
Die Aussage, der Mensch sei Ebenbild Gottes, gehört zu den Grundsätzen des christlichen Menschenbildes. Für viele ist sie selbstverständlich, für andere leer und für manche kaum mehr verständlich. Oft bleibt unklar, was damit konkret gemeint ist. Handelt es sich um eine religiöse Ehrenbezeichnung, um eine moralische Forderung oder um eine symbolische Redeweise ohne realen Bezug?
Und die Unklarheit verschärft sich angesichts der Wirklichkeit menschlichen Handelns. Menschen zerstören Leben, lügen einander an und hassen andere. Die Geschichte liefert dafür ebenso viele Beispiele wie der normale Alltag. Daraus ergibt sich eine naheliegende Frage: Was bedeutet das Ebenbild Gottes, wenn der Mensch dieser Bezeichnung so offensichtlich widerspricht?
Konkret geht es um eine ontologische Klärung: Ist das Ebenbild Gottes eine bleibende Grundbestimmung des Menschen oder bloß eine Aussage, die unter der Last menschlicher Schuld ihren Gehalt schon längst verloren hat?

Ontologische Grundbestimmung
Die biblische Grundlage findet sich in Genesis 1,26–27: „Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich! (…) Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn.“ Das Ebenbild ist dem Menschen gegeben, noch bevor von seinem Handeln die Rede ist. Diese Reihenfolge ist theologisch entscheidend. Der Mensch ist Ebenbild Gottes, weil Gott ihn so geschaffen hat. Und es ist nicht an sein Verhalten gebunden, ganz gleich, wie unwürdig der Mensch sich verhält.
Der Gedanke lässt sich weiter entfalten. Denn im Geist des Menschen gibt es etwas, das der Natur Gottes ähnlicher ist als alles andere in der geschaffenen Welt. Der Mensch besitzt geistige Grundkräfte – Vernunft, Wille, Erinnerung, Entscheidungsfähigkeit –, die ihn befähigen, zu erkennen, zu urteilen und zu lieben, analog zum Schöpfer. Die Grundstruktur bleibt auch dann bestehen, wenn der Mensch diese Fähigkeiten gegen ihre eigene Ordnung einsetzt. Ein Mensch, der lügt, bleibt ein vernunftbegabtes Wesen. Ein Mensch, der hasst, bleibt zur Liebe fähig. Gerade diese Anlage macht Schuld überhaupt erst möglich.
Die Fähigkeiten, die aus dem Ebenbild Gottes hervorgehen, sind in der menschlichen Natur verwurzelt. Sie können beschädigt oder fehlgeleitet werden, doch sie können nicht ausgelöscht werden, ohne dass der Mensch selbst aufhört, Mensch zu sein. Ein einfaches Beispiel macht dies anschaulich: Ein beschädigtes Instrument bleibt ein Instrument. Es erfüllt seinen Zweck nicht mehr richtig, doch sein Wesen ist weiterhin erkennbar. Ähnlich verhält es sich mit dem Menschen. Die Sünde hebt das Ebenbild Gottes nicht auf. Sie verzerrt seine Ordnung und richtet seine Kräfte gegen ihre eigene Bestimmung.

Sünde als Widerspruch
Die Erfahrung von Hass, Gewalt und Lüge stellt das Ebenbild Gottes nicht infrage, sie macht seine innere Spannung sichtbar. Der Mensch handelt gegen das, was er ist. Genau darin liegt die theologische Tragweite der Sünde. Wäre der Mensch kein Ebenbild Gottes, wären seine Taten lediglich Ausdruck eines biologischen Defekts oder sozialer Mechanik, die durch Optimierung ausgemerzt werden sollte. Die christliche Lehre widerspricht dieser Sicht entschieden.
Menschen erfahren in sich selbst Zerrissenheit. Denn aus ihrem Herzen entspringt viel Übel, das seinen Ursprung in der Sünde hat. Diese Spaltung ist kein Gegenargument zum Ebenbild Gottes und der damit verbundenen menschlichen Würde. Sie ist Ausdruck von Freiheit. Freiheit befähigt den Menschen zum Guten und macht ihn zugleich schuldhaft fähig zum Bösen. Ohne Freiheit gäbe es dann weder Liebe noch Verantwortung.
Die Geschichte bestätigt diese Einsicht auf erschreckende Weise. Dieselben geistigen Fähigkeiten, die Kathedralen, Universitäten und medizinische Errungenschaften hervorbringen, werden auch zur Planung von Vernichtung, Leid und Zerstörung eingesetzt. Der Missbrauch der Fähigkeiten widerspricht ihrer eigenen Ausrichtung.
Durch die Sünde wird das Ebenbild verwundet, jedoch nicht ausgelöscht. Nur dann ist Umkehr überhaupt möglich. Denn wie eine Wunde verändert die Sünde den Zustand, nicht das Sein des Menschen. Diese Sicht bewahrt vor zwei Irrwegen. Der eine reduziert den Menschen auf seine Taten und zerstört jede Grundlage für Vergebung. Der andere verharmlost die Sünde und entzieht der Freiheit ihr Gewicht. Die katholische Lehre hält beides zusammen: reale Schuld und unverlierbare Würde.

Das verwundete Ebenbild
Die Frage, ob der Mensch trotz Zerstörung, Hass und Lüge Ebenbild Gottes bleibt, führt zu einer klaren Antwort: Ja, gerade darin zeigt sich die Tiefe dieser Aussage. Das Ebenbild Gottes ist keine moralische Auszeichnung. Es ist eine ontologische Grundstruktur, die Freiheit, Vernunft und Beziehungsfähigkeit einschließt.
Dies verschärft die Verantwortung des Menschen. Wer Ebenbild Gottes ist, kann sich nicht hinter Trieben, Strukturen oder Zwängen verstecken. Schuld bleibt Schuld. Zugleich verhindert diese Sicht jede Entmenschlichung. Auch der Schuldige bleibt Mensch vor Gott.
Christliche Hoffnung gründet genau hier. Wenn das Ebenbild Gottes nicht zerstört werden kann, bleibt der Mensch ansprechbar für Umkehr, Heilung und Erneuerung. Die Erlösung setzt nicht an einem fremden Wesen an, sie richtet sich an den Menschen, der trotz aller Verirrung bleibt, was Gott ihn geschaffen hat: Sein Ebenbild.


