
Die Karwoche beginnt bald. Wir erinnern uns an das Leiden Christi. Aber auch Maria steht unter dem Kreuz. Die Evangelien berichten, dass sie Zeugin war, als ihr Sohn litt, dass sie sah, wie Sein Fleisch durchbohrt, Seine Hände und Füße durch Nägel fixiert wurden und aus Seiner Seite Blut und Wasser flossen (Joh 19,25–27).
Das Leiden Christi steht nicht für sich allein. Maria verharrt nicht untätig: Durch ihre Gegenwart erhält das Leiden ihres Sohnes eine sakramentale Dimension. Sie trägt es in geordneter Treue, als Gehorsame, die Teil der Heilsgeschichte ist. Ihre Rolle gehört wesentlich zur Passion, und ihr Mittragen steht im Zusammenhang damit, dass das Opfer Christi bis heute in der Geschichte wirksam ist.

Mittragen des Leidens
Maria erlebt das Leiden Christi in unmittelbarer Nähe, und ihr Mittragen geht über bloßes Beobachten hinaus. In jedem Schlag, in jedem Stich des Kreuzes ist ihr Mutterherz getroffen. Dieses Mittragen erschöpft sich nicht im Gefühl. Ihre Gegenwart hat sakramentalen Charakter: In ihrem Mitleiden wird die menschliche Dimension der Erlösung sichtbar, die zu diesem Geschehen gehört.
Ein Einwand könnte lauten, ihre Gegenwart habe keine Bedeutung, da Christus die Welt erlöst. Doch Marias Mittragen besitzt Gewicht. Christus erlöst als wahrer Gott und wahrer Mensch. Sein Opfer genügt durch seine göttliche Person. Dieses Opfer vollzieht sich jedoch in der menschlichen Natur und tritt in der Geschichte in Erscheinung. Die menschliche Dimension kann am Kreuz nicht abstrakt bleiben, da sie sich nur in konkreten Beziehungen zeigt: im Leib, den Jesus von Maria empfangen hat, und in den Menschen, die an Seinem Leben Anteil haben.
Marias „Ja“ bei der Verkündigung (Lk 1,38) hat die Menschwerdung ermöglicht. Ohne diese konkrete Zustimmung gäbe es keine angenommene menschliche Natur Christi. Am Kreuz setzt sich diese Linie fort: Diejenige, die Ihm den Leib gegeben hat, ist anwesend, als dieser Leib geopfert wird. Sie steht dort, während die Jünger verstreut sind (vgl. Mt 26,56).
Die Erlösung geschieht nicht außerhalb der menschlichen Geschichte. Daraus ergibt sich die Aussage über die Beteiligung des Menschen am Erlösungswerk. Gemeint ist nicht, dass Christus Hilfe zur Erlösung benötigt. Gemeint ist, dass Gott als personale Liebe den Menschen in Sein Handeln einbezieht, damit es in ihnen wirksam wird. Maria stellt den ersten konkreten Fall dieser Einbeziehung dar. In ihr zeigt sich, wie ein Mensch ganz in Gottes Handeln eintritt: durch Zustimmung und Treue innerhalb seines Werkes.
Sie steht am Kreuz, als Jesus Seine letzten Worte spricht. In diesem Moment wird ihr Herz durchbohrt – wie Simeon es vorausgesagt hatte (Lk 2,35). Dieses Durchbohrtsein zeigt die innere Zugehörigkeit zu diesem Geschehen. Von Anfang an gehört sie zum göttlichen Plan. Marias Gehorsam steht im Gegensatz zum Ungehorsam der ersten Eva: Wo Eva durch die Abwendung vom Willen Gottes den Weg der Sünde eröffnet, bleibt Maria im Gehorsam und hält am Wort Gottes fest. Am Anfang der Schöpfung steht eine Frau, durch deren Handeln der Fall eintritt. Am Beginn der Erlösung steht erneut eine Frau, die das Wort Gottes annimmt und daran festhält – auch unter dem Kreuz. Ihr Gehorsam zeigt sich nicht nur in der Zustimmung bei der Verkündigung, sondern im Ausharren bis zum Ende. So wird der Anfang der Heilsgeschichte zur Vollendung geführt.

Maria als Bild der Kirche
Maria steht am Kreuz nicht nur als einzelne Person. Ihre Stellung hat Bedeutung für die ganze Kirche. Die Kirche wird „Leib Christi“ genannt (1 Kor 12,27). Damit ist gemeint, dass die Gläubigen zu Christus gehören und Anteil an Seinem Leben haben. Was Christus erleidet, bleibt daher nicht auf Ihn beschränkt, es betrifft auch die, die zu Ihm gehören. Maria steht unter dem Kreuz genau in dieser Beziehung: Sie gehört zu Ihm und bleibt bei Ihm, während Sein Leiden geschieht.
Die Szene zeigt dies konkret. Die Soldaten teilen die Kleider Jesu, die Umstehenden sehen zu, einige verspotten Ihn (Joh 19,23–24; Mt 27,39). In dieser Situation steht Maria. Sie greift nicht ein, sie flieht nicht, sie stellt sich dem Geschehen. Ihr Verhalten besteht darin, dass sie das Leiden Christi annimmt und bei Ihm bleibt. Sie weicht nicht, bis ihr der Leichnam in die Arme gelegt wird (vgl. Joh 19,38–40). Darin liegt ihre Bedeutung: Sie zeigt, wie ein Mensch zu Christus steht, auch wenn Sein Weg durch Leiden führt.
Die Bezeichnung Marias als Bild der Kirche meint genau das. Die Kirche hat nicht nur von Christus zu sprechen, sie hat bei Ihm zu bleiben, auch dort, wo Sein Weg für sie schwer wird. Das Mittragen des Kreuzes bedeutet konkret, dass der Glaube nicht aufgegeben wird, wenn Leiden eintritt, wenn andere Ihn verraten und verleumden (vgl. Mt 26,69–75). Maria macht sichtbar, wie Kirche in Zeiten der Verzweiflung und des Leidens bestehen muss, da sie in der entscheidenden Stunde standhält.
Darum besitzt ihr Verhalten bleibende Bedeutung für die Kirche. Maria ist Modell für die Kirche: Die Aufgabe, das Leiden Christi aufzunehmen, zu verstehen und zu leben, gehört zur konkreten kirchlichen Existenz.

Vom Kreuz zur Treue
Am Kreuz zeigt sich, was christlicher Glaube ist. Nicht das Bekenntnis in ruhigen Zeiten, nicht das Verstehen der Worte Jesu, entscheidend ist das Bleiben bei Ihm, wenn Sein Weg unverständlich und leidvoll erscheint. Maria steht dort, wo Erwartungen zerbrechen. Der Messias stirbt wie ein Verurteilter. Die Verheißung scheint widerlegt. Genau an diesem Punkt erweist sich ihr Glaube.
Damit stellt Maria eine Frage an die Kirche, die sich nicht umgehen lässt. Es genügt nicht, das Kreuz zu verehren oder zu erklären. Entscheidend ist, ob man bleibt, wenn das Kreuz konkret wird – in der Gemeinschaft oder im eigenen Leben. Die Jünger sind geflohen, obwohl sie alles gehört hatten. Maria bleibt. Ihr Verhalten beweist, dass die echte Nähe zu Christus sich gerade dort entscheidet, wo Sein Weg durch Leiden führt.
Das Kreuz also zeigt, dass Gottes Handeln den Menschen einbezieht. Es fordert zur Stellungnahme heraus. Und es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder man bleibt bei Christus, oder man weicht aus. Diese Entscheidung bleibt bestehen.


