Die katholische Kirche in Deutschland – Krise oder Illusion?

Die katholische Kirche in Deutschland leidet. Leere Kirchenbänke, gleichgültige Getaufte, laute Kritiker prägen das Bild. Die Reaktion darauf ist flächendeckend bekannt: Gegenkritik, neue Gremien, neue Strukturen, neue Ideen, Anpassung und Umformung. Es entsteht der Eindruck, als ließe sich geistlicher Verlust organisatorisch ausgleichen. Als brauche es nur die richtige Reform, damit der Glaube zurückkehrt.

Doch hier liegt ein großer Denkfehler. Die Krise der Kirche ist keine primär strukturelle Krise. Ganz ehrlich: Sie ist nicht einmal eine Folge gesellschaftlicher Entwicklungen, die unter dem Stichwort Säkularisation verhandelt werden. Die Krise der Kirche, hier in Deutschland, ist eine tiefe Glaubenskrise. Denn nicht die Form trägt den Inhalt. Der Inhalt verleiht der Form ihren Sinn. Wo dieser Inhalt verblasst, werden selbst gut funktionierende Strukturen leer und hohl.

Ursprung und Wahrheit

Am Anfang jedes Jahres feiert die Kirche den Namen Jesu. Der Name des Herrn, „Gott rettet“, ist kein Programm oder eine Reform. Es ist die Handlung Gottes an uns Menschen: „Denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen“ (Mt 1,21). Jesus markiert den Ursprung der Kirche, ihr Dasein und auch ihr Ende. Christus als Ursprung der Kirche bindet sie gleichzeitig an eine überlieferte Lehre und eine konkrete Ordnung. Jede kirchliche Wahrheit wird empfangen und bewahrt. Keiner hat sie selbst erzeugt.

Jesus hat keine Organisationsform definiert. Diese sind mehr oder weniger geschichtlich gewachsen und haben auch mehr oder weniger ihre Berechtigung. Aber die konkrete Botschaft Jesu ist Nachfolge: „Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mk 8,34). Das ist keine Floskel Jesu. Glaube betrifft das ganze Leben in all seinen Facetten. Deshalb wählt Jesus für den Anfang einen Jünger mit lebendigem Glauben, Petrus: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen; und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16,18). Petrus steht für den Christen, wie er in Wirklichkeit ist – mit Höhen und Tiefen, mit Treue und Zweifeln, mit Mut und Angst. Immer dem Herrn folgend.

In Deutschland zeigt sich eine wachsende Diskrepanz zwischen kirchlicher Infrastruktur und gelebtem Glauben. Finanzielle Ressourcen, Gebäude und Verwaltungsstrukturen bestehen fort, während die Glaubenspraxis zurückgeht. Die Suche nach Evangelisierung durch kommunikative und strukturelle Anpassung sind nette Versuche, verfehlen aber den Kern. Diskrepanz lässt sich dadurch nicht beheben. Wo das Evangelium vor allem kommentiert wird, verliert es seine Verbindlichkeit. Wo die Kirche sich selbst und nicht ihren Ursprung feiert, ist sie nichts Weiteres als eine Veranstaltung neben anderen. Lebt man hier den Glauben, oder ist man bereits im Zeitgeist gläubig geworden?

Glaube und Erneuerung

Kirchliche Erneuerung beginnt dort, wo Glaube tatsächlich gelebt wird. Wo Menschen beten, Sakramente empfangen, ihr Leben am Evangelium ausrichten, da ist die Kirche sichtbar und auch anziehend. Diese Praxis ist keine Folge gelungener Reformen. Sie ist deren Voraussetzung.

Denn es ist so: Überall dort, wo christlicher Glaube ernst genommen wird, entsteht Bewegung. Neue Formen des Zusammenlebens und der Glaubenspraxis, aber auch neue Herausforderungen und Aufgaben wachsen aus der Sache selbst heraus. Das war historisch nie anders. Ordensgemeinschaften, Pfarreistrukturen, Bildungswerke oder caritative Einrichtungen sind nicht am Reißbrett entworfen worden. Sie sind aus konkretem Glaubensleben hervorgegangen, oft ungeplant und gegen Widerstände.

Jesus selbst handelte nach diesem Muster. Er sammelt Jünger um sich, lebt mit ihnen zusammen. Er lehrt sie, korrigiert sie aber auch. Erst daraus entsteht ihre Sendung. Erst daraus entstand eine Ordnung. Und die kirchliche Ordnung ist das Resultat von Nachfolge, Treue und Vertrauen. Die äußere Gestalt folgt der inneren Wirklichkeit.

Auch heute gilt dieser Zusammenhang. Wenn echte Eucharistie tatsächlich gefeiert wird, wo Beichte als reale Möglichkeit zur Umkehr wahrgenommen wird das Gebet zum Alltag gehört, dann verändern sich die Gemeinden. Dann reformiert sich die Kirche im wahrsten Sinne praktisch von allein.

Der Versuch, Erneuerung umzukehren, bleibt folgenlos. Die Hoffnung, zuerst Strukturen zu verändern, sodass daraus Glaube entstehen kann, verkennt die innere Logik der Kirche. Kirchliche Strukturen wachsen organisch. Sie können nicht erzwungen werden, weil ihr Ursprung, Christus, sich nicht zwingen lässt. Wir können Ihm folgen, indem wir Ihn empfangen, leben und weitergeben. Und das ist die richtige Haltung der Kirche.

Glaube und Fundament

Die Krise der katholischen Kirche in Deutschland lässt sich nicht durch Umformung lösen. Schon gar nicht durch Anpassung an zeitgeistliche, fragile Strukturen. Sie lässt sich nur durch Rückbindung klären: an Christus, an seine Botschaft und an die konkrete Praxis des Glaubens. Das reicht völlig aus, damit nach Bedarf neue Strukturen und Formen der Kirche entstehen.

Und natürlich haben Strukturen ihren Ort. Sie dienen dem Leben der Kirche. Aber sie ersetzen es nicht. Eine Kirche, die vom Glauben her denkt, wird Formen finden. Eine Kirche, die nur Formen verändert, bleibt bei sich selbst stehen.

Am Ende entscheidet nicht die Frage, wie die Kirche organisiert ist. Entscheidend ist, ob die Gläubigen wirklich gläubig leben. Das zeigt Jesus selbst: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt“ (Joh 13,35).

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