
Wer ist Gott? Eine Frage nach einer realen Wirklichkeit. Denn das Wort „Gott“ ist die am häufigsten gebrauchte Vokabel in der Menschheitsgeschichte. In Redewendungen, in Dankbarkeit, im Zorn, in politischen Debatten, in persönlichen Krisen, im positiven wie im negativen Sinn wird Gott angebetet, angerufen, angeklagt und sogar beleidigt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass früher oder später im Leben jedes Menschen die Frage auftaucht: Wer oder was ist Gott? Dabei bleibt oft unklar, wer oder was mit „Gott“ überhaupt gemeint ist. Der christliche Glaube behauptet, dass hinter der Frage eine Wirklichkeit steht und dass diese Wirklichkeit erkennbar ist, auch wenn sie dem menschlichen Verstehen teilweise entzogen bleibt.
Gott in der Bibel
In der Bibel ist die Bezeichnung „Gott“ keine Beschreibung für eine unbestimmte Macht oder ein abstraktes Prinzip. Schon im Alten Testament wird dies deutlich: Gott wählt Menschen aus (Gen 12,1–3), schließt mit ihnen Bund (Gen 9,8–17) und tritt in konkrete Beziehung zu ihnen (Ex 19–24; 1 Sam 16,7–13). Es geht hier um Gottes Identität, nicht um eine beliebige Vorstellung von „Größe“ oder „Unbegreiflichkeit“. Als Mose nach dem Namen Gottes fragt, erhält er eine klare Selbstbestimmung: „Ich bin, der ich bin“ (Ex 3,14). Dieser Satz sagt Entscheidendes aus: Gott ist kein Teil der Welt. Er ist nicht verfügbar, nicht kontrollierbar, nicht für menschliche Zwecke einsetzbar.
Gott begegnet den Menschen nicht neutral. Er spricht zu ihnen, gibt Orientierung und zieht Konsequenzen aus ihrem Handeln. Dies geschieht nicht, um zu bestrafen, sondern um Sein Wesen als Ursache von Wirklichkeit und Verantwortung sichtbar zu machen. Gott ist nicht beliebig austauschbar, weil Sein Handeln konsequent, verlässlich und nachvollziehbar ist. Wer Gott ernst nimmt, erkennt Ihn als konkrete Identität, nicht als Projektion menschlicher Wünsche.
Ein Beispiel dafür ist der Bund Gottes mit Israel. Gott wählt dieses Volk aus, nicht weil es besonders mächtig oder klug ist, sondern um Sich den Menschen Selbst zu offenbaren. Durch diese Wahl und die darin enthaltenen Gebote zeigt sich, wer Gott ist: ein persönlicher Grund der Wirklichkeit, der handelt, sich mitteilt und dadurch erkennbar wird. Diese Handlung macht die Gottesfrage konkret: Gott ist kein Prinzip, sondern eine erkennbare Wirklichkeit.
Viele zeitgenössische Gottesvorstellungen bleiben bewusst vage. Gott gilt als Symbol für Hoffnung, Zusammenhalt oder innere Balance. Solche Bilder mögen trösten, sie erklären jedoch nichts. Der christliche Glaube hält daran fest: Gott ist wirklich und am Menschen handelnd. Er existiert unabhängig davon, ob Er gebraucht wird oder in die eigene Vorstellung passt. Seine Wirklichkeit lässt sich nicht verharmlosen, ohne den Kern zu verlieren.

Gott in Jesus Christus
Die entscheidende Zuspitzung der Frage „Wer ist Gott?“ zeigt sich im Neuen Testament. Gott wird sichtbar in einer konkreten Person: Jesus von Nazareth. Jesus ist nicht nur ein Lehrer oder Prophet; Er ist die Offenbarung Gottes selbst. In Ihm wird Gottes Identität sichtbar und überprüfbar. Er spricht von Gott als Seinem Vater, handelt in Seiner Macht und zeigt dadurch, dass Gott personal und aktiv ist. In Johannes 14,9 sagt er: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“. Damit macht Jesus deutlich: Gott ist keine abstrakte Idee, kein Prinzip, keine neutrale Kraft. Er ist eine handelnde Wirklichkeit, eine Person, die sich durch Worte, Entscheidungen und Taten Jesu Christi zeigt.
Die Evangelien berichten, dass Jesus Autorität ausübte, die allein Gott zukommt. Er vergibt Sünden (Mk 2,5–10), heilt Kranke (Lk 5,17–26), treibt Dämonen aus (Mk 1,23–27) und bezeichnet sich als den Weg zu Gott: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh 14,6). Jesu Handlungen machen Gottes Identität konkret: Er ist erfahrbar personal, handelnder Ursprung, der die Welt nicht nur erschaffen hat, sondern in ihr wirkt. Jesus zeigt auch zugleich, dass Gott Beziehung fordert und will. Dafür geht der Vater so weit, dass Er Seinen Sohn den Menschen zuliebe geopfert hat.
Jesu Handlungen enthalten zudem moralische und existentielle Dimensionen, die Gottes Wesen offenbaren. Wenn Er heilt, zeigt Er Barmherzigkeit und Macht; wenn Er Sünden vergibt, zeigt Er Autorität und Gerechtigkeit; wenn Er sich als „Weg, Wahrheit und Leben“ bezeichnet, zeigt Er die einzige verbindliche Orientierung für den Menschen.
Auch wird es provokant. Ein Gott, der sich festlegt, als Mensch geboren wird, lebt, leidet und ja sogar stirbt, widerspricht dem Wunsch nach religiöser Offenheit ohne moralischen Anspruch. Der christliche Glaube hält dagegen: Ein Gott, der sich zeigt, verlangt Stellungnahme. Neutralität ist keine Option: „Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut“ (Mt 12,30).

Die entscheidende Frage
Die Frage „Wer ist Gott?“ führt im christlichen Glauben nicht in einen offenen Bedeutungsraum. Sie zielt auf eine bestimmte Wirklichkeit. Gott bleibt dem menschlichen Denken entzogen und größer als jede begriffliche Fassung, doch Er ist nicht unkenntlich geblieben. In Jesus Christus ist Gott in der Geschichte greifbar geworden und hat sich als personaler Ursprung aller Wirklichkeit gezeigt.
Die Gottesfrage ist keine Frage nach persönlicher Vorliebe. Sie berührt das Verständnis von Wahrheit, Verantwortung und menschlicher Existenz selbst. Wer Gott ist, geht jeden Menschen an; die Frage stellt sich jedem früher oder später. In der Antwort entscheidet sich, wie der Mensch sich selbst und die Welt versteht.


