Fasten und Fallstricke – Die verborgene Gefahr der Askese

Die Übung des Fastens betrifft vor allem das Herz und den Willen, die beide in ihrer Bindung an Gott geordnet werden sollen. Es ist aber leicht, sich selbst zu überheben, wenn man Hunger oder Durst aushält, denn der Stolz des Menschen kann selbst im Verzicht wachsen, wenn er nicht vom Gebet und der Liebe zu Gott geleitet wird.

Ebenso leicht verfehlt der Mensch den Sinn, wenn er den Leib schont, während sein Herz taub bleibt gegenüber den Geboten der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit: „Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, Unterdrückte freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen? Bedeutet es nicht, dem Hungrigen dein Brot zu brechen, obdachlose Arme ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deiner Verwandtschaft nicht zu entziehen?“ (Jes 58,6–7). Wann also wird Fasten zur Gefahr, und wann wird es zum Werkzeug der Heiligung?

Scheinaskese

Fasten, das den Leib entbehrt, zeigt oft nicht die Größe der Seele, sondern ihre Zerbrechlichkeit. Und es bleibt verborgen, ob die Entbehrung den Willen festigt oder den Stolz nährt. Denn der Mensch, der den Hunger auf sich nimmt, kann sich leicht erheben über seine eigene Schwachheit und nicht über die eigenen Sünden; er spürt in sich Kraft, wird dann aber träge gegenüber der Pflicht der Liebe, weil das Herz beim Entbehren nicht demütig vor Gott niederfällt. Viele, die öffentlich fasten, verstellen ihr Gesicht, damit andere Menschen ihre Entbehrung erkennen, doch in Wahrheit bleibt ihr Inneres ungerührt, und sie suchen Lob, nicht Gottes Angesicht, wie Christus selbst warnt und die Heuchler entblößt (Mt 6,16–18).

Die Scheinaskese zeigt sich klar, wenn die äußere Strenge den Leib quält und das Herz unbewegt bleibt, wenn Gebet und Barmherzigkeit fehlen und die Werke der Gerechtigkeit nicht in der Übung wohnen. Jesaja erinnert an das, was Gott gefällt: nicht die Qual des Körpers, sondern die Hingabe des Herzens, das Brot dem Hungrigen reicht, die Elenden ins Haus führt, den Nackten kleidet (Jes 58,6–7). In solcher Ordnung erscheint der Körper als Werkzeug der Seele; wird das Herz verschlossen, kehrt sich die Ordnung um, und die Entbehrung dient der Selbsttäuschung und nicht der Heiligung.

Die Pharisäer zeigen dieses Elend: Gebote gehalten, Fasten geübt, doch Stolz und Eitelkeit füllten ihr Inneres (Lk 18,9–14). Sie quälten den Leib, um sich selbst zu erhöhen, und fanden dabei weder Reinheit noch Freude in Gott; der Leib litt, das Herz aber blieb unberührt, und die Übung, die Heiligung hätte bringen sollen, wurde zur Falle, die den Stolz nährte und die Seele blenden konnte.

Maß und Ordnung

Das Gegenteil der Scheinaskese liegt in der Maßlosigkeit. Übermaß im Essen, Trinken oder generell an Genuss schwächt den Willen und verwirrt die Ordnung des Menschen. Der Körper ist dem Menschen anvertraut, damit er dem Leben und dem Dienst Gottes dient; ungezügelte Begierde macht ihn träge und bindet den Geist an das Vergängliche.

Darum kennt die christliche Tradition das Fasten als Übung der Zucht. Durch freiwillige Entbehrung lernt der Mensch, die Begierden zu ordnen und den Willen zu stärken. Die Nahrung zum Beispiel beherrscht dann nicht mehr den Menschen, der Mensch gebraucht sie nach Maß. In dieser Ordnung erhält der Körper seine rechte Stellung, und der Wille gewinnt Freiheit gegenüber den Trieben.

Und die Kirche hat diese Übung nie als Selbstzweck verstanden. Fasten gehört zu den alten Wegen der geistlichen Disziplin, die das Leben ordnen und den Menschen zur inneren Wachsamkeit führen. Darum verlangt es auch Klugheit und Maß. Denn sowohl Dauer als auch Intensität des Fastens müssen der Kraft des Leibes entsprechen. Ein überforderter Körper verliert seine Fähigkeit zum Dienst, und auch das geistliche Leben leidet darunter. Die asketische Übung hat ihren Sinn dort, wo sie den Menschen ordnet und stärkt, nicht dort, wo sie ihn erschöpft.

So zeigt sich das rechte Maß des Fastens: Der Leib wird gezügelt, der Wille gefestigt, und das Leben des Menschen gewinnt jene Ordnung, in der er frei wird für Gott.

Prüfung des Menschen

Freiwillige Entbehrung offenbart, was das Herz liebt. Ein Mensch, der auf Brot verzichtet, kann dennoch voll sein von sich selbst; ein anderer lebt einfach und findet Freiheit, weil sein Wille nicht mehr von der Begierde beherrscht wird. Darum liegt die Entscheidung des Fastens nicht im Magen, sondern im Herzen.

Der Körper verlangt nach Nahrung, die Seele verlangt nach Gott. Der eine Hunger vergeht mit dem Mahl, der andere bleibt unruhig, bis er Ruhe findet. Fasten führt den Menschen an diese Grenze: Entweder bleibt er bei sich selbst stehen, oder er richtet sich auf den, der allein das Herz stillen kann: Gott.

Spendenkonto

Priesterausbildungshilfe e. V.
IBAN: DE20 3705 0198 1930 3223 65
BIC: COLSDE33XXX

Letzte Beiträge: