht Brot und Wein in der Vollmacht Christi dar. Er bringt sein eigenes Leben dar. Das geschieht nicht nur in außergewöhnlichen Situationen. Jemand, der trotz Enttäuschung vergibt, kann diesen Verzicht auf Rache mit dem Opfer Christi verbinden. Wer seine Arbeit gewissenhaft erfüllt, einem einsamen Menschen Zeit schenkt oder eine Krankheit im Vertrauen auf Gott trägt, kann daraus ein geistiges Opfer machen. Nicht jede Mühe wird automatisch heilig. Arbeit bleibt Arbeit, Leid bleibt Leid. Zum Opfer wird sie, wenn der Christ sie bewusst mit Christus verbindet und Gott darbringt. Thomas von Aquin erklärt uns den Grund dafür. Christus ist Priester im vollkommenen Sinn, weil Er als wahrer Gott und wahrer Mensch Gott und die Menschen miteinander verbindet und Sich selbst als Opfer darbringt (Summa Theologiae III, q. 22, a. 1). Andere können nur an Seinem Priestertum teilhaben.
Für Thomas besteht das Opfer ebenfalls nicht nur in einer sichtbaren Gabe. Die äußere Opferhandlung drückt die innere Hingabe des Menschen aus (Summa Theologiae II-II, q. 85, a. 2). Gott braucht die Gabe nicht. Der Mensch braucht das sichtbare Zeichen, durch das er seine Unterordnung und Hingabe vor Gott ausdrückt. Das allgemeine Priestertum ist daher weder ein bloßer Ehrentitel noch eine abgeschwächte Form des sakramentalen Priestertums. Es ist eine wirkliche Berufung. Jeder Getaufte soll mit Christus leben und lernen, sein eigenes Leben in Seine Hingabe hineinzulegen.
Doch damit ist noch nicht erklärt, warum Christus zusätzlich bestimmte Menschen berufen und ihnen besondere Vollmachten übertragen hat. Wenn alle Getauften geistige Opfer darbringen können, weshalb braucht die Kirche dann weiterhin geweihte Priester bzw. das sakramentale Priestertum?

Das sakramentale Priestertum
Man könnte zunächst meinen, das allgemeine Priestertum müsse genügen. Jeder Christ kann beten. Jeder Christ kann von seinem Glauben erzählen. Jeder Christ kann einem anderen Menschen helfen, ihm vergeben und sein eigenes Leben Gott darbringen. Dafür braucht es keine Weihe.
Das sakramentale Priestertum kann daher nicht einfach damit begründet werden, dass in einer großen Gemeinschaft bestimmte Aufgaben verteilt werden müssen. Ein Verein braucht einen Vorsitzenden, eine Schule braucht Lehrer und ein Staat braucht Beamte. Das Priestertum wäre dann nur eine kirchliche Funktion. Die Gemeinde könnte jemanden auswählen und ihm diese Aufgaben, also den Dienst für eine bestimmte Zeit, übertragen. Eigentlich einfach. Oder?
Das Neue Testament versteht den priesterlichen Dienst nicht auf diese Weise. Der Grund liegt im Wesen unseres christlichen Glaubens. Christus hat der Welt nicht nur eine Lehre hinterlassen. Er hat nicht bloß erklärt, wie der Mensch leben soll. Er hat auch nicht nur ein Beispiel gegeben, dem andere einfach so folgen können. Denn Christus schenkt Sich selbst. Philosophen können Gedanken hinterlassen, Lehrer geben Wissen weiter oder Gesetzgeber erlassen Regeln. Nach ihrem Tod bleiben ihre Worte, und andere Menschen können sie bewahren. Für eine solche Weitergabe braucht es gute Redner, zuverlässige Abschriften und Menschen, die das Gesagte richtig erklären.
Bei Christus reicht das nun mal nicht aus. Denn die Erlösung besteht nicht allein in Seinen Worten. Sie besteht in Seiner Person und in dem, was Er für uns getan hat. Wir werden nicht dadurch erlöst, dass wir eine richtige Lehre kennen. Die Erlösung wird durch den Tod und die Auferstehung Christi ermöglicht.
Darum wollte Christus nicht nur, dass Seine Worte weitergegeben werden. Er wollte selbst bei Seiner Kirche bleiben. Vor Seiner Himmelfahrt verspricht Er das auch den Aposteln: „Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20). Die Zusage kann nicht nur bedeuten, dass die Erinnerung an Christus erhalten bleibt. Auch an längst verstorbene Menschen kann man sich erinnern. Man kann ihre Bücher lesen, ihre Gedanken weitergeben und ihre Werke bewundern. Christus verheißt jedoch mehr. Er bleibt selbst der Handelnde in Seiner Kirche. Doch wie handelt Christus nach Seiner Himmelfahrt weiter? Wenn Er nicht mehr sichtbar da ist?
Er wirkt nun durch sichtbare Zeichen und durch Menschen, die Er selbst dazu berufen hat. Genau darin liegt der Sinn der Sakramente. Sie erinnern nicht nur an Christus. In ihnen handelt Christus selbst. Das zeigt sich bereits nach Seiner Auferstehung. Christus fordert die Apostel nicht nur auf, Gottes Barmherzigkeit zu verkünden. Er überträgt ihnen eine Vollmacht. Er haucht sie an und spricht: „Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten“ (Joh 20,22–23). Die Apostel sollen also nicht lediglich erzählen, dass Gott Sünden vergeben kann. Christus will die Menschen durch ihren Dienst tatsächlich mit Gott versöhnen. Am deutlichsten wird es in der Eucharistie. Beim Letzten Abendmahl nimmt Jesus Brot und Wein in Seine Hände und spricht: „Das ist mein Leib … das ist mein Blut“ (Mt 26,26–28). Anschließend gibt Er den Aposteln den Auftrag: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,19).
Christus sagt nicht nur, die Jünger sollten später an dieses Mahl denken. Er trägt ihnen auf, das zu tun, was Er selbst getan hat. Der Ausdruck „Gedächtnis“ kann dabei leicht missverstanden werden. In unserem Alltag bedeutet Erinnerung meist, dass wir an etwas Vergangenes zurückdenken. Ein Foto erinnert an einen Menschen. Ein Jahrestag erinnert an ein Ereignis. Das Ereignis selbst bleibt vergangen. Das biblische Gedächtnis reicht weiter. Wenn Israel das Paschafest feierte, erinnerte es sich nicht wie an einen weit zurückliegenden geschichtlichen Vorgang. Jeder Israelit sollte sich so verstehen, als sei auch er selbst aus Ägypten geführt worden. Die Rettung der Väter soll zur gegenwärtigen Heilserfahrung des Volkes sein. In diesem Sinn sagt Christus: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,19).
Sein Kreuz wird in der Eucharistie nicht wiederholt. Christus stirbt nicht bei jeder Messe erneut. Der Hebräerbrief sagt ausdrücklich, dass Er Sich „ein für alle Mal“ dargebracht hat (Hebr 7,27). Durch ein einziges Opfer hat Er die, die geheiligt werden, „für immer zur Vollendung geführt“ (Hebr 10,14). Gerade weil Sein Opfer vollkommen ist, braucht es kein zweites Opfer. Doch dieses eine Opfer bleibt nicht in der Vergangenheit eingeschlossen. In der Eucharistie wird es sakramental gegenwärtig. Die Kirche empfängt nicht ein anderes Opfer. Sie wird in das eine Opfer Christi hineingenommen.
Endlich zeigt sich langsam der entscheidende Unterschied zwischen dem allgemeinen und dem sakramentalen Priestertum. Durch die Taufe sind wir in der Lage, Gott unser eigenes Leben darzubringen. Arbeit, Leiden, Freude und Liebe können mit Christus verbunden werden, wie wir bereits gesehen haben. Unser ganzes Leben kann zu einem geistigen Opfer werden. Doch eines können wir nicht. Wir können Christus nicht aus eigener Vollmacht gegenwärtig setzen. Keiner von uns könnte über das Brot sprechen: „Das ist mein Leib.“ Diese Worte wären aus unserem Mund unwahr. Der Leib, von dem Christus spricht, gehört nicht uns. Ebenso wenig könnte jemand aus eigener Vollmacht sagen: „Ich spreche dich los von deinen Sünden.“ Wir können dem Nächsten vergeben, der uns verletzt hat. Wir können ihm die Hand reichen und die Versöhnung suchen. Aber wir können niemanden mit Gott versöhnen oder ihm die Schuld vergeben, die ihn von Gott trennt. Das vermag allein Christus.
Deshalb genügt das allgemeine Priestertum nicht. Nicht weil ihm etwas fehlen würde, sondern weil es einen anderen Auftrag hat. Es richtet sich von unten nach oben, von unserer Antwort her. Der Mensch antwortet auf Gottes Liebe und bringt sich selbst dar. Das sakramentale Priestertum geht den umgekehrten Weg. Es hat seinen Ursprung nicht in der Antwort des Menschen, sondern im Handeln Gottes. Hier schenkt Christus der Kirche immer wieder das Heil, das Er am Kreuz ein für alle Mal erworben hat. Das sakramentale Priestertum ist dafür das berufene Werkzeug: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21).
Das sakramentale Priestertum ist also Werkzeug Christi, wie es Thomas einmal formuliert hat.
Christus bedient Sich des Dienstes des Priesters, um selbst zu handeln. Ein Werkzeug besitzt seine Wirksamkeit nicht aus sich selbst. Eine Feder schreibt nicht aus eigener Kraft. Sie schreibt, weil eine Hand sie führt. Sie bleibt dabei immer noch eine wirkliche Ursache des Geschriebenen. Ohne sie würden die Worte nicht auf das Papier gelangen. Der Ursprung der Bewegung liegt jedoch nicht in der Feder.
So handelt auch der Priester wirklich. Er spricht die Worte. Er reicht die Sakramente. Er legt die Hände auf. Die Wirkung kommt jedoch von Christus. Thomas erklärt deshalb, dass bei der Eucharistie Christus selbst der Handelnde ist. Der Priester handelt in Seiner Person, weil die Worte der Konsekration auf Christus verweisen und nicht auf den Priester selbst (Summa Theologiae III, q. 82, a. 1).
Das erklärt auch, warum die Sakramente nicht von der persönlichen Heiligkeit des Priesters abhängen. Ein Priester soll heilig leben. Bitte unbedingt! Aber seine Sünden können der Kirche einen viel schwereren Schaden zufügen als die eines Nichtgeweihten. Sie können Menschen vom Glauben abstoßen und das Amt verdunkeln. Doch selbst ein sündiger Priester ist nicht Herr über die Wirksamkeit Christi. Wäre die Gültigkeit der Sakramente von der persönlichen Vollkommenheit des Priesters abhängig, könnte kein Gläubiger jemals sicher sein, ob er wirklich getauft, losgesprochen oder mit dem Leib Christi genährt wurde. Niemand kennt das Herz eines anderen Menschen vollständig.
Die Sakramente ruhen daher nicht auf der moralischen Leistung des Priesters. Sie ruhen auf der Treue Christi. Augustinus hat diesen Gedanken in seinem Streit mit den Donatisten nachdrücklich verteidigt. Die Donatisten vertraten die Auffassung, dass Sakramente unwirksam werden könnten, wenn der Spender schwer schuldig geworden sei. Augustinus hielt dagegen: Christus bleibt der eigentliche Spender. Wenn Petrus tauft, tauft Christus. Wenn Paulus tauft, tauft Christus. Selbst wenn Judas getauft hätte, wäre es Christus gewesen, Der tauft.
Der Priester ist also nicht deshalb notwendig, weil er ein besserer Christ wäre. Seine Weihe macht ihn auch nicht automatisch heiliger als andere Getaufte. Sie gibt ihm eine andere Aufgabe und eine andere Weise der Teilhabe am Priestertum Christi.
Diese besondere Sendung findet sich bereits im Handeln Jesu.
Christus beruft nicht zufällig die Zwölf. Sie erinnern an die zwölf Stämme Israels. Christus sammelt durch die Zwölf das Gottesvolk neu. Aber unter Seinen Jüngern gab es viele gläubige Männer und Frauen (!). Viele hörten Seine Predigten, folgten Ihm nach und bekannten ihren Glauben. Dennoch vertraut Er bestimmten Menschen Aufgaben an, die Er keinem anderen überträgt. Ihnen sagt Er: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19). Ihnen haucht Er den Heiligen Geist ein und spricht: „Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen“ (Joh 20,22–23). Und ihnen gibt Er den Auftrag, alle Völker zu lehren und zu taufen (Mt 28,19–20).
Dabei fällt auf, dass Christus nicht nur eine Aufgabe verteilt. Er verbindet die Sendung der Apostel mit Seiner eigenen Sendung. Das ist eine weitreichende Aussage. Christus ist vom Vater gesandt, um das Heil zu bringen. Nun sendet Er die Apostel. Sie besitzen nicht dieselbe göttliche Natur wie Er. Sie können die Welt nicht aus eigener Kraft erlösen. Sie werden jedoch in Seine Sendung hineingenommen. Ihr Dienst geht deshalb nicht von der Gemeinde aus. Die Gemeinde hat die Apostel nicht gewählt und anschließend mit bestimmten religiösen Aufgaben beauftragt. Christus hat sie berufen und zur Gemeinde gesandt.
Auch später wird das Amt nicht einfach durch eine Abstimmung übertragen. Das Neue Testament nennt die Handauflegung als sichtbares Zeichen der Weitergabe einer besonderen Gabe: „Vernachlässige die Gnade nicht, die in dir ist und die dir verliehen wurde, als dir die Ältesten aufgrund prophetischer Worte gemeinsam die Hände auflegten!“ (1 Tim 4,14). Oder: „Ich habe dich in Kreta deswegen zurückgelassen, damit du das, was noch zu tun ist, zu Ende führst und in den einzelnen Städten Älteste einsetzt, wie ich dir aufgetragen habe“ (Tit 1,5).
Die Apostel wussten, dass ihr Dienst nicht mit ihrem Tod enden durfte. Die Kirche sollte auch nach ihnen Menschen haben, die das Evangelium verbindlich verkünden, die Gemeinde leiten und den sakramentalen Dienst ausüben. Sehr früh wird diese Ordnung auch außerhalb des Neuen Testaments durch Texte der Kirchenväter oft bezeugt, sei es Ignatius von Antiochien (Brief an die Smyrnäer) oder auch Clemens von Rom (Erster Clemensbrief). Diese Texte stammen nicht aus dem Mittelalter. Sie entstehen in unmittelbarer Nähe zur apostolischen Zeit. Damit wird die Behauptung schwierig, das sakramentale Amt sei erst Jahrhunderte später aus Machtinteressen geschaffen worden.
Das Amt gehört von Beginn an zum Leben der Kirche. Damit lässt sich nun auch genauer sagen, wie sich beide Priestertümer zueinander verhalten. Das allgemeine Priestertum und das sakramentale Priestertum unterscheiden sich nicht wie ein kleineres und ein größeres Maß derselben Vollmacht. Der geweihte Priester ist nicht einfach ein Getaufter, der etwas mehr vom allgemeinen Priestertum erhalten hat.
Beide nehmen auf verschiedene Weise am einen Priestertum Christi teil. Wir Getauften werden mit Christus verbunden, damit unser Leben selbst zu einem geistigen Opfer werden kann. Wir bringen uns selbst mit Christus dem Vater dar. Der geweihte Priester wird für einen anderen Dienst bestellt. Durch ihn handelt Christus sakramental an Seiner Kirche. Er verkündet verbindlich das Evangelium, spricht die Lossprechung und feiert die Eucharistie.
Das bedeutet nicht, dass der Priester allein aktiv wäre und die anderen Gläubigen nur zuschauen. Gerade in der Eucharistie gehören beide Priestertümer zusammen. Der Priester setzt das Opfer Christi sakramental gegenwärtig. Die Gläubigen verbinden mit diesem Opfer ihr eigenes Leben. Sie bringen ihre Arbeit, ihre Sorge um die Familie, ihre Schuld, ihre Dankbarkeit und ihr Leiden mit zum Altar. Aber ohne das sakramentale Priestertum könnte die Gemeinde aus eigener Kraft das Opfer Christi nicht gegenwärtig setzen. Niemals wäre das möglich! Auf der anderen Seite ist jedoch auch zu beachten: Ohne das allgemeine Priestertum bliebe die Gefahr, dass die Gläubigen der Eucharistie nur äußerlich beiwohnen, ohne sich selbst mit Christus darzubringen.
Der Priester handelt also nicht anstelle der Gemeinde, als hätte diese selbst keine priesterliche Würde. Er dient ihr, damit sie ihre eigene Berufung erfüllen kann. Auch lebt das sakramentale Priestertum nicht für sich selbst. Kein Berufener wird geweiht, damit er eine persönliche Auszeichnung erhält. Die Weihe stellt ihn in den Dienst Christi und der Gläubigen. Seine Vollmacht ist keine private Verfügung über das Heilige. Sie ist ihm für andere anvertraut. Ein Priester kann sich daher nicht selbst die Sünden vergeben. Er kann sich nicht selbst die Eucharistie als private Gabe vorbehalten. Sein Dienst ist von seinem Wesen her auf die Kirche ausgerichtet.
Das allgemeine Priestertum zeigt, dass jeder Getaufte gerufen ist, Gott sein Leben zu schenken. Das sakramentale Priestertum zeigt, dass der Mensch sich das Heil nicht selbst schenken kann. Beides muss festgehalten werden.
Der Christ ist kein bloßer Zuschauer. Er besitzt eine wirkliche Berufung und eine wirkliche Verantwortung. Zugleich bleibt man ein Empfangender. Man kann sich selbst hingeben, doch die Erlösung kommt von Christus. Darin liegt die innere Einheit beider Priestertümer. Im allgemeinen Priestertum antwortet der Mensch auf Gottes Gabe. Im sakramentalen Priestertum schenkt Christus der Kirche immer neu, worauf der Mensch antwortet. Beide haben ihren Ursprung in Ihm. Beide führen zu Ihm.
Und beide machen sichtbar, dass der christliche Glaube weder nur im eigenen Tun noch nur im passiven Empfangen besteht. Christus schenkt Sich dem Menschen, damit der Mensch lernt, sich Ihm zu schenken.

Der Mensch vor dem Priestertum
Die heutigen Diskussionen über das Priestertum sind festgefahren. Seit Jahrzehnten kreisen dieselben Argumente. Die einen möchten das sakramentale Priestertum aus dem allgemeinen Priestertum ableiten. Die Weihe erscheint ihnen als Aufgabe, die grundsätzlich jedem Getauften übertragen werden könnte. Andere lösen das sakramentale Priestertum fast vollständig vom allgemeinen Priestertum und begegnen dem Priester mit einer Verehrung, die seiner Berufung ebenso wenig gerecht wird. Beide Haltungen verlieren den wahren Ursprung des Priestertums aus dem Blick.
Jeder Priester bleibt zuerst Getaufter. Er muss gelernt haben, sein eigenes Leben Gott darzubringen, bevor er am Altar stehen kann. Die Weihe krönt diese Berufung nicht. Sie baut auf ihr auf. Wer das allgemeine Priestertum geringachtet, versteht auch das sakramentale Priestertum nur unvollständig. Ebenso führt jeder Versuch in die Irre, das sakramentale Priestertum als Aufgabe der Gemeinde zu verstehen. Christus hat Männer berufen, ihnen Vollmacht übertragen und sie gesandt. Er bindet Sein sakramentales Handeln an diese Sendung. Der Priester besitzt seine Vollmacht nicht wie einen persönlichen Besitz. Er bleibt Werkzeug Christi. Das Heil kommt immer von oben. Der Priester empfängt zuerst, bevor er weitergibt. Das verlangt eine Tugend, die heute selten geworden ist: die Bereitschaft, sich der Wahrheit zu beugen, auch wenn sie den eigenen Wünschen widerspricht.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Prüfung. Wer das allgemeine Priestertum wirklich lebt, lernt, sich selbst Gott hinzugeben. Wer zum sakramentalen Priestertum berufen wird, lernt zusätzlich, dass auch seine Weihe ihm nichts gehört. Er bleibt Werkzeug Christi. Nur der Stolze wird mit beidem seine Schwierigkeiten haben. Denn er will entweder etwas empfangen, was ihm nicht gegeben wurde, oder besitzen, was ihm nie gehören wird. Solche Menschen akzeptieren nur schwer, dass Gott selbst den Weg bestimmt, auf dem Er beruft, handelt und Sein Heil schenkt.
Christus hat Sein Priestertum weder der Willkür des Menschen noch dem Zeitgeist überlassen. Es gehört Ihm. Jeder Getaufte lebt daraus. Jeder Priester dient daraus. Über Sein Priestertum verfügt niemand von uns. Jede Generation empfängt es neu und steht vor derselben Entscheidung: Will sie sich von Christus belehren lassen oder Christus nach ihren eigenen Vorstellungen umformen? Hier trennt sich Demut von Stolz.


