
Der Umgang mit Andersdenkenden gehört zu den Prüfsteinen jeder Gesellschaft. An ihm zeigt sich, wie sie Freiheit, Wahrheit und Menschenwürde versteht. Im Laufe der Geschichte ist das sehr unterschiedlich ausgefallen. Manche Kulturen suchten das Gespräch, andere griffen zu Verboten, Verbannung oder Gewalt.
Vieles hat sich seitdem verändert. Der Rechtsstaat schützt heute Leben, Gewissensfreiheit und Menschenwürde. In den westlichen Demokratien ist Gewalt gegen Andersdenkende heute weitgehend geächtet. Daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig, dass auch der Wunsch verschwunden ist, einen unbequemen Gegner aus dem Weg zu räumen.

Schwert der sozialen Tötung
Die Geschichte der Menschheit besitzt eine dunkle Seite. Sie ist zugleich eine Geschichte der Ausgrenzung und Verfolgung. Kaum eine Epoche war frei von dem Versuch, Menschen zum Schweigen zu bringen, die als Bedrohung empfunden wurden. Religiöse Überzeugungen, politische Ideen oder philosophische Positionen konnten genügen, um einen Menschen zum Feind zu erklären. War dieser Schritt einmal vollzogen, erschien seine Beseitigung nicht mehr als Unrecht. Im Gegenteil: Sie wurde als notwendiger Dienst an einer höheren Ordnung dargestellt. Der Andersdenkende war nicht länger ein Mensch mit einer anderen Überzeugung, sondern eine Gefahr für die bestehende Ordnung. Wer als Gefahr gilt, verliert leicht seinen Anspruch, als Mitmensch behandelt zu werden.
Die ersten Christen erlebten diesen Mechanismus mit aller Härte. Das Römische Reich verfolgte sie nicht deshalb, weil sie Verbrecher gewesen wären. Ihr eigentliches „Vergehen“ bestand darin, Christus als Herrn zu bekennen und dem Kaiser die göttliche Verehrung zu verweigern. Aus römischer Sicht gefährdete dieses Bekenntnis die religiöse und politische Einheit des Reiches. Christen galten als staatsfeindlich, weil sie den Kaiserkult ablehnten. Immer wieder wurden sie zudem für Katastrophen oder gesellschaftliche Krisen verantwortlich gemacht. Nach dem Brand Roms im Jahr 64 n. Chr. ließ Kaiser Nero zahlreiche Christen verfolgen und hinrichten. Ob sie tatsächlich Schuld trugen, spielte kaum eine Rolle. Entscheidend war, dass sie als geeignete Sündenböcke dienten. Die öffentliche Bestrafung sollte zugleich eine klare Botschaft vermitteln: Wer an Christus festhält und sich der staatlich geforderten Ordnung widersetzt, muss mit den schwersten Konsequenzen rechnen.
Dieses Muster begegnet der Geschichte immer wieder. Herrscher, Revolutionen und Ideologien erklären ihre Gegner nur selten von Anfang an zu Menschen mit einer anderen Überzeugung. Zunächst werden sie als Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden, für den Staat oder für eine vermeintlich höhere Wahrheit dargestellt. Ist dieser Gedanke erst einmal verankert, erscheint ihre Beseitigung als moralisch gerechtfertigte Handlung. Der Mensch verschwindet hinter dem Feindbild. Aus einer Person wird ein Hindernis, das beseitigt werden soll. Hier beginnt der eigentliche Wille zur Vernichtung. Er entsteht nicht erst dort, wo Waffen eingesetzt werden. Er beginnt bereits dort, wo ein Mensch den anderen nicht mehr als Ebenbild Gottes betrachtet. Das Gegenüber wird zur Störung der eigenen egoistischen Ordnung. Schon die Heilige Schrift zeigt diesen Zusammenhang. Kain erschlägt Abel, weil sein Bruder, dessen Opfer von Gott angenommen wird, für ihn selbst unerträglich wird. Der Mord beginnt lange vor dem ersten Schlag. Er beginnt im Herzen: „Da überlief es Kain ganz heiß, und sein Blick senkte sich“ (Gen 4,5).
Christus selbst führt diesen Gedanken weiter. In der Bergpredigt macht Er deutlich, dass das fünfte Gebot nicht erst mit dem vergossenen Blut beginnt. Bereits Hass, Verachtung und die Herabwürdigung des Mitmenschen widersprechen dem Willen Gottes: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemanden tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein“ (Mt 5,21–22). Das Böse entsteht nicht erst in der sichtbaren Tat. Es wächst im Inneren des Menschen heran.
Über Jahrhunderte hinweg konnte sich der Wille zur Vernichtung häufig unmittelbar verwirklichen. Staatliche Gewalt, religiöse Macht oder militärische Stärke ermöglichten die körperliche Beseitigung des Gegners. Die Geschichte kennt zahllose Beispiele dafür. Christen wurden den wilden Tieren vorgeworfen, Andersgläubige hingerichtet, politische Gegner erschossen oder in Arbeitslager verschleppt. Die Methoden entspringen oft der grausamsten Fantasie. Das Ziel blieb immer gleich: Der Gegner sollte verschwinden. Die westlichen Demokratien haben aus den Erfahrungen, besonders der letzten Jahrzehnte, weitreichende Konsequenzen gezogen. Das Recht schützt heute Leben, Menschenwürde, Gewissensfreiheit und Meinungsfreiheit. Niemand darf wegen seiner religiösen oder politischen Überzeugung bedroht und getötet werden. Diese Entwicklung gehört zu den großen Errungenschaften unserer Zivilisation und steht in enger Verbindung mit dem christlichen Verständnis von der unveräußerlichen Würde jeder menschlichen Person.
Doch hier stellt sich eine entscheidende Frage. Verschwindet mit dem Verbot von Gewalt auch der Wunsch, einen Gegner aus der Welt zu schaffen? Verändert ein Gesetz automatisch das menschliche Herz? Die christliche Anthropologie beantwortet diese Frage mit großer Nüchternheit. Der Mensch bleibt auch nach dem Aufbau gerechter Rechtsordnungen ein von der Erbsünde gezeichneter Mensch. Er bleibt fähig zur Liebe und ebenso fähig zum Hass. Das Strafrecht kann verhindern, dass jemand seinen Gegner öffentlich hinrichtet. Es kann jedoch nicht verhindern, dass derselbe Mensch den Wunsch entwickelt, den anderen auf andere Weise zu vernichten.
Wo der Körper rechtlich geschützt ist, geraten andere Bereiche menschlicher Existenz in den Mittelpunkt. Denn der Mensch besitzt nicht nur einen Körper. Er lebt ebenso durch seinen Namen, seine Beziehungen, seinen Ruf und seinen Platz innerhalb einer Gemeinschaft. Der Ruf wird beschädigt. Freundschaften zerbrechen. Berufliche Möglichkeiten verschwinden. Der Name eines Menschen wird mit moralischer Verachtung verbunden. Sein Wort verliert Gewicht. Türen schließen sich. Einladungen bleiben aus. Menschen wenden sich ab, oftmals nicht aufgrund eigener Überzeugung, sondern aus Angst, selbst Ziel ähnlicher Angriffe zu werden.
Gerade die soziale Vernichtung besitzt eine besondere Schwere. Sie richtet sich gegen jene Wirklichkeiten, die menschliches Leben überhaupt tragen. Der Angriff richtet sich auf die Person in ihrer Beziehung zu anderen. Die moderne Psychologie bestätigt das. Die Neurowissenschaftlerin Naomi I. Eisenberger konnte gemeinsam mit ihrem Forschungsteam nachweisen, dass sozialer Ausschluss Hirnregionen aktiviert, die ebenfalls an der Verarbeitung körperlichen Schmerzes beteiligt sind (Naomi I. Eisenberger, Matthew D. Lieberman, Kipling D. Williams, Does Rejection Hurt? An fMRI Study of Social Exclusion, Science 302, 2003). Daraus folgt nicht, dass sozialer Schmerz und körperlicher Schmerz identisch wären. Die Untersuchung zeigt jedoch eindrucksvoll, dass soziale Zurückweisung den Menschen wesentlich tiefer trifft, als lange angenommen wurde. Der Sozialpsychologe Kipling D. Williams kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Seine jahrzehntelange Forschung zum sogenannten Ostrakismus zeigt, dass dauerhafte Ausgrenzung vier grundlegende menschliche Bedürfnisse bedroht: Zugehörigkeit, Selbstwert, Kontrolle und das Erleben eines sinnvollen Daseins (Kipling D. Williams, Ostracism, Annual Review of Psychology 58, 2007).
Diese Erkenntnisse erklären, warum moderne Formen gesellschaftlicher Ausgrenzung eine so große Wirkung entfalten können. Der Mensch leidet ebenso daran, seinen Platz innerhalb der Gemeinschaft zu verlieren. Die moderne Form des Willens zur Vernichtung nimmt dem Menschen nicht das Leben. Sie versucht, ihm das Leben unter Menschen zu nehmen.

Seele als neues Schlachtfeld
Die Heilige Schrift betrachtet den Menschen niemals als bloßen Organismus. Er ist als Ebenbild Gottes geschaffen (Gen 1,27). Gott ruft den Menschen beim Namen, schenkt ihm Gemeinschaft und führt ihn in Beziehung zu Sich und zu anderen Menschen. Genau deshalb trifft jede Form der sozialen Vernichtung den Menschen an einem empfindlichen Punkt seiner Existenz.
Die Lehre der Katholischen Kirche schützt den guten Ruf eines Menschen ausdrücklich. Verleumdung, üble Nachrede und jedes vorsätzliche Beschädigen des Ansehens eines Mitmenschen verletzen die Gerechtigkeit und die Liebe. Das ist eine tiefgreifende anthropologische Erkenntnis. Der gute Ruf gehört zur Würde eines Menschen. Wer ihn mutwillig zerstört, greift nicht nur ein äußeres Merkmal an. Er verletzt die Person selbst.
Wie schon gesagt, beginnt der Wille zur Vernichtung in der Heiligen Schrift selten mit körperlicher Gewalt. Aber oft beginnt er mit der Anklage. Der Teufel erscheint in der Offenbarung des Johannes als „Ankläger unserer Brüder“ (Offb 12,10). Seine erste Waffe ist die Verleumdung. Er trennt, indem er Misstrauen sät, Beziehungen zerstört und Anklagen erhebt. Schon im Paradies geschieht genau das. Die Schlange greift Adam und Eva nicht mit Gewalt an. Sie verändert ihr Denken über Gott. Als Gott Ijob vor ihm für sein gutes Leben lobt, wirkt Satan wie ein Anwalt einer Gerechtigkeit: „Der Satan antwortete dem HERRN und sagte: Geschieht es ohne Grund, dass Ijob Gott fürchtet? (…) Aber streck nur deine Hand gegen ihn aus (…) wahrhaftig, er wird dich ins Angesicht segnen“ (Ijob 1,9–11). Aus Vertrauen wird Misstrauen. Aus Gemeinschaft wird Trennung. Erst danach folgen Schuld, Angst und auch der bewusste Tod.
Dieses Muster zieht sich durch die gesamte Heilsgeschichte. Auch die Passion Christi beginnt lange vor Golgota. Judas verrät Ihn für dreißig Silberstücke (Mt 26,14–16). Seine engsten Freunde schlafen im Garten Getsemani, obwohl Er sie bittet, zu wachen (Mt 26,40–45). Nach Seiner Gefangennahme fliehen die Jünger (Mt 26,56). Vor dem Hohen Rat treten falsche Zeugen auf (Mt 26,59–61). Man verspottet Ihn, schlägt Ihn ins Gesicht und verhüllt Seine Augen (Mt 26,67–68). Vor Pilatus entscheidet sich die Menge gegen den unschuldigen Christus und für den Verbrecher Barabbas (Mt 27,20–23). Die Soldaten setzen Ihm eine Dornenkrone auf, legen Ihm ein Purpurgewand um und verhöhnen Ihn als König (Mt 27,27–31). Erst danach folgt die Kreuzigung. Die Reihenfolge ist theologisch bedeutsam. Christus wird zunächst sozial und moralisch öffentlich vernichtet. Sein Ruf wird zerstört. Er gilt als Gotteslästerer, Volksverführer und Staatsfeind. Seine engsten Freunde verlassen Ihn. Die öffentliche Meinung wendet sich gegen Ihn. Erst als diese soziale Isolierung vollzogen ist, endet sie in der körperlichen Hinrichtung.
Dasselbe Muster begegnet an anderer Stelle im Johannesevangelium. Nachdem der Blindgeborene Christus als den von Gott Gesandten bekennt, heißt es schlicht: „Und sie stießen ihn hinaus“ (Joh 9,34). Dieser kurze Satz beschreibt eine harte Wirklichkeit. Der Ausschluss aus der religiösen Gemeinschaft bedeutete den Verlust von Ansehen, Zugehörigkeit und sozialer Sicherheit. Wenn man schon nicht jemanden erschlagen kann, dann wenigstens das. Der geheilte Mann lebte weiter. Dennoch war seine Existenz grundlegend verändert. Auch der Apostel Paulus erfährt diese Einsamkeit. Kurz vor seinem Tod schreibt er: „Bei meiner ersten Verteidigung ist niemand für mich eingetreten; alle haben mich im Stich gelassen“ (2 Tim 4,16). Der Verfolgte leidet nicht nur unter seinen Gegnern. Er leidet ebenso unter dem Schweigen jener, die eigentlich an seiner Seite stehen müssten.
Diese biblischen Beispiele sollen deutlich machen, dass soziale Vernichtung keine Erfindung der Gegenwart ist. Neu ist vielmehr die Form, in der sie heute auftritt. In vielen westlichen Gesellschaften sind körperliche Gewalt und staatliche Verfolgung rechtlich geächtet. Gleichzeitig entstehen unzählige neue Möglichkeiten, Menschen aus der Gemeinschaft zu drängen. Digitale Medien beschleunigen diese Entwicklung erheblich. Innerhalb weniger Stunden können Vorwürfe millionenfach verbreitet werden. Ein einziger öffentlicher Fehler kann den Verlust einer beruflichen Existenz nach sich ziehen. Namen werden dauerhaft mit Anschuldigungen verbunden. Suchmaschinen vergessen nicht. Das Internet kennt kaum so etwas wie Verjährung. Hierzu gehören Erscheinungen wie koordinierte Rufmordkampagnen, Doxxing, digitale Pranger oder bestimmte Ausprägungen der sogenannten Cancel Culture. Diese Phänomene sind sorgfältig zu unterscheiden. Nicht jede öffentliche Kritik ist ungerecht. Nicht jeder Boykott ist moralisch verwerflich. Menschen dürfen widersprechen, protestieren und Fehlverhalten benennen. Eine freie Gesellschaft lebt von der offenen Auseinandersetzung. Die Grenze wird dort überschritten, wo nicht mehr die Wahrheit einer Aussage geprüft wird, sondern die Vernichtung der Person zum eigentlichen Ziel wird. Wenn hinter den eigentlichen Motiven der Wille zur Vernichtung besteht, dann genügt es nicht mehr, dass jemand seine Meinung ändert oder einen Irrtum eingesteht. Die Glaubwürdigkeit dieser gehassten Person soll dauerhaft zerstört werden. Die berufliche Zukunft soll enden. Andere sollen sich von ihr distanzieren. Die Person soll aus der Gemeinschaft am besten verschwinden.
In vielen modernen ideologischen Bewegungen lassen sich Strukturen beobachten, die an religiöse Gemeinschaften erinnern. Auch sie entwickeln grundlegende Überzeugungen, die als unantastbar gelten. Bestimmte Begriffe, Deutungen oder moralische Urteile dürfen kaum noch hinterfragt werden. Widerspruch gilt nicht selten als moralisch fragwürdig. Die Auseinandersetzung verlagert sich dann von der Sache auf die Person selbst. Aus dem Andersdenkenden wird ein Mensch, von dem man sich distanzieren soll. Öffentliche Entschuldigungen werden eingefordert, berufliche Konsequenzen verlangt oder sozialer Ausschluss begrüßt. Nicht jede Kritik und nicht jede öffentliche Empörung folgt diesem Muster. Wo jedoch die Vernichtung der Glaubwürdigkeit oder der sozialen Existenz eines Menschen zum eigentlichen Ziel wird, entsteht ein Mechanismus, der weit über eine sachliche Auseinandersetzung hinausgeht. Der französische Literaturwissenschaftler René Girard beschreibt einen ähnlichen Vorgang mit seiner Sündenbocktheorie. Gemeinschaften können ihre inneren Spannungen auf einzelne Personen oder Gruppen übertragen. Indem sie diese für Missstände verantwortlich machen und ausgrenzen, entsteht der Eindruck, die verlorene Ordnung wiederherzustellen (René Girard, Der Sündenbock, 1982). Gemeinschaften können ihre inneren Spannungen auf einzelne Personen konzentrieren und durch deren Ausgrenzung scheinbar wieder Ordnung herstellen. Der Ausgeschlossene wird zum Träger einer Schuld, die in Wirklichkeit tiefer in der Gemeinschaft selbst liegt.
Das Evangelium stellt diesem Mechanismus eine andere Wirklichkeit entgegen. Jesus Christus sucht keine Sündenböcke. Er deckt Schuld auf und ruft den Sünder zur Umkehr auf (Mk 2,17; Joh 8,11; Lk 19,1–10). Zugleich vergibt Er dem reuigen Menschen und öffnet ihm den Weg zu einem neuen Leben (Lk 15,11–32; Joh 8,11). Die Wahrheit wird klar ausgesprochen, ohne den Menschen seiner von Gott gegebenen Würde zu berauben. Selbst gegenüber Zöllnern, Sündern und Ehebrechern begegnet Christus dem Menschen mit Achtung, obwohl Er die Sünde verabscheut und klar beim Namen nennt (Joh 4,16–18; Joh 8,1–11; Lk 7,36–50). Darin unterscheidet sich die Kirche grundlegend von jeder Form ideologischer Ausgrenzung. Sie kennt Wahrheit und Irrtum. Sie kennt Glaubenslehre und Zurechtweisung. Ihr Ziel besteht jedoch niemals darin, einen Menschen willentlich zu vernichten oder aus der Gemeinschaft auszulöschen. Selbst kirchenrechtliche Strafen dienen letztlich der Umkehr und dem Heil des Betroffenen (CIC can. 1311 §1). Der Irrtum soll überwunden werden, aber niemals der Mensch.
Aber: Sobald der Andersdenkende nicht mehr als Person wahrgenommen wird, sondern nur noch als Hindernis oder Gefahr, beginnt jener Weg, der in der Geschichte immer wieder zu Ausgrenzung und Verfolgung geführt hat – auch wenn die Mittel heute andere sind.

Unantastbare Würde
Man wird immer einen Weg finden, den Andersdenkenden zum Schweigen zu bringen. Christus aber vernichtet den Gegner nicht. Er stirbt für ihn. Darin offenbart sich die Wahrheit über den Menschen. Niemand verliert seine Würde dadurch, dass er irrt. Darum darf auch der Kampf gegen den Irrtum niemals zur Vernichtung des Menschen führen. Die Kirche verteidigt die Wahrheit nicht, indem sie Menschen aufgibt, sondern indem sie sie zur Umkehr ruft. Das ist die Antwort auf jede Form des Willens zur Vernichtung – gestern wie heute.
Der Wille zur Vernichtung kennt viele Gesichter. Mal richtet er sich gegen den Körper, mal gegen den guten Ruf, die Gemeinschaft oder die Glaubwürdigkeit eines Menschen. Die Werkzeuge mögen sich verändern. Christus verändert sich nicht. Und Er lässt diejenigen nicht allein, die um Seinen Namen willen leiden. Darum konnte der Apostel Paulus trotz Verlassenheit, Anklage und Gefangenschaft bekennen: „Aber der Herr stand mir zur Seite und gab mir Kraft“ (2 Tim 4,17).
Diese Gewissheit hat die Märtyrer der ersten Jahrhunderte getragen, und sie trägt Christen bis heute. Menschen können den Ruf eines anderen zerstören, ihn aus der Gemeinschaft drängen oder ihn zum Schweigen bringen. Christus aber bleibt. Und wo Er bleibt, kann selbst die tiefste Form menschlicher Ausgrenzung das letzte Wort nicht behalten.


