Der heilige Christophorus – Der Mann, der Christus trug

Über das Leben des heiligen Christophorus ist erstaunlich wenig mit Sicherheit bekannt. Dennoch gehört er seit über fünfzehn Jahrhunderten zu den bekanntesten und meistverehrten Heiligen der katholischen wie auch der orthodoxen Kirche. Sein Bild schmückt Kirchen und Kapellen.

Bis heute tragen viele Menschen eine Christophorusmedaille bei sich oder haben eine kleine Plakette in ihrem Fahrzeug. Dargestellt ist ein kräftiger Mann, der ein Kind auf seinen Schultern durch einen reißenden Fluss trägt. Dieses eindrucksvolle Bild hat sich tief in das Gedächtnis der Christenheit eingeprägt. Doch was macht gerade diese Darstellung so außergewöhnlich, dass sie bis heute Gläubige auf der ganzen Welt begleitet?

Der größte Herr

Über das Leben des heiligen Christophorus ist nur wenig mit Sicherheit überliefert. Die Kirche verehrt ihn als Märtyrer, der vermutlich im 3. Jahrhundert in Kleinasien für seinen Glauben an Christus das Leben hingab. Bereits im 5. Jahrhundert wurde ihm in Chalkedon eine Kirche geweiht, und sein Name findet sich früh in den Martyrologien des Ostens. Vieles, was Christen heute mit Christophorus verbinden, stammt jedoch aus einer späteren Überlieferung. Am bekanntesten wurde sie im 13. Jahrhundert durch die Legenda Aurea des Dominikaners Jakobus de Voragine.

Die Legende erzählt von einem Mann von außergewöhnlicher Größe und Kraft. Sein ursprünglicher Name wird als Reprobus oder Offerus überliefert. Mit seiner Stärke hätte Christophorus ein angesehenes Leben führen können. Aber er suchte keinen Reichtum. Ihn beschäftigte nur eine Frage: Wer ist der mächtigste Herr der Welt? Ihm allein wollte er dienen.

Seine Suche führte ihn zunächst an den Hof eines Königs. Christophorus glaubte, sein Ziel gefunden zu haben. Der König schien über Menschen und Länder zu herrschen und niemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Eines Tages bemerkte Christophorus jedoch, dass der König beim Namen des Teufels erschrak. Das brachte ihn ins Nachdenken. Wie konnte der größte Herr einen anderen fürchten? Also verließ er den König und machte sich auf die Suche nach dem Teufel.

Nachdem er den Teufel gefunden hatte, trat Christophorus in dessen Dienst. Eine Zeit lang war er überzeugt, nun endlich den mächtigsten Herrn gefunden zu haben. Denn der Teufel schien Macht über viele Menschen zu besitzen. Eines Tages führte ihr Weg an einem Kreuz vorbei. Da machte der Teufel einen weiten Bogen darum. Christophorus wunderte sich und fragte nach dem Grund. Der Teufel gestand, dass er den Gekreuzigten fürchte und das Kreuz meide. Damit wurde Christophorus klar, dass auch der Teufel nicht der größte Herr sein konnte. Er verließ ihn und machte sich erneut auf den Weg. Auf die Suche nach diesem mächtigen Christus.

Nach langer Suche begegnete er einem Einsiedler. Dieser erzählte ihm von Christus und erklärte ihm, wie er Ihm dienen könne. Christophorus erwartete vielleicht eine große Aufgabe. Doch der Einsiedler schickte ihn an einen gefährlichen Fluss. Dort sollte er Reisenden helfen, das andere Ufer zu erreichen. Tag für Tag trug er Männer, Frauen, Kinder und alte Menschen durch die starke Strömung. Es war eine einfache Arbeit für den starken und großen Christophorus. Niemand bewunderte ihn dafür. An diesem Fluss sollte sich jedoch sein Leben für immer verändern.

Eines Tages, in der Nacht, kam ein kleiner Junge zu Christophorus und bat ihn, Ihn über den Fluss zu tragen. Der kräftige Mann setzte das Kind wie selbstverständlich auf seine Schultern und stieg ins Wasser. Die ersten Schritte fielen ihm leicht. Doch je weiter er in die Strömung hineinging, desto schwerer wurde das Kind. Bald musste er seine ganze Kraft aufbieten. Das Wasser drückte gegen seine Beine, und jeder weitere Schritt wurde zu einem mühsamen Kampf. Unzählige Male trug er Menschen auf die andere Seite. Mit seiner Größe und Stärke war das eine Leichtigkeit. Doch ausgerechnet ein kleiner Junge wurde zu einer so schweren Last, die Christophorus’ ganze Stärke überstieg. Noch nie hatte er eine solche Last getragen. Als er schließlich erschöpft das andere Ufer erreichte, glaubte er, die ganze Welt auf seinen Schultern getragen zu haben.

Am anderen Ufer sprach das Kind: „Christophorus, wundere dich nicht über die Schwere deiner Last. Du hast nicht nur ein Kind getragen. Du hast den getragen, der Himmel und Erde erschaffen hat.“ Erst jetzt erkannte Christophorus, dass Christus selbst auf seinen Schultern gesessen hatte. Deshalb erhielt er auch den Namen, unter dem ihn die Kirche bis heute verehrt: Christophorus, der „Christusträger“. Der kräftige Mann trägt den menschgewordenen Sohn Gottes auf seinen Schultern. Gleichzeitig wird ihm bewusst, dass Christus selbst die ganze Schöpfung trägt.

Die Legende erzählt damit vom Ende einer langen Suche. Christophorus hatte den mächtigsten Herrn der Welt gesucht. Er glaubte, ihn bei Königen und schließlich sogar beim Teufel zu finden. Christus begegnet Christophorus nicht als mächtiger König mit Krone und Heer. Er kommt als ein hilfsbedürftiges Kind. Dass dieses Kind diesen starken und großen Mann so klein und schwach wirken ließ, führte Christophorus zu der Erkenntnis, dass allein Christus Herr über Himmel und Erde ist. Er ist der Mächtigste, König aller Könige und Herrscher. Von da an gehörte sein Leben ganz Ihm. Seine außergewöhnliche Kraft stellte er in den Dienst Gottes und der Menschen. Wenig später erlitt Christophorus nach kirchlicher Überlieferung das Martyrium. Bis zum Tod blieb er seinem Herrn treu.

Patron der Reisenden

Die Verehrung des heiligen Christophorus verbreitete sich schon früh über die Grenzen Kleinasiens hinaus. Im Laufe der Jahrhunderte entstanden unzählige Kirchen, Kapellen und Altäre unter seinem Patrozinium. Vor allem entlang großer Handelsstraßen, an Brücken, Flussübergängen und Pässen begegnet sein Bild immer wieder. Reisende hielten dort inne, baten um seine Fürsprache und setzten ihren Weg im Vertrauen auf Gottes Schutz fort.

Aus dieser Verehrung entwickelte sich auch sein Patronat. Christophorus gilt bis heute als Schutzpatron der Reisenden, Pilger, Autofahrer, Seeleute und aller, die unterwegs sind. Seine Geschichte machte ihn zu einem Begleiter all jener, die sich auf den Weg machen. Deshalb tragen viele auch heute noch eine Christophorusmedaille oder bringen sein Bild in ihrem Fahrzeug an. Sie sind Ausdruck des Vertrauens, dass kein Weg ohne Gott gegangen wird und dass die Heiligen die Gläubigen mit ihrer Fürsprache begleiten.

Die große Beliebtheit des heiligen Christophorus erklärt sich jedoch nicht allein aus seinem Patronat oder seiner langen Verehrung. Seine Legende berührt einen, weil sie die menschliche Grundsuche schlechthin erzählt, die alle selbst kennen.

Folgen wir Christophorus auf seiner Suche noch einmal.

Der Heilige sucht den größten Herrn. Er will sein Leben nur dem widmen, der wirklich über allen anderen steht. Hinter dieser Suche verbirgt sich eine Frage, die bis heute nichts von ihrer Bedeutung verloren hat: Was besitzt in meinem Leben die höchste Autorität? Oder: Was ist das Beste für mich? Jeder von uns ordnet sein Leben einem letzten Maßstab unter. Für den einen sind es Macht und Erfolg, für den anderen Sicherheit, Besitz, Anerkennung oder Wissen. Was auch immer an die erste Stelle tritt, bestimmt das Denken, Handeln und die Entscheidungen. Mit anderen Worten: Jeder Mensch hat einen „Herrn“, dem er folgt und dient.

Die Legende lässt Christophorus nicht zufällig zuerst einem König begegnen. Schon immer übte politische Macht eine besondere Faszination auf den Menschen aus. Könige, Kaiser und Herrscher galten als die Mächtigsten ihrer Zeit. Und auch heute suchen viele die Antwort auf die großen Fragen des Lebens bei den Mächtigen dieser Welt. Politiker, wirtschaftliche Eliten, einflussreiche Persönlichkeiten oder öffentliche Meinungsführer beanspruchen, Orientierung zu geben und Zukunft zu gestalten. Die Gestalten haben sich geändert, die Versuchung ist dieselbe geblieben: Man neigt dazu, seine Hoffnung auf irdische Macht zu setzen bzw. auf die, die sie scheinbar im Überfluss besitzen.

Doch der König fürchtet den Teufel. In diesem Augenblick zerbricht sein Anspruch auf höchste Herrschaft. Eine Macht, die selbst Angst hat, kann nicht die größte Macht sein. Dieselbe Enttäuschung erleben bis heute viele. Sie folgen Personen, die Größe, Stärke und Orientierung versprechen. Doch irgendwann zeigt sich, dass ihre Größe nur Fassade ist. Auch sie kennen Angst, scheitern oder fallen. Und wer selbst keinen festen Grund hat, kann anderen keine letzte Orientierung geben. Christophorus tritt also folgerichtig in den Dienst des Teufels. Wenn selbst Könige ihn fürchten, muss seine Macht größer sein.

Zugegeben, das wirkt auf den ersten Blick komisch und erschreckend. Es ist jedoch keineswegs fern von unserer Wirklichkeit. Das Böse übt eine eigentümliche Anziehung aus. Immer wieder entsteht der Eindruck, Gewalt sei stärker als Liebe, Lüge erfolgreicher als Wahrheit und Unrecht mächtiger als Gerechtigkeit. Gegen jede Behauptung zum Trotz: Das Böse, der Teufel also, besitzt Macht. Warum sollten Menschen seinen Versuchungen überhaupt sonst folgen? Denn nicht wenige dienen ihm unbewusst oder bewusst, weil das Böse ihnen Freiheit, Erfolg und Selbstverwirklichung verspricht. Sie glauben, auf der Seite des Stärkeren zu stehen. Die Heilige Schrift bezeichnet ihn nicht ohne Grund als den „Herrscher dieser Welt“ (Joh 12,31). Mag seine Macht jedoch wirklich sein, auch sie ist nicht grenzenlos.

Die Legende führt deshalb zum entscheidenden Wendepunkt. Als der Teufel vor dem Kreuz zurückweicht, fällt seine Illusion. So ist es auch oft: Das Böse lebt davon, größer zu erscheinen, als es ist. Irgendwann fällt diese Maske. Menschen erkennen, dass Gewalt neue Gewalt hervorbringt, Lüge weiteres Misstrauen schafft und Sünde niemals den Frieden schenkt, den sie versprochen hat. Das erkennt auch Christophorus. Derjenige, der mächtiger erschien als ein König, fürchtet selbst einen anderen. Und es ist nicht irgendjemand. Vor Christus endet jede Macht des Bösen. Durch Sein Kreuz hat Christus Sünde, Tod und den Teufel besiegt. Das Kreuz, das Siegeszeichen Christi, lässt ihn immer zurückweichen.

Christophorus weiß nun, wonach er sucht. Er will dem Herrn dienen, vor dem selbst der Teufel weicht. Doch wer ist dieser Christus? Wie kann man Ihm dienen? Auf diese Fragen kennt er keine Antwort. Seine Suche führt ihn deshalb zu einem Einsiedler, der ihm von Christus erzählt und ihn im Glauben unterweist. Der Einsiedler erklärt ihm, dass Christus kein irdischer König ist. Ihm dient man nicht mit Waffen oder weltlicher Macht. Der Weg zu Ihm führt durch Glauben, Gebet und Fasten. Christophorus möchte diesem Herrn dienen, doch er kennt nur das Leben eines starken Mannes. Beten fällt ihm schwer, Fasten übersteigt seine Kräfte. Er bittet den Einsiedler deshalb um einen anderen Weg. Dieser erkennt seine Begabungen und schickt ihn an einen gefährlichen Fluss. Der Auftrag des Einsiedlers muss Christophorus enttäuscht haben. Er hatte den größten Herrn gesucht. Nun soll er nichts anderes tun, als Fremde über einen Fluss zu tragen. Keine große Tat, kein Ruhm und keine Macht. Stattdessen führt ihn sein Weg an einen einsamen Fluss, um dort Tag für Tag einen einfachen, unscheinbaren Dienst zu verrichten. Genau in dieser Treue im Kleinen, im Verborgenen, bereitet Gott ihn auf die größte Begegnung seines Lebens vor. Wer Christus wirklich dienen will, lernt es nicht zuerst in großen Worten oder Taten, sondern in der geduldigen Hingabe an das, was gerade vor einem liegt – und sei es noch so gering.

Als schließlich das Kind an den Fluss kommt und um Hilfe bittet, ahnt Christophorus nicht, wem er begegnet. Äußerlich unterscheidet sich dieser Auftrag in nichts von den unzähligen anderen zuvor. Doch je weiter er in die Strömung hineingeht, desto schwerer wird die Last. Darin liegt die tiefe Bedeutung seiner Begegnung: Christus zeigt sich nicht in Macht und Glanz. Der Herr verbirgt sich im Kleinen, im Hilfsbedürftigen, im scheinbar Unbedeutenden. Der starke und große Mann gerät an seine Grenzen – durch etwas scheinbar sehr Leichtes. Damit lehrt die Legende, dass menschliche Kraft, so groß sie auch sein mag, letztlich an Christus selbst zerbricht und zugleich in Seinem Dienst ihre eigentliche Erfüllung findet.

Die Worte des Kindes am anderen Ufer bringen die ganze Wahrheit ans Licht: Christophorus hat nicht nur ein Kind getragen, sondern den, der Himmel und Erde erschaffen hat. Damit schließt sich der Kreis seiner Suche. Der mächtigste Herr, den er bei Königen und beim Teufel gesucht hatte, war ihm die ganze Zeit über in der Gestalt eines hilfsbedürftigen Kindes begegnet. Möchte man Christus dienen, so muss man also zuerst lernen, Ihn dort zu erkennen, wo man Ihn am wenigsten vermutet: im Geringen, im Schwachen, im Nächsten, der Hilfe braucht.

Christusträger werden

Der heilige Christophorus trug ein Kind durch einen reißenden Fluss und ahnte nicht, wen er wirklich auf seinen Schultern trug. Erst am anderen Ufer erkannte er, dass Christus selbst ihm begegnet war. Das ist die bleibende Botschaft seiner Legende. Auch unser eigener Alltag ist voller Begegnungen, deren eigentliche Bedeutung sich oft erst später erschließt. Im kranken Angehörigen, im Nachbarn, im Fremden oder im Menschen, der unsere Hilfe braucht, kann Christus selbst gegenwärtig sein. Jede Last, die wir aus Liebe tragen, erhält dadurch einen Wert, der weit über das Sichtbare hinausreicht. Erst im Rückblick, manchmal erst am anderen Ufer, wird deutlich, wie schwer und zugleich wie kostbar eine solche Last gewesen ist.

Der Name Christophorus, der ja „Christusträger“ bedeutet, bleibt deshalb nicht allein die Bezeichnung eines Heiligen. Er beschreibt zugleich unsere Berufung als Getaufte. Christus zu tragen heißt nicht, außergewöhnliche Taten zu vollbringen. Es bedeutet, Ihm in den Menschen zu dienen, die Er unserem Leben anvertraut. Gerade in den unscheinbaren Diensten des Alltags wächst jene Liebe, durch die Christus in der Welt gegenwärtig wird. Auf diese Weise erreicht Seine Herrschaft alle noch so unscheinbaren Ecken der Welt.

Aus dieser Erfahrung erklärt sich auch, weshalb die Kirche den heiligen Christophorus bis heute als Patron der Reisenden verehrt. Sein ganzes Leben war ein Weg der Suche, bis er den einen Herrn fand, der wirklich trägt. Jede Reise erinnert daran, dass der Mensch niemals alle Gefahren kennt, die vor ihm liegen. Der Fluss der Legende wird so zum Bild unseres eigenen Lebensweges, der manchmal unsicher, mühsam und voller unbekannter Wendungen ist. Die Medaille des heiligen Christophorus im Auto oder am Hals ist deshalb weit mehr als ein gewöhnlicher Glücksbringer. Sie ist Ausdruck des Vertrauens, dass Gott Seine Kinder auf ihren Wegen begleitet und sie sicher ans Ziel führen kann, auch dann, wenn Seine Nähe zunächst verborgen bleibt.

So endet die Legende nicht mit der Ankunft am anderen Ufer. Sie setzt sich im Leben jedes Christen fort und stellt eine Frage, die bis heute nichts von ihrer Kraft verloren hat: Wem dient meine Kraft? Wen trage ich, ohne es zu wissen? Und erkenne ich in meinem Nächsten, dem ich begegne, den Herrn, der auch mir entgegenkommt?

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