
Vergebung gehört zu den Forderungen Jesu, die unserem spontanen Gerechtigkeitsempfinden widersprechen. Wer verletzt wurde, will das Unrecht festhalten, die Schuld benennen und eine Form von Ausgleich sehen. Diese Reaktion ist verständlich. Unrecht ist real und hat oft drastische Folgen. Genau hier setzt die christliche Rede von Vergebung an.
Das Evangelium fordert keine Relativierung von Schuld. Es fordert eine Entscheidung über den Umgang mit ihr. Denn christliche Vergebung bedeutet, auf Vergeltung zu verzichten und die endgültige Bewertung der Tat nicht selbst zu vollziehen. Ein ganz anderer Umgang mit Schuld.
Vergebung und Gottes Gericht
Jesus hat Schuld nie in ihrer Wirklichkeit verneint. Aber Er war ganz radikal für die Klärung der Zuständigkeit. Schuld bleibt Schuld. Die Frage lautet, wer das letzte Wort darüber hat, wie mit ihr nun umgegangen werden soll. Vergebung bedeutet deshalb, auf Vergeltung zu verzichten und die endgültige Bewertung der Tat nicht selbst zu vollziehen. Das ist ein bewusst gesetzter Schritt.
Jesus verbindet Vergebung ausdrücklich mit der Beziehung zu Gott: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben“ (Mt 6,14-15). Gott nimmt Schuld ernst und spricht darüber ein Urteil. Gleichzeitig nimmt Er dem Menschen die Aufgabe ab, Schuld dauerhaft selbst zu verwalten. Will man nicht vergeben, hält man an Schuld als eigener innerer Angelegenheit fest. Damit bleibt der Verletzte an das Geschehen gebunden, auch wenn die Tat längst vorbei ist. Nur Vergebung löst diese Bindung.
Im Evangelium ist Vergebung nicht nur bei Jesus ein wichtiges Thema. Bereits am Beispiel des Stephanus wird christliche Vergebung sichtbar: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“ (Apg 7,60) ruft er zum Himmel, während er gesteinigt wird. Ganz klar nennt Stephanus das schreckliche Geschehen ausdrücklich Sünde. Damit erkennt er das Unrecht an, das ihm angetan wird. Er erklärt es nicht für harmlos. Aber Stephanus verzichtet darauf, selbst Richter über die Täter zu bleiben. Er entscheidet sich, das Urteil Gott zu überlassen. Mehr noch: Denn Stephanus bittet Gott um Gnade für seine Peiniger. Ein Höhepunkt christlicher Vergebung!

Vergebung im persönlichen und gemeinschaftlichen Leben
Verletzungen entstehen nicht nur in Extremsituationen. Sie entstehen im Alltag, in Familien, in Freundschaften, am Arbeitsplatz. Ein Wort zur falschen Zeit, eine ungerechte Entscheidung, ein Vertrauensbruch. Der Mensch steht dann vor einer praktischen Wahl. Er kann das Geschehen dauerhaft in Erinnerung halten oder es auf Vergangenes begrenzen. Wird jede Verletzung innerlich konserviert, wird sie auch in neue Situationen hineingetragen. Die Wirkung dieser Erinnerung prägt dann unser Denken, Fühlen und Handeln.
Das Evangelium verlangt nicht, dass der Schmerz sofort verschwindet. Es verlangt die Bereitschaft, dem Schmerz nicht die Führung zu überlassen. Vergebung bedeutet, die eigene Freiheit nicht vom Vergangenen abhängig zu machen. Deshalb ist Vergebung kein einmaliger Vorgang. Sie ist eine bewusste Entscheidung, die oft wiederholt werden muss, zu Not „bis zu siebzigmal siebenmal“ (Mt 18,22).
Der Mensch muss Verantwortung dafür übernehmen, wie er mit Schuld umgeht, bevor er vor Gott tritt: „So lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst“ (Mt 5,23–24). Das gilt auch für die Kirche als Gemeinschaft. Denn sie kann nur bestehen, wenn sie den richtigen Umgang mit Schuld pflegt. Mit anderen Worten: Die Kirche lebt aus Vergebung. Aus dem einfachen Grund, dass unterschiedliche Meinungen, menschliche Schwächen und Fehler zu ihrer Realität gehören. Ohne Vergebung würde sie zerfallen.

Vergebung als Ausdruck wahrer Liebe
Vergebung verändert nicht die Vergangenheit. Sie verändert den Einfluss der Vergangenheit auf die Gegenwart. Man entzieht dem erlittenen Unrecht die Macht über Denken und Handeln. Das ist keine Schwäche oder Ausweichen. Es erfordert Mut und Stärke, einerseits sich nicht mehr durch Verletzung bestimmen zu lassen, andererseits die Schuld zu übergeben. Das ist eine klare Entscheidung über die Zuständigkeit. Schuld wird benannt und anerkannt, ihre endgültige Bewertung wird Gott überlassen. Darin liegt die Freiheit, die das Evangelium eröffnet: die Freiheit, nicht mehr durch die Verletzung gebunden zu sein.


