
Wir Menschen erleben unser Leben oft als innerlich widersprüchlich. All das Wissen, die vielen Möglichkeiten und Freiheiten. Man weiß, was richtig wäre, handelt anders. Hinzu kommt der Eindruck, nicht zur Ruhe kommen zu können. Wir sehnen uns nach Sinn und erleben den eigenen Alltag als fragmentiert, als würde alles nicht zusammenpassen. Der Versuch, Harmonie ins Geschehen zu bringen durch Fortschritt, Bildung und Selbstoptimierung, löst die tiefsitzende Spannung nicht auf. Im Gegenteil: Sie machen sie nur noch deutlicher.
Allein psychologisch lässt sich das Phänomen nicht erklären. Denn die Erfahrung einer inneren Spannung verweist auf die Grundstruktur des Menschseins. Sie zeigt uns unsere Ausrichtung, unseren Daseinszweck. Zugleich aber auch die Bedingungen unserer Existenz: Begrenzung, Endlichkeit und körperliche Belastung. Die biblische Anthropologie nimmt genau diese Erfahrung ernst. Im Gegensatz zu modernen weltlichen Versuchen, die Spannung durch Fortschritt, Karriere, technische Innovationen oder gesellschaftliche Ideologien zu beseitigen, liefert die Bibel keine Methode zur Selbstoptimierung. Sie legt offen, warum die Spannung zum Menschsein gehört.

Erde und Atem – Herkunft und Anspruch
Ein Blick in die Schöpfungsgeschichte, genauer auf Genesis 2,7, zeigt die Erschaffung des Menschen in knapper Form: „Da formte Gott, der HERR, den Menschen, Staub vom Erdboden, und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen“ (Gen 2,7).
Der Mensch wird zuerst aus Staub geformt. Das hebräische Wort עָפָר (ʿōp̄er, feiner Staub; Erde) bezeichnet vergängliches Material, das formbar, aber brüchig ist. Aus diesem Material formt Gott den Menschen. Und die Herkunft bleibt immer wirksam. Genesis 3,19 macht das ausdrücklich deutlich: „Denn von ihm bist du genommen, Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück“ (Gen 3,19). Das wissen wir auch, selbst wenn wir es nicht wahrhaben wollen.
Sterblichkeit, körperliche Begrenzung und Abhängigkeit prägen unser Leben von Anfang an. Sie zeigen sich überall im Alltag: Müdigkeit bremst Leistungsfähigkeit, Krankheit durchkreuzt Pläne, und die Zeit reicht nie aus, um alles zu erledigen, was wir uns vornehmen. Das erzeugt Druck, eine innere Spannung: Wir wollen unser Leben gestalten, Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen, stoßen dabei jedoch immer wieder an unsere eigenen Grenzen, die uns zurückweisen. Dieses Spannungsfeld zwischen Möglichkeit und Begrenzung prägt jeden Menschen und macht unser Leben zugleich herausfordernd und bedeutsam.
Demgegenüber steht der Lebensatem: חַיִּים נִשְׁמַת (nišmat chajjīm, Atem; Hauch/Leben). Er stammt nicht aus der Erde. Er wird dem Menschen von Gott gegeben. Hiob bringt diese Tatsache auf den Punkt: „Gottes Geist hat mich erschaffen, der Atem des Allmächtigen mir das Leben gegeben“ (Ijob 33,4). Der Atem macht den Menschen lebendig, ohne ihn göttlich zu machen. Leben ist keine Eigenschaft des Menschen, über die er frei verfügt. Es wird uns geschenkt und bleibt von Gott abhängig. Echtes Leben kann dann nur heißen, mit dem Geber in Beziehung zu leben. Wer das nicht beachtet, stößt im Leben unweigerlich an Grenzen, die sich von allein nicht überwinden lassen.

Ort konkreter Entscheidungen
Die Spannung zwischen Staub und Atem findet ihren Ausdruck im menschlichen Leib. Das Neue Testament spricht vom Fleisch. Das Fleisch ist nicht einfach Materie, sondern die Zone, in der unsere Begrenzung und die Gabe des Lebens unmittelbar zusammentreffen. Hier zeigt sich, dass der Mensch auf die geschenkte Lebenskraft reagieren muss. Entscheidungen, Handlungen und Verantwortung werden im Fleisch, bzw. im Leib, erlebt, geübt und ausgetragen. Krankheit, Erschöpfung oder äußere Beschränkungen markieren die Grenzen des Leibes und verdeutlichen, dass unsere Freiheit nie absolut ist und es auch nie sein wird.
Paulus beschreibt diese Dynamik eindrücklich, wenn er von der inneren Spannung zwischen Neigung und Verantwortung spricht: „Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, das vollbringe ich“ (Röm 7,19). Hier spricht jemand, der die eigene Erfahrung reflektiert. Einsicht allein genügt nicht. Der Mensch erkennt das Gute und scheitert dennoch im Handeln. Diese Erfahrung zeigt sich im Alltag: Vorsätze werden gefasst und nicht eingehalten, Beziehungen leiden unter Egoismus, Verantwortung wird aufgeschoben usw.
Wir können nur unter Bedingungen leben, die sich nicht ausschalten lassen. Alles, was wir tun, ist Form der Antwort auf den Lebensatem. Das Menschsein besteht darin, zwischen Grenzen und Möglichkeiten zu leben, zu wählen und auf das zu reagieren, was bereits empfangen ist. Das entscheidet sich im Leib; ob der Mensch sein Leben im Bewusstsein der Abhängigkeit von Gott, dem Geber, gestaltet oder versucht, das Leben allein zu beherrschen.
Die theologische Konsequenz ist klar: Wer den Leib leugnet oder seine Begrenzungen ignoriert, versteht weder sich selbst noch die Ordnung der Welt, wie sie auch in der Schöpfungsgeschichte angezeigt wird. Die Spannung zwischen Erde und Atem bleibt in jedem konkreten Handeln präsent und fordert ständige Wachsamkeit, Aufmerksamkeit sowie ehrliche Entscheidung.

Tragende Spannung
Die Spannung zwischen Erde und Atem bleibt dauerhaft bestehen. Sie wird nicht durch Fortschritt, Karriere, technische Innovationen oder gesellschaftliche Ideologien aufgehoben. Sie kann auch nicht optimiert oder vollständig kontrolliert werden.
Gerade deshalb ist die Beziehung zu Gott keine zusätzliche religiöse Dimension, sondern eine existenzielle Notwendigkeit. Wenn Leben empfangen ist und nicht verfügbar, entscheidet sich menschliche Existenz daran, ob sie diese Herkunft anerkennt oder ausblendet. Die Bibel zeigt, dass die Spannung selbst die Wahrheit des Menschen widerspiegelt: Wir sind zugleich begrenzt und empfangend, sterblich und lebendig, endlich und von Gott angerufen. Der Mensch bleibt aus Erde gemacht und vom Atem Gottes getragen. Beides gilt gleichzeitig.


