Der Vorrang der Wahrheit – Einheit und Widerspruch

Über die Einheit wird viel gesprochen. Einheit in der Gesellschaft, Einheit in der Wissenschaft, Einheit zwischen den Nationen. Auch im Christentum wird die Einheit beschworen. Worüber deutlich weniger gesprochen wird, ist die Wahrheit.

Dabei ist die Reihenfolge entscheidend. Einheit kann nur dann ein Gut sein, wenn sie auf Wahrheit beruht. Sonst wird sie zu einer Fassade, hinter der die eigentlichen Gegensätze in Wirklichkeit verborgen bleiben. Gerade in den ökumenischen Debatten unserer Zeit entsteht oft der Eindruck, als seien Lehrunterschiede vor allem ein Hindernis auf dem Weg zur Einheit. Die eigentliche Frage wird dagegen selten gestellt: Was geschieht mit einer Einheit, wenn die Wahrheit selbst unklar wird?

Wer richtet über die Wahrheit?

Viele Diskussionen über die Einheit der Christen kranken an einem grundlegenden Missverständnis. Sie beginnen bei der Einheit und nicht bei der Wahrheit. Damit stellen sie die Dinge auf den Kopf.

Für die ersten Christen war die Wahrheit niemals ein Nebenthema. Das gesamte Neue Testament ist von der Überzeugung durchdrungen, dass in Jesus sich der eine und wahre Gott selbst offenbart hat, gesprochen hat und dass dieses Wort auch wahr ist. Die Apostel zogen nicht durch das Römische Reich, um unterschiedliche religiöse Vorstellungen miteinander in Einklang zu bringen. Sie verkündeten die Botschaft, die sie empfangen hatten: „Ich habe euch vor allem überliefert, was auch ich empfangen habe“ (1 Kor 15,3). Der Glaube beginnt daher nicht mit menschlichen Überlegungen. Er beginnt mit der Selbstoffenbarung Gottes. Deshalb spricht Christus eigentlich in einer Weise, die heute vielen Menschen fremd geworden ist. Er sagt nicht, er kenne einen Weg zur Wahrheit. Er sagt bekanntlich: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). Dieser Satz lässt wenig Raum für die Vorstellung, Wahrheit sei letztlich eine Frage der Perspektive. Sein Anspruch auf Wahrheit ist absolut, sodass entweder Christus wahr spricht oder Er spricht nicht wahr. Das Christentum steht und fällt mit dieser Frage.

In weiten Teilen der modernen Theologie hat sich jedoch eine andere Denkweise ausgebreitet. Man spricht noch von Wahrheit, das schon. Aber man behandelt sie oft wie etwas Vorläufiges. Aussagen der Schrift werden zunächst auf ihren historischen Hintergrund zurückgeführt. Dogmen werden als Produkte bestimmter Epochen beschrieben. Moralische Lehren erscheinen als Antworten auf vergangene gesellschaftliche Situationen. Schritt für Schritt verschiebt sich dadurch der Schwerpunkt. Die Frage lautet nicht mehr: Was hat Gott offenbart? Die Frage lautet: Wie können wir diese Aussagen heute verstehen? Die Verschiebung wirkt auf den ersten Blick harmlos. Tatsächlich verändert sie das gesamte Fundament des christlichen Glaubens. Denn irgendwann kommt der Punkt, an dem die Offenbarung nicht mehr den Menschen beurteilt, sondern andersherum: Der Mensch beurteilt die Offenbarung. Dann wird gefragt, welche Aussagen noch akzeptabel erscheinen und welche besser neu interpretiert oder sogar beseitigt werden sollten. Die Autorität wandert unmerklich von Gott zum Ausleger.

Die Kirchenväter hätten darin keine Erneuerung erkannt. Sie hätten darin ein sehr altes Problem gesehen. Schon im zweiten Jahrhundert beobachtete Irenäus von Lyon, dass Irrlehrer die Schrift so lange verwendeten, wie sie ihre Ansichten zu stützen schien: „Widerlegt man nämlich die Häretiker aus den Schriften, dann erheben sie gegen eben diese Schriften die Anklage, daß sie nicht zuverlässig seien, keine Autorität besäßen, auf verschiedene Weise verstanden werden könnten, und daß aus ihnen die Wahrheit zu finden nur die imstande seien, die die Tradition verstünden“ (Adversus Haereses III,2,1). Sobald also die Schrift Positionen widersprach, wurde plötzlich ihre Eindeutigkeit bestritten.

Hinter dem Vorgehen stand dieselbe Versuchung, die jede Epoche kennt: Nicht die Wahrheit soll über den Menschen urteilen, der Mensch soll über die Wahrheit urteilen. Das Ergebnis ist eine Theologie, die immer vorsichtiger wird. Sie erklärt viel, bekennt aber wenig. Sie analysiert jedes Wort, vermeidet aber klare Schlussfolgerungen. Und sie spricht ununterbrochen über Dialog, verliert jedoch das Vertrauen in die Möglichkeit verbindlicher Wahrheit. Genau deshalb wirkt ein großer Teil der gegenwärtigen theologischen Literatur so kraftlos. Sie enthält oft eine beeindruckende Gelehrsamkeit. Was ihr fehlt, ist die Gewissheit, dass es Gott ist, der tatsächlich gesprochen hat.

Eine Kirche, die diese Gewissheit verliert, verliert früher oder später auch den Mut, etwas Verbindliches zu lehren. Sobald aber die Wahrheit unsicher wird, wird auch jede Einheit unsicher. Denn niemand kann sich dauerhaft um etwas versammeln, dessen Inhalt ständig zur Disposition steht.

Der Preis einer falschen Einheit

An diesem Punkt zeigt sich die eigentliche Schwäche vieler ökumenischer Konzepte. Sie setzen voraus, dass die bestehenden Unterschiede zwischen katholischem und evangelischem Glauben durch größere Offenheit überwunden werden könnten. Doch Offenheit beantwortet noch keine Wahrheitsfrage.

Die Reformation selbst entstand nicht wegen Missverständnissen über Nebensächlichkeiten. Sie entstand wegen grundlegender Fragen. Was ist die Kirche? Was ist das Priestertum? Was geschieht in der Eucharistie? Welche Autorität besitzt die apostolische Überlieferung? Welche Stellung hat das kirchliche Lehramt? Diese Fragen standen im Zentrum des Konflikts. Und sie stehen dort bis heute. Es wirkt dann merkwürdig, wenn heute oft so gesprochen wird, als seien genau diese Unterschiede gar nicht mehr entscheidend. Falls sie tatsächlich unwichtig wären, wäre kaum verständlich, warum sie über Jahrhunderte hinweg als so bedeutsam betrachtet wurden. Falls sie wichtig sind, können sie nicht durch freundliche Formulierungen verschwinden.

Ein grundlegendes Prinzip wird ignoriert: Wahrheit verändert sich nicht durch den Wunsch nach Einigkeit. Zwei widersprüchliche Aussagen können nicht gleichzeitig wahr sein. Entweder die Eucharistie ist das wahre Opfer Christi oder sie ist es nicht. Entweder wurde das Priestertum von Christus eingesetzt oder es wurde nicht eingesetzt. Entweder besitz die Kirche eine von Christus gestiftete Autorität oder sie besitzt sie nicht. Über diese Fragen kann man diskutieren, man kann sie untersuchen und man kann Argumente austauschen. Natürlich, keine Frage. Was man jedoch nicht kann, ist, sie durch Kompromisse aufzulösen. Gerade deshalb darf katholische Lehre niemals zum Verhandlungsgegenstand werden. Die Kirche hat ihren Glauben nicht erfunden. Sie hat ihn empfangen. Ein Verwalter besitzt nicht die Vollmacht, das anvertraute Gut nach Belieben zu verändern. Seine Aufgabe besteht darin, es weiterzugeben.

Manchmal wird eingewandt, eine solche Haltung erschwere die Einheit. Tatsächlich verhält es sich genau umgekehrt. Eine Einheit, die auf Unklarheit beruht, ist eine Scheineinheit. Sie hält nur so lange durch, wie schwierige Fragen vermieden werden. Früher oder später kehren die Unterschiede zurück, weil sie nie wirklich gelöst wurden. Die Geschichte bestätigt dies immer wieder. Irrtümer wurden niemals dadurch überwunden, dass die Kirche ihre Lehre anpasste. Sie wurden überwunden, indem die Wahrheit klar ausgesprochen wurde. Das Konzil von Nicäa (325) zum Beispiel beendete den arianischen Streit nicht durch einen Kompromiss zwischen Wahrheit und Irrtum. Es bekannte die Wahrheit. Dasselbe Muster zieht sich durch die gesamte Kirchengeschichte.

Christus und die Wahrheit

Vielleicht liegt die größte Schwäche vieler ökumenischer Debatten darin, dass sie die falsche Frage stellen. Man fragt unablässig, wie Einheit entstehen kann. Das erklärt auch, warum jede klare katholische Position heute viel Nervosität auslöst. Solange über Methoden, Dialoge und Prozesse gesprochen wird, bleibt die Zustimmung groß. Sobald jedoch die Frage nach der Wahrheit gestellt wird, verändert sich die Stimmung. Denn Wahrheit fordert eine Entscheidung. Sie verlangt nicht Bewunderung, sondern Zustimmung oder Ablehnung.

Die eigentliche Frage unserer Zeit lautet deshalb nicht, ob wir Einheit wollen. Kaum jemand Vernünftiges wird das verneinen. Die eigentliche Frage lautet, ob wir die Wahrheit überhaupt noch für etwas halten, das den Menschen verpflichtet, kostbar genug, um ihretwillen auch Widerspruch auszuhalten. Oder ob die Wahrheit am Ende nur eine von vielen Stimmen auf dem Marktplatz der Meinungen ist.

Eine Kirche jedenfalls, die ihre empfangene Lehre anpasst, um näher an die Welt zu rücken, erreicht oft nur eines: Sie wird der Welt immer ähnlicher und immer schwerer von ihr zu unterscheiden. Und ein Schiff braucht dann auch keinen Streit über den Kurs zu führen, wenn sowieso niemand mehr weiß, welcher Hafen angesteuert werden soll.

Am Ende wird die Zukunft des Christentums nicht daran entschieden werden, wie viele Gesprächsrunden geführt wurden oder wie viele Unterschiede sprachlich überdeckt werden konnten. Entscheidend bleibt eine viel ältere Frage. Es ist dieselbe Frage, die Pilatus vor Christus stellte: „Was ist Wahrheit?“ (Joh 18,38).

Die Tragik dieser Szene liegt nicht darin, dass Pilatus die Frage stellte. Die Tragik liegt darin, dass die Wahrheit selbst vor ihm stand und er sie nicht erkannte.

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