Zwischen Sünde und Gnade – Sinn und Struktur des katholischen Fastens

„Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst“ (angelehnt an Gen 3,19). Mit dem Aschekreuz beginnt die österliche Bußzeit. Die gesprochenen Worte verweisen auf unsere Geschöpflichkeit. Indirekt verweisen sie auch auf unsere Verantwortung vor Gott. Denn die Erinnerung ist kein symbolischer Auftakt, sondern Ausdruck einer dogmatischen Realität: Der Mensch ist Geschöpf, gefallen durch die Sünde, erlöst durch Christus und zur Rechenschaft berufen.

Die Fastenzeit konkretisiert die vor Gott geschuldete Rechenschaft in einer bestimmten kirchlichen Praxis: der Buße und Umkehr. Deshalb ist Fasten nicht im Bereich individueller Frömmigkeitsvorlieben zuhause. Fasten gehört in die Ordnung der Kirche selbst. Es ist eine leibliche Handlung mit hochtheologischer Begründung. Denn wer fastet, setzt eine konkrete Tat in Beziehung zu Sünde, Gnade und Erlösung.

Fasten und der Mensch

Die katholische Lehre beschreibt die Folgen der Erbsünde als Verwundung der menschlichen Natur. Unser Verstand ist verdunkelt, unser Wille geschwächt und unsere Begierlichkeit neigt zur Unordnung. Diese Unordnung zeigt sich im ganz alltäglichen Leben: in Ungeduld, Maßlosigkeit, Bequemlichkeit oder Nachlässigkeit. Viele dieser Schwächen hängen mit ungeordneten Begierden zusammen. Der Mensch will oft sofort das, was angenehm ist, und meidet, was Mühe kostet.

Fasten setzt genau hier an. Es richtet sich gegen die ungeordnete Beziehung des Menschen zu legitimen Gütern, nicht gegen etwas Sündhaftes an sich. Verzichtet man zum Beispiel bewusst auf eine volle Mahlzeit, erlebt man konkret, dass man nicht jeder Regung sofort nachgeben muss. Der Hunger beziehungsweise das Begehren ist real. Man spürt das. Gerade darin liegt der Sinn der Einschränkung: Der Wille lernt, nicht automatisch jedem Bedürfnis zu folgen, sondern dieses zu ordnen. Damit gehört Fasten zur Tugend der Mäßigung. Wenn wir bewusst verzichten oder uns in der Quantität einschränken, bringen wir unsere sinnlichen Impulse unter die Leitung unseres vernünftigen Willens.

Diese moraltheologische Funktion des Fastens ist von bleibender Bedeutung. Denn viele schwere Sünden wurzeln in Unbeherrschtheit. Und wer sich nicht einmal im kleinen Bereich eine wenigstens zeitlich bestimmte Grenze setzt, wird auch in anderen Bereichen leichter maßlos. Fasten wirkt daher ordnend auf das Ganze. Es ist keine Nebensache, sondern Teil der sittlichen Formung des Menschen.

Fasten ist somit ein Mittel der Selbstdisziplin im Dienst der Tugend. Es zielt nicht auf außergewöhnliche Leistungen, sondern auf die Wiederherstellung einer inneren grundlegenden Hierarchie: Gott an erster Stelle, das sittliche Gesetz als Maßstab und die sinnlichen Bedürfnisse in geordneter Weise darunter.

Fasten und Heil

Richtiges Fasten greift in den Tagesablauf ein. Wenn jemand an einem Fasttag nur eine volle Mahlzeit einnimmt, merkt er gegen Abend deutlich den Unterschied. Diese Erfahrung zwingt zur Entscheidung: Reagiere ich gereizt? Suche ich Ablenkung? Oder nehme ich die Einschränkung bewusst an? Hier zeigt sich die erzieherische Wirkung des Fastens. Es macht sichtbar, wie stark Gewohnheiten und Bequemlichkeit unser Verhalten bestimmen. Lernt man, die Begierden auszuhalten, ohne sofort nachzugeben, wird man auch in anderen Bereichen gefestigter. Denn die gleiche Selbstbeherrschung, die man durch das Fasten einübt, hilft etwa im Umgang mit Zorn, mit ungeordneten Gedanken oder mit übermäßiger Ablenkung.

Paulus schreibt, dass wir in unserem Fleisch ergänzen, was an den Leiden Christi noch fehlt (Kol 1,24). Gemeint ist nicht eine Unvollständigkeit des Erlösungswerks, sondern die persönliche Teilnahme daran. Wenn wir fasten, verbinden wir uns solidarisch mit Christus. Der freiwillige Verzicht ist eine kleine Beteiligung an seinem Opfer. Und diese Verbindung ist entscheidend. Das Fasten hat keinen eigenständigen Heilswert außerhalb der Gnade. Es erhält nur seinen vollen Sinn aus der Teilnahme am Erlösungswerk Christi.

Zwar wird im Sakrament der Buße unsere Schuld vergeben. Dennoch bleibt eine Unordnung zurück, die der Läuterung bedarf. Daher die Notwendigkeit der Genugtuung. Als Bestandteil echter Umkehr gehört Fasten genau zu diesen Bußwerken. Wenn wir fasten, stellen wir unser Tun bewusst in Christi Nachfolge. Man verbindet seinen Verzicht mit dem Kreuz Christi und bringt die Entbehrung als Genugtuung für eigene Sünden dar.

Schließlich hat das Fasten auch eine gemeinschaftliche Dimension. Wenn die Kirche bestimmte Tage vorschreibt, fastet der Einzelne nicht isoliert. Er steht in einer gemeinsamen Bußpraxis der ganzen Kirche. Das schützt vor Willkür und macht Fasten objektiv. Denn Fasten ist nicht reine Privatfrömmigkeit, sondern eingebettet in die Ordnung der Kirche. Der einzelne handelt als Glied des Leibes Christi.

Diese Objektivität bewahrt vor Subjektivismus. Der Gläubige entscheidet nicht selbst, was Buße bedeutet, sondern empfängt eine konkrete Form von der Kirche. Innerhalb dieses Rahmens kann man zusätzliche Opfer wählen, etwa den Verzicht auf bestimmte Gewohnheiten oder Konsumformen. Wesentlich ist dabei die klare Intention: Der Verzicht wird Gott dargebracht und in Beziehung zur eigenen Umkehr gesetzt.

Fasten, Gebet und Almosen gehören dabei zusammen. Der leibliche Verzicht ohne Hinordnung auf Gott bleibt eine moralische Übung. Erst im Zusammenhang mit Gebet und tätiger Nächstenliebe wird Fasten zu einer vollständigen Bußpraxis im Sinne der kirchlichen Tradition.

Fasten als Umkehr

Fasten ist in der katholischen Lehre eine konkret geregelte Bußpraxis. Sie gründet in der Einsicht, dass der Mensch durch die Sünde verwundet ist und seine Begierden der Ordnung bedürfen. Der freiwillige Verzicht ordnet diese Begierden, stärkt den Willen und dient als Genugtuung für begangene Sünden. In der bewussten Verbindung mit dem Opfer Christi wird das Fasten zur Teilnahme am Kreuz innerhalb der von Christus gestifteten Heilsordnung. Die Heilige Schrift zeigt, dass das Fasten der Vorbereitung auf entscheidende Momente des Heils dient. Christus fastet vor seinem öffentlichen Wirken (Mt 4,2) und stellt damit den Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters in den Mittelpunkt seines Wirkens. Für den Christen bedeutet das: Fasten ist konkrete Vorbereitung auf ein Leben, das sich klar am Willen Gottes ausrichtet und aus der Gnade lebt. Alles andere ist kein Fasten im christlichen Sinn.

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