Die Lüge als Gewohnheit – Fasten beginnt mit der Wahrheit

Viele Christen verstehen Fasten als Frage des Essens. Weniger Fleisch, weniger Genuss, vielleicht ein bewusstes Opfer. Diese Vorsätze sind nicht falsch. Auf keinen Fall. Sie greifen jedoch oft zu kurz.

Die Kirche kennt eine strengere und tiefgreifende Prüfung. Sie betrifft nicht den Magen, sondern den Mund. Denn die Zunge lügt leichter als der Körper sündigt. Der Mensch übertreibt, verschweigt, färbt eine Geschichte ein wenig anders, damit sie besser klingt. Am Ende glaubt man sogar selbst an das Bild, das man von sich gezeichnet hat.

Mit der Zeit entsteht eine Atmosphäre, in der Wahrheit unbequem wirkt und Verstellung normal erscheint. Die Fastenzeit stellt daher eine unangenehme Frage: Leben wir wirklich in der Wahrheit?

Das Fasten der Zunge

Man kann vierzig Tage auf Fleisch verzichten und gleichzeitig täglich kleine Unwahrheiten sprechen. Man kann äußerlich fasten und innerlich eine Gewohnheit pflegen, die das Herz verformt. Genau darum geht es beim Fasten der Zunge.

Die Heilige Schrift spricht über die Zunge mit einer Klarheit, die viele moderne Christen überrascht. Der Apostel Jakobus beschreibt sie nicht als kleines moralisches Problem, sondern als zerstörerische Kraft: „So ist auch die Zunge nur ein kleines Körperglied und rühmt sich großer Dinge. Und siehe, wie klein kann ein Feuer sein, das einen großen Wald in Brand steckt. Auch die Zunge ist ein Feuer, eine Welt voll Ungerechtigkeit. Die Zunge ist es, die den ganzen Menschen verdirbt und das Rad des Lebens in Brand setzt“ (Jak 3,5–6). Das Bild ist sehr konkret. Ein Funke genügt, um eine ganze Landschaft zu verwüsten. Genau so funktionieren viele Lügen.

Das Gefährliche an ihr: Sie erscheint selten als großes Verbrechen. Sie wächst im Gewöhnlichen. Eine Geschichte wird leicht übertrieben, damit sie interessanter wirkt. Ein Fehler wird verschwiegen, damit das eigene Ansehen nicht leidet. Ein Gerücht wird weitererzählt, weil es spannend klingt. Nach einiger Zeit gilt die Lüge dann als Tatsache und wird zur Gewohnheit des Sprechens.

Die klösterliche Tradition der Kirche hat dieses Problem früh erkannt. Der heilige Benedikt von Nursia spricht in seiner Regel über das Schweigen mit erstaunlicher Strenge: „Wenn man der Schweigsamkeit zulieb bisweilen selbst von guter Rede lassen soll“ (Regula Benedicti, Kapitel 6). Das wirkt radikal. Benedikt kennt jedoch eine einfache Wahrheit: Wer ständig redet, verliert die Kontrolle über das eigene Wort. Gespräche werden leichtfertig, Aussagen ungenau und Urteile schnell gefällt.

Darum beginnt Askese bei der Sprache. Der Mensch prüft seine Worte. Wissen wir wirklich, was wir behaupten? Haben wir alles überprüft, was zu prüfen möglich war? Oder wiederholen wir nur etwas, was wir gehört haben? Wenn wir lügen, machen wir das mit einer Absicht. Wir täuschen andere und uns selbst, obwohl unser eigenes Herz etwas anderes denkt. Übertreibung, beschönigte Geschichten, bewusst weggelassene Details. Der Mensch weiß, dass die Darstellung nicht stimmt, spricht sie dennoch aus.

Hier beginnt das Fasten der Zunge. Der Christ verzichtet auf die Gewohnheit der eingeschlichenen Lüge im eigenen Sprechen.

Zeitalter der Selbstdarstellung

Die Gegenwart hat eine neue Form der Unwahrheit hervorgebracht. Digitale Kommunikation lebt von Bildern und kurzen Botschaften. Jeder kann sein eigenes öffentliches Profil gestalten.

Ein typisches Beispiel lässt sich auf vielen Plattformen beobachten. Man dokumentiert seine Reisen, beruflichen Erfolge und glücklichen Momente. Schwierigkeiten, Misserfolge und Schlechtes erscheinen kaum. Die Darstellung erzeugt ein glattes Bild des eigenen Lebens, wie ein dauerhaft gelungenes Leben. Viele wissen, dass dieses Bild nicht vollständig ist. Dennoch gewöhnt sich der Mensch daran, sich selbst auf diese Weise darzustellen. Und das verändert die Wahrnehmung. Wer ständig ein idealisiertes Bild von sich selbst zeigt, beginnt oft, dieses Bild auch innerlich zu übernehmen. Kritik wird abgewehrt und Schwächen werden verdrängt. Das ist genau das, was man als Selbsttäuschung beschreibt. Der Mensch sieht sich nicht mehr realistisch und erkennt deshalb keine Notwendigkeit zur Veränderung. Damit verschwindet leider auch die Grundlage jeder Umkehr.

Denn oft ist es doch so: Wir lieben die Wahrheit, wenn sie uns erleuchtet. Aber wir hassen sie, wenn sie uns bloßstellt. Eine Erfahrung, die jeder kennt. Wahrheit wird gerne akzeptiert, solange sie angenehm bleibt. Sobald sie das eigene Verhalten infrage stellt, entsteht innerer Widerstand.

Gerade deshalb besitzt die Fastenzeit eine wichtige Funktion. Sie zwingt den Menschen zu einer ehrlichen Prüfung. Fasten bedeutet nicht nur Verzicht auf Nahrung oder Gewohnheiten. Es bedeutet auch Verzicht auf Selbstinszenierung. Wo stelle ich mich besser dar, als ich wirklich bin? Wo erzähle ich Geschichten, die mein Bild verbessern? Wo verschweige ich Tatsachen, die unangenehm wirken?

Diese Fragen können unbequem sein. Genau darin liegt aber ihr Wert.

Wahrheit als Bußweg

Die christliche Tradition verbindet Buße immer mit Wahrheit. Umkehr beginnt in dem Moment, in dem man die Wirklichkeit akzeptiert. Denn „die Wahrheit wird euch befreien“ (Joh 8,32), weil nur die Wahrheit jede Täuschung beendet. Ein Mensch muss keine Rolle mehr spielen, keine Inszenierung verteidigen und keine Geschichten erfinden.

Das Fasten der Zunge gehört deshalb zu den ernsthaftesten Formen der Buße. Wer in der Fastenzeit beginnt, seine Worte zu prüfen, entdeckt schnell eine ungewohnte Klarheit. Gespräche werden dann ruhiger, Urteile vorsichtiger gefällt und die eigenen Aussagen präziser.

Die Wahrheit schafft eine Freiheit, die keine Lüge und Inszenierung braucht. Und genau darin liegt eine der tiefsten Übungen der Fastenzeit: sich der Wahrheit zu stellen, sie anzunehmen und aus ihr zu leben.

Spendenkonto

Priesterausbildungshilfe e. V.
IBAN: DE20 3705 0198 1930 3223 65
BIC: COLSDE33XXX

Letzte Beiträge: