Gott als Person – ein schwindendes Konzept

Immer weniger Menschen westlicher Gesellschaften nehmen Gott als Person wahr. Das heißt konkret: Gott ist für diese Menschen kein bewusst handelndes, sprechendes und liebendes Wesen, das erkennt, will und Verantwortung fordert. In Gesprächen zeigt sich dann häufig, dass Gott eher als „höhere Macht“, „universale Energie“ oder unbestimmter Hintergrund der Welt gedacht wird.

Diese Unbestimmtheit wirkt auf den ersten Blick eigentlich harmlos, weil man Gott bzw. das göttliche Prinzip ja nicht ausdrücklich leugnet. Aber die Unpersonalität verändert den Kern des Gottesbegriffs. Sobald Gott nicht mehr als personales Gegenüber verstanden wird, verändert sich nicht nur die religiöse Landschaft hier. Das Verständnis von Freiheit, Verantwortung, Schuld, Gebet und Hoffnung wird umgedacht. Der christliche Glaube selbst steht oder fällt mit der Personalität.

Ursachen der Entpersonalisierung

Die Entpersonalisierung Gottes ist das Ergebnis mehrerer ineinandergreifender Entwicklungen. Eine wichtige Rolle spielt die philosophische Tradition des Westens. Bereits in der Antike wird Gott oft als höchste Ursache oder als erstes Prinzip gedacht. Bei Aristoteles zum Beispiel ist der „unbewegte Beweger“ reine Aktualität, die alles bewegt, ohne selbst bewegt zu werden. Dieses Denken erklärt Ordnung und Bewegung der Welt, setzt jedoch keine dialogische Beziehung voraus. Gott wird metaphysisch notwendig, personal jedoch unwichtig, höchstens blass.

Diese Tendenz verschärft sich. Seit der Neuzeit wird Wirklichkeit bevorzugt funktional erklärt. Naturgesetze, Kausalreihen, Systeme, Strukturen – sie liefern nachvollziehbare Modelle. Rationalismus und später Materialismus verstärken das Vertrauen in geschlossene Erklärungen. In einem solchen Denken erscheint ein handelndes göttliches Ich als überflüssige Hypothese. Wenn Prozesse genügen, braucht es scheinbar keinen Willen. Wenn alles berechenbar wirkt, erscheint ein sprechender Gott fremd. Obendrein kommt ein stark technisches Weltverständnis. Wenn Wirklichkeit als System von Prozessen, Daten und Funktionen beschrieben wird, erscheint Personalität als anthropomorphe Projektion. Gott wird dann als Chiffre für Ganzheit, Natur oder Kosmos verwendet.

Hinzu kommt der Einfluss des Deismus der Aufklärung. Gott wird dort als Ursprung gedacht, nicht als gegenwärtig Handelnder. Er setzt die Welt in Gang, zieht sich zurück und überlässt sie den Naturgesetzen. Diese Vorstellung hat sich tief in das westliche Bewusstsein eingeprägt. Selbst wer sich religiös nennt, übernimmt oft unbewusst dieses Bild: Gott existiert vielleicht, greift jedoch nicht ein, ruft nicht konkret und fordert nicht verbindlich.

Auch innerkirchliche Entwicklungen tragen zur Entpersonalisierung Gottes bei. Wo Glaube primär als Gefühl oder subjektive Erfahrung vermittelt wird, verliert die objektive Wirklichkeit Gottes an Kontur. Wird Gott vor allem als Symbol für Sinn oder Gemeinschaft interpretiert, verschwindet die klare Aussage: Gott ist ein wirkliches, personales Gegenüber. Die biblische Grundstruktur – Gott spricht, der Mensch antwortet, sowie andersherum – tritt in den Hintergrund.

Schließlich verändert sich die kulturelle Struktur westlicher Gesellschaften. Säkularisierung trennt Religion vom öffentlichen Leben. Bildungssysteme vermitteln naturwissenschaftliche Modelle, aber kaum noch theologische Personalitätsbegriffe. Die Pluralisierung führt dazu, dass viele Weltanschauungen nebeneinanderstehen. In einem solchen Umfeld wird kulturelle Normalisierung von Orientierungsoffenheit zur gewohnten Erfahrung. Identitäten, Lebensentwürfe, Werte – alles ist wählbar. Ein personaler Gott, der Wahrheit beansprucht und Verantwortung einfordert, steht quer zu dieser Struktur. Er begrenzt nicht willkürlich, er setzt Maß. Genau diese Maßgeblichkeit wird als Einschränkung erlebt. Also wird Gott gedanklich entschärft. Aus dem Du wird ein diffuses und abstraktes Prinzip.

Der Verlust

Wenn Gott nicht als Person verstanden wird, verändert sich das gesamte Gefüge des Glaubens ganz konkret im Alltag. Gebet verliert seinen dialogischen Charakter. Wer zu einer Energie spricht, rechnet nicht ernsthaft mit Antwort, Widerspruch oder Führung. Das Gebet wird mehr zur inneren Sammlung oder zur psychischen Stabilisierung. Dank richtet sich ins Leere, Bitte bleibt ohne Gegenüber, Klage verhallt. In der Heiligen Schrift ist Gebet jedoch Antwort auf einen Anruf. In Genesis 12,1 ruft Gott Abraham. In Exodus 3,4 ruft er Mose beim Namen. In Markus 14,36 spricht Christus zum Vater als zu einem wirklichen Du. Fällt dieses Du weg, bleibt nur noch eine religiöse Übung übrig, jedoch keine Beziehung.

Auch moralische Verantwortung verändert sich sichtbar. Ein unpersönliches Prinzip fordert nichts. Es kennt keinen Willen und kein Urteil. In der Praxis bedeutet das: Moral orientiert sich an Mehrheiten, an gesellschaftlichen Erwartungen oder am eigenen Empfinden. Schuld wird als psychische Belastung verstanden, die man bearbeiten oder therapieren kann. Die biblische Vorstellung ist anders. Der Mensch steht vor Gott. Er kann treu sein oder untreu, gehorsam oder widerspenstig. In Exodus 24,7–8 wird ein Bund geschlossen, der Verpflichtung einschließt, auf beiden Seiten. Er ergibt nur Sinn zwischen Personen. Ohne personale Bezogenheit wird aus dem Bund ein kulturelles Symbol.

Auch Freiheit verliert an Tiefe. Wenn Gott Person ist, steht menschliche Freiheit in Beziehung zu seinem Willen. Jede Handlung, selbst die unscheinbare Entscheidung im Verborgenen, erhält Gewicht, weil sie Antwort auf einen göttlichen Anspruch ist. Wird Gott als Prinzip gedacht, bleibt Freiheit Auswahl zwischen Möglichkeiten. Man entscheidet, doch niemand ruft. Schicksal erscheint als Zufall oder als Ergebnis von Wahrscheinlichkeiten. Verantwortung existiert noch juristisch oder sozial, jedoch ohne Bezug zu einem letzten Richter, der zugleich barmherzig vergibt. Damit verändert sich der Ernst menschlicher Entscheidungen.

Die Aussage „Gott ist Liebe“ in 1 Johannes 4,8 zeigt noch einmal die Konsequenz. Liebe ist kein physikalischer Vorgang und keine Eigenschaft eines Systems. Liebe ist bewusste Hinwendung, Wille zum Guten des Anderen. Sie setzt eine Person voraus. Wird Gott unpersönlich gedacht, verliert auch diese Aussage ihren realen Gehalt und wird zur Metapher für ein menschliches Gefühl.

Die Entpersonalisierung betrifft daher nicht nur ein theologisches Detail. Sie verschiebt das Verständnis von Wirklichkeit auf allen nur so erdenklichen Ebenen. Wenn kein personales Gegenüber existiert, das ruft, richtet und rettet, dann wird Beziehung zur religiösen Sprache, Verantwortung zur sozialen Konstruktion und Hoffnung zur Projektion. Orientierungslosigkeit ist dann der normale Zustand, weil kein personaler Maßstab mehr gedacht wird, an dem sich menschliches Leben ausrichtet.

Personalität Gottes

Die Wiedergewinnung der Personalität Gottes geschieht nicht durch neue Begriffe, Definitionen und Lehren. Gerade hier liegt ein Problem. Auch im kirchlichen Leben wird häufig über Strukturen, Reformen, Zeitgeist und gesellschaftliche Entwicklungen gesprochen. Das alles hat seinen Platz. Aber der Versuch, damit Menschen zum Glauben, also zu einer Beziehung zu einem Gott der Person, zu bringen, erreicht man damit irgendwie nicht. Deshalb lautet die entscheidende Frage anders: Trifft man Menschen, bei denen spürbar ist, dass sie in Beziehung zu Gott als Person stehen? Menschen, die aus dem Gespräch mit dem Vater leben? Die Christus nicht nur zitieren, sondern ihm gehorchen? Die den Heiligen Geist nicht als fromme Formel verwenden und ihn als wirkliche Gegenwart Gottes ernst nehmen?

Erst dort, wo eine echte Beziehung sichtbar ist, verändert sich die Wahrnehmung der anderen. Personalität wird dann nicht behauptet, sie wird erfahrbar gemacht. Ein Mensch, der betet, zu einem realen Gegenüber, der Verantwortung als Antwort auf einen göttlichen Willen versteht, der Hoffnung aus der Treue Gottes schöpft, macht deutlich: Gott ist kein diffuses Prinzip. Er ist ein Du.

Die Erneuerung beginnt daher nicht im Diskurs, sie beginnt im Leben. Wenn Christen die Beziehung zum Vater, zum Sohn und zum Heiligen Geist konkret leben, erhält der Gottesbegriff wieder Kontur. Dann wird deutlich: Der christliche Glaube ruht nicht auf einer Idee, er gründet in einer wirklichen, personalen Begegnung. Und erst dann, und nur dann, können andere Menschen erkennen, dass Gott ein reales Gegenüber ist und aus dieser Erkenntnis heraus zum Glauben finden.

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