Heiliger Justin der Märtyrer – Wahrheit oder Frieden

Die frühe Kirche hätte viele Verfolgungen vermeiden können. Denn das Römische Reich verlangte von den Christen meist keine vollständige Absage an Christus. Oft hätte schon ein äußerliches Opfer vor den Göttern genügt, ein Zeichen politischer Loyalität oder ein kurzer Akt öffentlicher Anpassung. Doch genau an diesem Punkt blieb die Kirche unbeweglich, stur könnte man sagen.

Für die Christen der ersten Jahrhunderte war Christus nicht eine religiöse Überzeugung neben anderen Überzeugungen. Er ist die Wahrheit Gottes, die in die Welt gekommen ist. Darum erschien ihnen ein Friede, der auf Verschweigen, Anpassung oder religiösem Kompromiss beruhte, nicht als wirklicher Friede. Lieber nahmen sie Verfolgung, Gefängnis und Tod auf sich, als Christus unter die Mächte dieser Welt einzuordnen.

Und heute erinnert die Kirche an einen Mann, der genau für die Wahrheit sein Leben hingab: den heiligen Justin. Als Philosoph suchte er jahrelang nach Wahrheit in den großen Schulen der Antike, bis er im Christentum die Erfüllung dessen erkannte, wonach die Philosophie tastend gesucht hatte. In Jesus Christus begegnete ihm nicht bloß ein Lehrer der Moral, sondern der Logos selbst: das ewige Wort Gottes, durch das alles geschaffen wurde. Genau darum verteidigte Justin den Glauben nicht als nützliche Religion oder gesellschaftliche Tradition. Sein Leben widmete er der Verteidigung der Wahrheit Christi gegen eine Welt, die bereit war, viele Götter zu dulden, doch den Anspruch des einen wahren Gottes nicht ertragen konnte.

Der Preis der Wahrheit

Für das Römische Reich bestand Religion vor allem darin, die Ordnung des Reiches zu sichern, die Götter günstig zu stimmen und die politische Einheit zu erhalten. Darum konnten viele Kulte nebeneinander existieren. Neue Religionen waren nicht automatisch ein Problem. Ganz und gar nicht. Das Reich verlangte in vielen Fällen nicht, dass Menschen ihre eigenen Götter aufgeben. Sie mussten jedoch die religiöse Ordnung Roms anerkennen und am öffentlichen Kult teilnehmen. Dazu gehörten Opferhandlungen für die römischen Götter und später auch für den Kaiser. Gerade diese Opfer galten als sichtbares Zeichen politischer Loyalität und gesellschaftlicher Zugehörigkeit.

Der Konflikt mit den Christen war damit fast unvermeidlich. Die junge Kirche verweigerte nicht nur einzelne heidnische Praktiken. Sie stellte den religiösen Grundgedanken des Reiches infrage. Ein Christ konnte Christus nicht einfach neben Jupiter, Apollo oder den vergöttlichten Kaisern einordnen, wenn Jesus Christus der menschgewordene Sohn Gottes, der Herr über Himmel und Erde ist. Dazu kam ein weiterer Punkt, der die Spannungen verschärfte: Die Römer glaubten, dass die Sicherheit des Reiches vom Wohlwollen der Götter abhängt. Opfer, Tempelkulte und öffentliche religiöse Feiern galten als Schutz für Staat und Gesellschaft. Wenn Kriege verloren gingen, Hungersnöte ausbrachen, Seuchen das Reich trafen oder Naturkatastrophen geschahen, entstand schnell der Verdacht, die Götter seien erzürnt worden. Christen wirkten in den Augen vieler Römer gefährlich, weil sie sich weigerten, an den Opferhandlungen teilzunehmen. Darum erschienen die Christen vielen Heiden nicht nur fremd. Ihre Verweigerung galt als Gefahr für das ganze Gemeinwesen. Wenn Menschen die Opfer für die Götter verweigerten, konnte das nach römischer Vorstellung Unglück über Städte und Reich bringen. Tertullian beschreibt später genau diese Stimmung: „Wenn der Tiber über die Ufer tritt oder der Nil nicht steigt, wenn der Himmel keinen Regen gibt oder die Erde bebt, wenn Hungersnot oder Pest kommen, heißt es sofort: Die Christen vor die Löwen“ (Apologeticum 40.2). Der heilige Justin selbst schreibt in seiner Ersten Apologie an Kaiser Antoninus Pius und kritisiert, dass Christen allein wegen ihres Namens verurteilt werden. Gleichzeitig bittet er nicht darum, das Christentum harmloser erscheinen zu lassen. Er fordert vielmehr, dass man die Wahrheit prüft. Christen sollen nach ihren Taten beurteilt werden, nicht nach Gerüchten oder Hass.

Die Haltung der frühen Kirche war also ganz klar. Anstatt den christlichen Glauben in die heidnische Welt einzupassen, versuchte man, die heidnische Welt mit der Wahrheit Christi zu konfrontieren. Das ist ein entscheidender Unterschied. Die Kirche wollte verstanden werden, doch sie wollte nicht umgeschrieben werden. Dabei wäre der Weg der Anpassung oft einfach gewesen. Das Reich verlangte von den Christen in vielen Situationen kein inneres Glaubensbekenntnis zum Heidentum. Häufig genügte ein äußerlicher Opferakt vor den Göttern oder dem Bild des Kaisers. Für Rom war das ein politisches Zeichen der Loyalität. Für die Christen ist es Götzendienst. Ganz radikal. Denn man kann nicht Gott innerlich treu bleiben und äußerlich den Götzen opfern. Der christliche Glaube umfasst nun mal den ganzen Menschen: Herz, Mund, Leib und öffentliches Handeln. Darum verstanden die Märtyrer selbst kleine Opferhandlungen als Verrat an Christus. Die Grundlage dafür liegt im christlichen Wahrheitsanspruch selbst. Christus sagte nicht: „Ich zeige einen Weg“ oder „Bei Gefahr rettet euch selbst“. Er sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6) und: „Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen“ (Mt 10,32-33). Wenn Christus wirklich auferstanden ist, wenn er wirklich der Sohn Gottes ist, dann kann keine Macht der Welt Anspruch auf seine Verehrung erheben.

Deshalb nahmen die frühen Christen Verfolgung in Kauf. Nicht aus Fanatismus. Nicht aus Todessehnsucht. Sie starben, weil sie überzeugt waren, dass die Wahrheit wichtiger ist als das eigene Leben. Das Martyrium war darum für die Kirche kein tragischer Betriebsunfall der Geschichte. Es war und ist bis heute Zeugnis für die Wirklichkeit Christi. Die Prozessakten Justins zeigen die christliche Haltung mit erschütternder Nüchternheit. Der Stadtpräfekt Rusticus fordert den heiligen Justin und seine Gefährten auf, den Göttern zu opfern. Justin verweigert sich. Auf die Drohung mit Folter antwortet er, dass Christen nichts sehnlicher wünschen, als wegen ihres Herrn Jesus Christus zu leiden und gerettet zu werden. Schließlich werden Justin und seine Gefährten gegeißelt und enthauptet.

Ist das nicht eine gewaltige Kraft der frühen Kirche? Rom konnte Christen erniedrigen, foltern und töten. Es konnte sie jedoch nicht dazu bringen, Christus in eine private Meinung zu verwandeln. Die Märtyrer bewiesen durch ihr Blut, dass der Glaube für sie nicht Gewohnheit oder eine Tradition war. Die Welt sah Menschen sterben, die nichts zu gewinnen hatten außer Christus selbst. Darum wuchs die Kirche trotz Verfolgung. Die Heiden sahen, dass hier Menschen lebten, die Wahrheit höherstellten als jegliche Sicherheit. „Das Blut der Märtyrer ist der Same für neue Christen“, so Tertullian (Apologeticum 50,13). Die Kirche gewann die Welt also nicht durch Anpassung an die Welt. Genau das Gegenteil war der Fall. Sie gewann sie durch die sichtbare Überzeugung, die selbst über allem ihnen zugefügten Leid dieser Welt stand: dass Christus jede Macht dieser Erde überragt.

Justin und der Logos

Justin war kein einfacher Prediger aus einem abgeschlossenen christlichen Milieu. Er war ein gebildeter Mann der antiken Welt. Geboren wurde er um das Jahr 100 in Flavia Neapolis in Samaria. Im Dialog mit Tryphon beschreibt er selbst seinen langen Weg durch die philosophischen Schulen seiner Zeit. Er studierte bei den Stoikern, beschäftigte sich mit aristotelischem Denken, wandte sich den Pythagoreern zu und fand schließlich im Platonismus jene geistige Tiefe, die ihn zunächst am stärksten anzog. Sein Lebensweg ist entscheidend, um Justin zu verstehen. Er kam nicht zum Christentum, weil er das Denken aufgab. Er kam zum Christentum, weil die Philosophie seine tiefsten Fragen nicht beantworten konnte. Die antiken Schulen suchten nach Wahrheit, nach dem Ursprung der Welt, nach dem Sinn des Menschen und nach dem höchsten Gut. Doch sie blieben in widersprüchlichen Systemen gefangen, mit abstrakten Begriffen und leeren Vorstellungen. Justin erkannte, dass die menschliche Vernunft zwar suchen kann, aus eigener Kraft jedoch nicht bis zur Fülle gelangt.

Eines Tages begegnet Justin einem alten Christen, der ihn auf die Propheten der Schrift hinweist (Dialog mit Tryphon, Kap. 7–8). Der Mann erklärt ihm, dass die Wahrheit nicht allein durch philosophische Spekulation gefunden wird, sondern durch die Offenbarung Gottes. Die Propheten hätten ja auch nicht aus eigener Genialität gesprochen. Es ist der Geist Gottes, der durch ihren Mund spricht. Diese Begegnung erschüttert Justin zutiefst. Er beginnt, die Heilige Schrift zu studieren, und erkennt schließlich in Christus die Erfüllung dessen, wonach die Philosophie immer gesucht hatte.

Mit Justin hat die christliche Theologie volle Fahrt aufgenommen. Der zentrale Gedanke seiner Theologie sticht hervor: Christus ist der Logos.

Die Aussage hatte damals eine explosive Wirkung. Denn der altgriechische Begriff λόγος war in der antiken Welt von enormer Bedeutung. Er bezeichnete Vernunft, Sinn, Ordnung und das tragende Prinzip der Wirklichkeit selbst. Heraklit sprach vom Logos als der Ordnung hinter allem Wandel. Die Stoiker verstanden darunter die vernünftige Struktur des Kosmos. Für gebildete Griechen war der Logos der Schlüssel zur Frage, warum die Welt überhaupt verstehbar ist.

Justin greift diesen Begriff auf, doch er füllt ihn völlig neu. Für ihn ist der Logos keine unpersönliche Weltvernunft oder ein Prinzip. Der Logos ist eine Person, eine bestimmte: Jesus Christus. Natürlich bildet für den Heiligen der Prolog des Johannesevangeliums dafür die Grundlage: „Im Anfang war das Wort“ – Griechisch: Logos – „und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott“ (Joh 1,1). Der ewige Logos ist Mensch geworden. Damit erklärt Justin das Christentum als Vollendung der Vernunft. Papst Benedikt XVI. betont genau diesen Punkt: Justin erkennt im Christentum die „wahre Philosophie“, weil Christus der Logos selbst ist, die schöpferische Vernunft Gottes, durch die alles geworden ist (Papst Benedikt XVI., Generalaudienz, Mittwoch, 21. März 2007: Der Hl. Justinus, Philosoph und Märtyrer).

Aus dieser Überzeugung entwickelt Justin seine berühmte Lehre vom logos spermatikos (griech. λόγος σπερματικός, lat. ratio seminalis), vom „Samen des Logos“. Damit meint er, dass jeder Mensch Anteil an der Vernunft besitzt und dass darum auch außerhalb Israels einzelne Wahrheiten erkannt werden konnten. Justin nennt ausdrücklich Philosophen wie Sokrates oder Heraklit. Sie erkannten Teilwahrheiten, weil der Logos Spuren seiner Wahrheit in die Welt gelegt hat, wie ein Sämann.

Und Justin ist radikal christologisch. Er relativiert nicht. Die Philosophen besitzen nach ihm keine eigenständige Wahrheit neben Christus. Sie besitzen nur Bruchstücke, aber selbst die dank Ihm. Die ganze Wahrheit gehört allein Christus, weil Er der ewige Logos Gottes ist. Alles Wahre stammt letztlich von Ihm und findet erst in Ihm seine wahre Vollendung. Darum konnte Justin den Glauben nicht an die Erwartungen der heidnischen Welt anpassen. Wenn Christus wirklich der Logos ist, dann ist Er nicht nur eine religiöse Figur innerhalb der Geschichte. Dann ist Er Ursprung der Wahrheit selbst. Dann empfängt jede Vernunft ihr Licht von Ihm. Dann kann die Kirche nicht schweigen, wenn Christus und der Glaube relativiert werden. Deshalb verteidigt Justin das Christentum so offensiv vor Kaisern und Philosophen. Er bittet nicht darum, Christen einfach in Ruhe zu lassen. Er behauptet, dass der christliche Glaube wahr ist. Das Christentum erscheint bei ihm nicht als praktische Lebenshilfe oder moralisches System neben anderen. Es erscheint als die Erfüllung dessen, wonach der Mensch seit Beginn seiner Geschichte sucht. Das erklärt auch sein Martyrium. Justin starb, weil er überzeugt war, dass Christus der Logos Gottes ist und dass jede Anpassung an den Götzendienst eine Lüge gegen die Wirklichkeit ist. Sein Tod bildet darum keinen Widerspruch zu seiner Philosophie. Er ist ihre letzte Konsequenz.

Das letzte Nein

Am Ende steht Justin vor dem römischen Richter. Hinter ihm liegen Jahre des Suchens, Denkens und Lehrens. Vor ihm steht nur noch eine Forderung: ein Opfer vor den Göttern, ein Zeichen der Anpassung, ein Schritt weg von Christus. Damit hätte er sein Leben retten können.

Justin weigert sich. Eine Schärfe seines Zeugnisses bleibt bis heute. Das Römische Reich konnte viele Religionen dulden. Unerträglich war für Rom der Anspruch, dass Jesus Christus allein Herr ist und dass keine Macht dieser Welt neben ihm stehen kann. Und auch heute ist diese Aussage für mache Mächte ein Dorn im Auge.

Justin selbst hätte dennoch niemals akzeptiert, dass Wahrheit dem gesellschaftlichen Frieden untergeordnet wird. Niemals hat er den absoluten Anspruch Christi geopfert oder geschwächt. Für ihn ist Christus der ewige Logos Gottes, die Wahrheit selbst. Alles Wahre findet seine Erfüllung in Christus, nicht neben Ihm.

Die Versuchung liegt auch in der Gegenwart: den Glauben abzuschwächen, damit die Welt ihn akzeptiert; damit er moderner, ungefährlicher und gesellschaftlich akzeptabler wirkt. Auch um seine eigene Haut zu retten. Über Sünde wird geschwiegen, damit niemand Anstoß nimmt. Über Wahrheit wird geschwiegen, damit Einheit erhalten bleibt. Man sucht Anerkennung bei Mächten, Medien und Ideologien, die den christlichen Glauben oft offen verspotten, verachten oder öffentlich bekämpfen. Kurz gesagt: Man opfert Christus für die Welt. Justin wusste, wohin dieser Weg führt. Sobald Christus relativiert wird, beginnt die Kirche ihre eigene Stimme zu verlieren: „Keiner, der recht gesinnt ist, verlässt die Gottseligkeit, um zur Gottlosigkeit überzugehen“, ist seine Antwort auf: „Kommt und opfert einmütig den Göttern!“ (Hl. Justin, Martyrium Justins und seiner Gefährten, Kap. 5). Gerade darum bleibt der heilige Justin bis heute ein Vorbild für jeden Christen, der Christus treu bleiben will, auch wenn die Welt dafür keinen Platz mehr hat.

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