Magazin

Hat wirklich jeder Mensch einen Schutzengel?

Hat wirklich jeder Mensch einen Schutzengel? Bibel und katholische Lehre geben eine klare Antwort – und zeigen, wie Schutzengel wirken, was sie können und wo ihre Grenzen liegen.

L
Lukasz Holfeld
10 min Lesezeit
Bernardo Strozzi – Der Schutzengel
Wikimedia Commons Bernardo_Strozzi_-_The_Guardian_Angel_-_Google_Art_Project 02.10.2026

Am 2. Oktober feiert die katholische Kirche das Fest der Heiligen Schutzengel. Viele kennen den Schutzengel noch aus dem eigenen Kinderzimmer: Ein Kind läuft über eine schmale Brücke, hinter ihm wacht ein Engel mit großen Flügeln. Dann wird man erwachsen – und mit dem Bild verschwindet oft auch der Schutzengel.

Dabei hat die Kirche die Schutzengel nie ins Kinderzimmer verbannt. Der Katechismus spricht davon, dass Engel das menschliche Leben „von der Kindheit bis zum Tod“ mit ihrer Hut und Fürbitte umgeben (KKK 336).

Doch gilt das wirklich für jeden? Hat auch derjenige einen Schutzengel, der nicht getauft ist, nicht glaubt oder sich von Gott abgewandt hat? Kurz gesagt: Hat wirklich jeder Mensch einen Schutzengel? Und wenn ja: Was tut dieser Engel?

Pietro da Cortona – Der Schutzengel
Wikimedia Commons Cortona_Guardian_Angel_01 02.10.2026

Schutzengel in der Bibel und katholischen Lehre

Die klassische katholische Antwort lautet: Ja. Der heilige Thomas von Aquin beantwortet die Frage ohne große Umwege: „Jeder einzelne Mensch habe einen Engel zum Schutze erhalten“ (Summa theologiae I, q. 113, a. 2).

Thomas beruft sich dabei auf den heiligen Hieronymus. Dieser schreibt in seinem Kommentar zum Matthäusevangelium: „Groß ist die Würde der Seele, daß eine jede von dem Augenblicke der Geburt an einen Engel als Schützer zugeteilt erhalten hat“ (Hieronymus, Commentarium in Matthaeum III, zu Mt 18,10; zitiert bei Thomas von Aquin, Summa theologiae I, q. 113, a. 2).

Das ist entscheidend. Der Schutzengel wird dem Menschen nach Thomas nicht erst bei der Taufe gegeben. Er unterscheidet ausdrücklich zwischen dem Schutz, der dem Menschen als vernunftbegabtem Wesen zukommt, und der besonderen Hilfe, die mit der christlichen Gnade bei der Taufe verbunden ist. Über den Beginn des persönlichen Schutzes schreibt er: „Was aber die göttliche Vorsehung dem Menschen verlieh, weil er eine vernünftige Seele hat, das beginnt wirksam zu sein mit der Geburt; und dazu gehört der Schutz von Seiten der Engel“ (Summa theologiae I, q. 113, a. 5).

Damit fällt auch der Nichtgläubige nicht aus Gottes Fürsorge heraus. Thomas behandelt ausdrücklich den Einwand, Ungläubige seien des Schutzes der Engel nicht würdig. Seine Antwort lautet, dass sie zwar eines besonderen Schutzes wegen ihres Unglaubens beraubt sein können, ihnen der allgemeine Schutz jedoch nicht entzogen wird. (Summa theologiae I, q. 113, a. 4)

Die biblische Grundlage findet sich besonders deutlich im Matthäusevangelium. Jesus warnt davor, die Kleinen gering zu achten: „Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters“ (Mt 18,10).

Man liest leicht darüber hinweg. Die Formulierung „ihre Engel“ ist aber wichtig. Christus spricht nicht nur allgemein von Engeln. Er bringt die Engel mit konkreten Menschen in Verbindung. An dieser Stelle setzt später Hieronymus mit seiner Auslegung vom Engel an, der dem Menschen „von dem Augenblicke der Geburt an“ zum Schutz zugewiesen ist.

Ein ähnliches Bild begegnet im Psalm 91: „Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen. Sie tragen dich auf Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt“ (Ps 91,11–12).

Der Schutz kommt von Gott; die Engel stehen in Seinem Dienst. Der Psalm zeigt allerdings auch, wie leicht man den Schutz der Engel falsch verstehen kann. Bei der Versuchung Jesu zitiert ausgerechnet der Teufel diesen Psalm: „Seinen Engeln befiehlt er um deinetwillen, und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt“. Jesus antwortet: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen“ (Mt 4,6–7). Vertrauen auf Gottes Schutz bedeutet also nicht, sich leichtfertig in Gefahr zu bringen und anschließend ein Wunder zu erwarten.

Noch persönlicher wird es in der Apostelgeschichte. König Herodes hat Petrus ins Gefängnis werfen lassen. In der Nacht vor dem geplanten Prozess erscheint plötzlich ein Engel: „Er stieß Petrus in die Seite, weckte ihn und sagte: Schnell, steh auf! Da fielen die Ketten von seinen Händen“ (Apg 12,7). Petrus folgt dem Engel aus dem Gefängnis. Zunächst hält er das Ganze selbst für eine Vision. Erst draußen, nachdem der Engel ihn verlassen hat, kommt er zu sich und erkennt, dass Gott ihn tatsächlich befreit hat (vgl. Apg 12,9–11).

Nach seiner Befreiung geht Petrus zum Haus der Maria. Die Magd Rhode erkennt Petrus an seiner Stimme – öffnet ihm vor lauter Freude aber nicht einmal das Tor. Stattdessen läuft sie hinein und ruft den anderen zu, Petrus stehe draußen. Die halten sie zunächst für verrückt. Rhode bleibt jedoch dabei. Darauf antworten sie: „Es ist sein Engel“ (Apg 12,12–15).

Die Versammelten glauben Rhode nicht, dass Petrus selbst vor der Tür steht. Die Möglichkeit, es könne „sein Engel“ sein, erscheint ihnen dagegen offenbar keineswegs absurd. Lukas erklärt die Formulierung auch nicht weiter. Dass ein Engel einem bestimmten Menschen zugeordnet ist, war den dort versammelten Christen offenbar eine völlig vertraute Vorstellung.

Der katholische Katechismus nimmt die biblische und kirchliche Tradition auf und zitiert dabei den heiligen Basilius: „Einem jeden der Gläubigen steht ein Engel als Beschützer und Hirte zur Seite, um ihn zum Leben zu führen“ (Basilius der Große, Adversus Eunomium III, 1; zitiert in KKK 336).

Dieser letzte Halbsatz führt zum eigentlichen Sinn des Schutzengels. Sein Auftrag erschöpft sich nicht darin, uns vor einem Sturz, einer Krankheit oder einem Unfall zu bewahren. Er soll den Menschen zum Leben führen – und damit letztlich zu Gott.

Marcantonio Franceschini – Der Schutzengel
Wikimedia Commons Franceschini,_Marcantonio_-_The_Guardian_Angel_-_Google_Art_ProjectFXD 02.10.2026

Was tut unser Schutzengel – und was tut er nicht?

Engel erscheinen heute gern als Glücksbringer, Energiewesen oder unsichtbare Wunscherfüller. Man gibt ihnen erfundene Namen, schreibt ihnen bestimmte Farben zu oder erwartet geheime Botschaften von ihnen.

Die katholische Lehre zeichnet ein anderes Bild. Engel sind geistige Geschöpfe: „Insofern sie Geschöpfe geistiger Natur sind, sind die Engel mit Verstand und freiem Willen begabt, wie der Mensch“ (Johannes Paul II., Generalaudienz vom 6. August 1986, Nr. 3). Der Schutzengel steht dabei im Dienst Gottes. Schon der Hebräerbrief beschreibt die Engel als „dienende Geister, ausgesandt, um denen zu helfen, die das Heil erben sollen“ (Hebr 1,14).

Doch wie kann ein Schutzengel überhaupt auf einen Menschen einwirken?

Unterstützen Sie uns

Schenken Sie Berufungen eine Zukunft

Die Priesterausbildungshilfe fördert die Ausbildung von Priestern – besonders dort, wo die Mittel knapp sind. Jede Spende kommt direkt der Ausbildung zugute.

Auch hier ist es der heilige Thomas von Aquin, der sich genau mit dieser Frage beschäftigt hat. Den menschlichen Willen kann ein Engel nicht von innen beherrschen: „Und deshalb ist, was vom Willen allein abhängt oder was im Willen allein sich vorfindet, nur Gott bekannt“ (Summa theologiae I, q. 111, a. 2) Ein Engel kann dagegen von außen auf den Menschen einwirken und ihn zum Guten überreden; unser Wille bleibt frei, zuzustimmen oder zu widerstehen (Summa theologiae I, q. 57, a. 4).

Auch auf die Vorstellungskraft kann ein Engel nach Thomas einwirken. Ein guter wie ein böser Engel kann kraft seiner Natur die Vorstellungskraft des Menschen bewegen (Summa theologiae I, q. 111, a. 3). Konkret heißt das: Der Schutzengel kann unsere Erkenntnis unterstützen, uns auf etwas aufmerksam machen und uns zum Guten bewegen. Die Entscheidung nimmt er uns nicht ab.

Der Schutzengel hebt unsere Freiheit also nicht auf. Er begleitet einen freien Menschen. Deshalb kann man auch mit Schutzengel sündigen. Und der Engel? Er verschwindet nicht beleidigt. Sogar diese Frage behandelt Thomas ausdrücklich. Der Schutzengel verlässt den Menschen auch wegen der Sünde nicht völlig; selbst wenn Gott zeitweise zulässt, dass der Mensch einer Prüfung ausgesetzt wird, bleibt die göttliche Vorsehung bestehen. (Summa theologiae I, q. 113, a. 6)

Gottes Fürsorge endet nicht beim ersten Fehltritt. Der Schutzengel begleitet keinen bereits vollkommenen Heiligen. Er begleitet einen Menschen, der stolpert, zweifelt, sündigt, wieder aufsteht und manchmal denselben Fehler zum zehnten Mal macht. Also ziemlich genau solche Leute wie uns.

Bleibt eine schwierige Frage: Wenn jeder Mensch einen Schutzengel hat, warum passieren dann schlimme Dinge?

Wir werden krank, haben Unfälle, verlieren geliebte Menschen und sterben – manchmal alles andere als friedlich. Schutz kann im christlichen Sinn deshalb nicht heißen: Mir wird schon nichts Leidvolles passieren. Das zeigt ausgerechnet die Apostelgeschichte sehr deutlich. Petrus wird durch einen Engel aus dem Gefängnis befreit. Seine Ketten fallen ab, die Türen öffnen sich und er gelangt ins Freie (Apg 12,6–11). Doch im selben Kapitel lesen wir über Jakobus, den Bruder des Johannes: „Jakobus, den Bruder des Johannes, ließ er mit dem Schwert hinrichten“ (Apg 12,2). Bei Petrus greift ein Engel sichtbar ein. Jakobus stirbt.

Warum Gott den einen aus einer konkreten Gefahr rettet und beim anderen den Tod zulässt, beantwortet die Schrift an dieser Stelle nicht. Gerade deshalb dürfen wir den Schutzengel nicht zu einer Garantie gegen Krankheit, Leid oder Tod machen. Sein Auftrag reicht weiter als die Bewahrung unseres irdischen Lebens.

Manche Menschen erzählen von einem Augenblick, in dem sie plötzlich stehen geblieben sind, einen anderen Weg genommen haben oder einer Gefahr nur knapp entgangen sind. War das der Schutzengel? Möglich. Sicher feststellen lässt sich das meist nicht. Das kirchliche Direktorium warnt ausdrücklich davor, alltägliche Ereignisse „schematisch“ zu deuten und Erfolge kurzerhand dem Schutzengel zuzuschreiben (Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Direktorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie, 2001, Nr. 217).

Und auch sonst ist der Schutzengel kein kleiner Gott an unserer Seite. Engel sind Geschöpfe und besitzen deshalb keine göttliche Allwissenheit. Ihr Verstand und ihr Wille bestehen „auf endliche Weise infolge der Grenzen, die allen Geschöpfen eigen sind“ (Johannes Paul II., Generalaudienz vom 6. August 1986, Nr. 3).

Auch unsere geheimsten Gedanken stehen ihnen nicht einfach offen. Noch einmal Thomas: „Die Herzensgedanken (können) in doppelter Weise erkannt werden“ (Summa theologiae I, q. 57, a. 4). Anschließend unterscheidet er zwischen dem, was sich aus äußeren Wirkungen erkennen lässt, und dem unmittelbaren Erkennen des inneren Willens. Letzteres ist Gott vorbehalten (Summa theologiae I, q. 57, a. 4).

Darum wird ein Schutzengel auch nicht angebetet. Anbetung gebührt Gott allein. Die Offenbarung macht diese Unterscheidung sehr deutlich. Als Johannes vor einem Engel niederfallen will, weist dieser ihn zurück: „Tu das nicht! Ich bin nur ein Mitknecht wie du und deine Brüder (…) Gott bete an!“ (Offb 22,9)

Das schließt jedoch nicht aus, den Schutzengel anzurufen und um seinen Beistand zu bitten. Die Kirche kennt eine lange Tradition solcher Schutzengelgebete. Das vatikanische Direktorium nennt ausdrücklich das alte Angele Dei und erklärt, dieses Gebet sei „in vielen Familien Teil des Morgen- und Abendgebets“ (Direktorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie, Nr. 216)

Viele haben ein Schutzengelgebet als Kinder gelernt und irgendwann aufgehört, es zu sprechen. Dabei gibt es auch im Erwachsenenleben genug Situationen, in denen wir um seine Begleitung bitten können: vor einer Reise, in einer Versuchung oder bei einer schwierigen Entscheidung. Dabei bitten wir den Engel um den Beistand, zu dem Gott ihn beauftragt hat.

Dafür braucht es keine geheimen Namen und keine vermeintlichen Botschaften aus der Engelwelt. Hier wird das Direktorium ungewöhnlich deutlich: „Es muss auch der Gewohnheit widersprochen werden, den Engeln bis auf Michael, Gabriel und Rafael besondere Namen zu geben, welche angeblich schon in der Schrift enthalten sind“ (Direktorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie, Nr. 217).

Katholische Engelfrömmigkeit bleibt damit auf Gott bezogen. Der Engel begleitet, schützt und führt zum Guten. Er nimmt uns die Freiheit nicht ab und stellt sich nicht zwischen Gott und den Menschen. Sein Dienst führt zu Gott.

Domenico Fetti – Der Schutzengel beschützt ein Kind
Wikimedia Commons Domenico_Fetti_-_The_Guardian_Angel_Protecting_a_Child_from_the_Empire_of_the_Demon_-_WGA7849 02.10.2026

Ein Begleiter bis zum letzten Weg

Vielleicht zeigt sich die Bedeutung der Schutzengel nirgends schöner als dort, wo das menschliche Leben seinem Ende entgegengeht. Die Kirche lässt die Engel auch an dieser Schwelle nicht verschwinden.

In der Begräbnisliturgie beten wir: In paradisum deducant te angeli – zum Paradies mögen Engel dich geleiten. Der Gedanke, der beim Kind auf der kleinen Schutzengelkarte beginnt, reicht damit bis zum Grab. Der Engel begleitet den Menschen auf seinem Weg zu Gott.

Von der Kindheit bis zum Tod.

Von der Kindheit bis zum Tod. Der Schutzengel gehört nicht nur zu den ersten Gebeten unseres Lebens. Die Kirche vertraut auf seine Begleitung bis zu unserem letzten Weg – zu Gott.

L

Über Lukasz Holfeld

Redakteur / Autor bei der Priesterausbildungshilfe.

Bleiben Sie auf dem Laufenden

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter und erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten aus Kirche und Gesellschaft direkt in Ihr Postfach.

Völlig kostenlos. Abmeldung jederzeit mit einem Klick möglich.

Kommentare (0)

Du kannst auch als Gast kommentieren. Wir senden dir eine E-Mail zur Bestätigung; danach wird dein Kommentar von der Redaktion geprüft.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentare werden geladen...

Bleiben Sie auf dem neuesten Stand – melden Sie sich für unseren Newsletter an

Hat jeder Mensch einen Schutzengel? | Katholische Lehre | Priesterausbildungshilfe e.V.