Den Auferstandenen sehen – Das Problem des Nichterkennens

Mehrfach berichten die Evangelien, dass die Frauen und Jünger Jesus nach der Auferstehung sehen und Ihn trotzdem nicht erkennen. Maria von Magdala hält Ihn zunächst für den Gärtner (Joh 20,14–15). Zwei Jünger gehen mit Ihm nach Emmaus und merken lange nicht, wer bei ihnen ist (Lk 24,16). Am See von Tiberias steht Jesus am Ufer, und die Jünger erkennen Ihn erst später (Joh 21,4–7).
Ist es nicht seltsam? Sie alle kannten Jesus doch sehr gut. Sie hatten mit Ihm gelebt, gesprochen und gegessen. Der Herr ist ihnen nicht flüchtig bekannt.

Warum erkennen sie Jesus dann nicht direkt?

Der auferstandene Christus

Zuerst muss festgehalten werden, dass kein anderer vor den Jüngern steht als der Auferstandene selbst. Die Evangelien zeigen deutlich, dass Er derselbe ist, der gekreuzigt wurde. Die Wundmale sind sichtbar geblieben. Thomas wird sogar ausdrücklich eingeladen, sie zu berühren (Joh 20,27). Damit schließen die Evangelisten aus, dass der Auferstandene eine bloße Erscheinung ist oder es sich um ein inneres Erlebnis der Jünger handelt. Ein bis heute gezogener Vorwurf.

Gleichzeitig zeigt sich, dass der Leib des Auferstandenen nicht mehr den Bedingungen des gewöhnlichen menschlichen Lebens unterliegt. Jesus tritt durch verschlossene Türen (Joh 20,19). Er erscheint und verschwindet auf eine Weise, die sich nicht aus natürlichen Vorgängen erklären lässt (Lk 24,31).

Die theologische Erklärung dazu kommt vor allem von Thomas von Aquin. Er beschreibt in der Summa Theologiae (III, q. 54–56) den Zustand des auferstandenen Leibes. Dieser Leib bleibt wirklich materiell. Weil er aber von göttlicher Herrlichkeit durchdrungen ist, ist der auferstandene Leib jedoch nicht mehr Leid und Tod unterworfen und nicht mehr an die üblichen Grenzen von Raum und Bewegung gebunden. Die katholische Tradition nennt das den „verherrlichten Leib“.

Das ist entscheidend für das Verständnis: Es geht nicht um ein verändertes Aussehen im oberflächlichen Sinn. Das wäre nicht nur unlogisch, sondern auch fern von menschlicher Realität. Es geht um eine neue Weise zu existieren. Der Leib Christi ist real, aber Seine Gegenwart folgt nicht mehr den gewohnten Mustern, an die menschliche Wahrnehmung gebunden ist.

Das erklärt, warum die Jünger zögern oder sich irren. Ihr Blick ist noch auf die gewohnte Weise des Sehens eingestellt. Sie erwarten einen Menschen, der in den bekannten Formen auftritt. Der auferstandene Christus entspricht dieser Erwartung nicht mehr vollständig. Ein Beispiel macht das greifbar: In Joh 21 sehen die Jünger eine Person am Ufer. Aber halt nur das: da steht jemand. Was fehlt, ist die eindeutige Zuordnung. Allein durch ihre Augen kommen sie nicht zu der Einsicht: Dieser Jemand ist Jesus. Erst ein konkretes Handeln – der wunderbare Fischfang – führt zur richtigen Deutung.

Daraus folgt auch eine einfache, aber entscheidende Konsequenz für die menschliche Wahrnehmung an sich. Wir erkennen gewöhnlich durch feste Zuordnung dessen, was wir sehen. Was sich vor den Augen zeigt, wird in eine bekannte Ordnung eingeordnet: ein Körper ist dort, bewegt sich so, bleibt so usw. Diese Ordnung ist nicht zufällig, sondern die Grundlage natürlicher Erfahrung, die sich mit der Zeit sammelt. Wenn uns nun eine Wirklichkeit erscheint, die nicht mehr vollständig in eine Ordnung fällt, bleibt das Sehen unentschieden. Wir sehen dann nicht „falsch“, aber unser Sehen lässt die genaue Identifikation aus. Darum sehen die Jünger wirklich den Herrn. Aber die äußere Wahrnehmung zwingt sie nicht zur richtigen Identifikation. Das Sehen bleibt unterbestimmt, solange nicht ein weiterer Moment hinzutritt.

Gnade und Erkenntnis

Neben der veränderten Weise der Gegenwart Christi beschreibt das Evangelium einen zweiten, ebenso notwendigen Zusammenhang: Das Nicht-Erkennen liegt nicht nur an der äußeren Erscheinung des Auferstandenen selbst, sondern auch am inneren Zustand des Menschen: „Ihre Augen waren gehalten“ (Lk 24,16). Das Problem liegt nicht im Fehlen von Wahrnehmung. Der Grund liegt vielmehr im fehlenden Durchbruch vom Sehen zum Erkennen.

Bei den Jüngern ist der Kontext ziemlich deutlich: Sie leben nach dem Tod Jesu in einer erschütterten Erwartung. Ihr Bild vom Messias ist vom Grund aus erschüttert. Sie haben Angst vor Verfolgung der Gegner Jesu. Der Gedanke einer leiblichen Auferstehung ist ihnen überhaupt nicht vertraut, nicht eingeübt, nicht gegenwärtig als Möglichkeit. Sie rechnen nicht mit dem auferstandenen Herrn, der in verherrlichter Weise gegenwärtig ist.

In diesem Deutungshorizont stehen sie. Und was nicht erwartet wird, wird nicht erkannt, selbst wenn es vor den Augen steht.

Die Szene der Emmausjünger ist eine langsame Verschiebung des Verstehens. Christus spricht, legt die Schrift aus, und doch bleibt der eigentliche Durchbruch aus, bis eine konkrete Handlung geschieht: das Brotbrechen (Lk 24,30–31). Erst in diesem Moment erkennen die Jünger den Auferstandenen. Und es ist nichts Neues, was die Erkenntnis liefert, sondern eine Umordnung des bereits mehrmals Wahrgenommenen Brotbrechens Jesu. Am See von Tiberias ist die Struktur dieselbe: Die Jünger sehen eine Gestalt, sie hören dessen Anweisungen und erleben ein Zeichen im Fischfang (Joh 21,6–7). Erst dann entsteht die Erkenntnis.

Dasselbe zeigt sich bei Maria von Magdala. Am Grab steht sie unmittelbar vor Jesus. Ja, sie „sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war“ (Joh 20,14). Erst als Jesus sie beim Namen nennt – „Maria“ – erkennt sie Ihn (Joh 20,16). Mehr passiert nicht. Aber in diesem Moment ändert sich ihr Verständnis sofort. Vorher dachte sie noch, Er sei der Gärtner (Joh 20,15). Danach weiß sie genau: Das ist Jesus! Zwischen diesen beiden Wahrnehmungen liegt nichts anderes als das persönliche Ansprechen durch Jesus.

Wahrnehmung allein genügt also nicht. Auch Erinnerung allein genügt nicht. Ja sogar die Nähe allein genügt nicht. Das Gesehene bleibt unentschieden, solange es nicht von innen her bestimmt wird. Wir können die Wahrheit nicht aus uns selbst erkennen. Erst und nur dann, wenn wir insofern innerlich erleuchtet werden, können wir die Wahrheit sehen und wahrnehmen.

Übertragen auf die Osterberichte bedeutet das Folgendes: Die Jünger verfügen über alle äußeren Informationen – durch Sehen, Hören, Nähe und Erinnerung. Aber diese Daten ergeben kein eindeutiges Wissen, solange nicht Christus selbst die innere Ordnung der Erkenntnis herstellt. Erst Sein Wort, Sein Ruf, sein Handeln verschiebt die Wahrnehmung so, dass das zuvor Unbestimmte eindeutig wird, dass das Unbekannte erkannt wird und die Wahrnehmung zur Wahrheit gelangt.

Darum ist das Nicht-Erkennen kein bloßer Fehler der Sinne. Es ist die Offenbarung unserer menschlichen Grenze: Wir können Christus sehen, aber wir können Ihn nicht aus eigener Kraft als den Lebenden erkennen. Diese Erkenntnis liegt nicht in unserer Macht. Sie ist wirkliche Gnade des Auferstandenen selbst.

Teilnahme an der Wirklichkeit Christi

Der auferstandene Christus lebt. Seine Wirklichkeit übersteigt die gewohnte Erfahrung. Das gilt bis zum Ende aller Tage. Er ist gegenwärtig, derselbe, der gekreuzigt wurde und auferstanden ist. Und Christus lässt sich auch heute erkennen, wie Er sich einst den Jüngern zu erkennen gezeigt hat. Jedem auf seine Weise passend, ja maßgeschneidert für unser Inneres. Dabei lässt Christus keinen aus, aus dem einfachen Grund, weil „Er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2,4).

Uns miteingeschlossen.

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